Wer während seines Studiums ein Austauschjahr in Amerika verbringt, erfährt von der landestypischen Sozialisation junger Männer und Frauen für gewöhnlich mehr, als ihm recht ist. Den strengen Dating-Ritualen, die für eine aus europäischer Sicht unnötig starre Ordnung im Geschlechterspiel sorgen (»Never kiss on the first date«), stehen die Entgleisungen in Wohnheimen samt Drogen- und Medikamentenmissbrauch und eine kuriose Enthemmung des sexuellen Begehrens gegenüber. Der propagierten Moral ist in Amerika stets die Pornoindustrie beigesellt, der Bigotterie im Mittleren Westen die Prostitution in Nevada, dem Oval das Oral Office. Derlei ist keineswegs widersprüchlich oder gar als banale Doppelmoral zu fassen, sondern folgt einer lang eingeübten puritanischen Logik: Wer volkspädagogisch die Triebe reguliert, weiß sehr genau, dass er die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich diese unkontrolliert Bahn brechen. Der Wächter der Tugend ist immer auch Pornograf, der Sittenpolizist produziert unweigerlich die Bilder, die er bekämpft. Das Gute und Reine erstrahlt nur vor der Matrix des Bösen und Unreinen, weshalb Letztere auch niemals versiegen dürfen.

In den vergangenen Jahren der wirtschaftlichen Krise vollzog sich in Amerika eine weithin beachtete Rückbesinnung auf den religiös beseelten Gründungskern des Landes: einerseits politisch durch die Tea-Party-Bewegung, die an die puritanische Besiedlung des Kontinents im frühen 17. Jahrhundert erinnert, andererseits aber – was bislang weniger stark beachtet wurde – durch Bücher und Filme volkspädagogischen Zuschnitts, mit denen die amerikanische Sexualmoral derzeit weltweit triumphiert: Die Twilight-Saga, Die Tribute von Panem und – nur auf den ersten Blick in diesem Zusammenhang unpassend – der Porno Shades of Grey, der von einer britischen Autorin abgefasst wurde und von Amerika aus die Bestsellerlisten weltweit erobert. Es handelt sich letztlich um Krisenbewältigungswerke, die für Ordnung im Affekthaushalt sorgen, wenn Unordnung im Wirtschaftsleben herrscht. Anders gesagt: Die amerikanische Exportwirtschaft ist erfolgreich dort, wo es um die Vermarktung puritanischer Vorstellungen von Sexualität geht. Kurioserweise finden die Werke auch in Europa massenhaft Absatz, was sich nicht von selbst erklärt.

Alle drei Werke, von denen zwei bereits äußerst erfolgreich verfilmt wurden, kreisen um die Befindlichkeit einer jungen Protagonistin, die mit ihrer Lust ringt. Sie weiß zunächst nichts über ihr eigenes Begehren, der herausfordernde Blick des Mannes trifft sie gänzlich unvorbereitet. Die Frau ist reines Objekt, das, einmal eingehender beschaut, um Worte und Fassung ringt. Wie im Bestsellerroman Pamela oder die belohnte Tugend (erschienen 1740), der die Matrix für puritanische Nachdichtungen bis in unsere Zeit liefert, wird die Frau in den allerneuesten Tugendromanen und -filmen damit paradoxerweise übersexualisiert. Der prüfend-geile Blick des Lesers und Zuschauers tastet den weiblichen Körper daraufhin ab, ob und wie genau Zeichen der Verführbarkeit sichtbar werden.

Versuchen wir ihn nachzuvollziehen: Die Vampirsaga und Die Tribute von Panem sind – auch von Erwachsenen lebhaft konsumierte – Beispiele einer schwarzen Jugendpädagogik, die das Mädchen als schützenswerte Unschuld, den Mann aber als – vorzugsweise alkoholisierten – Lüstling darstellen. Es hilft nur der Beistand durch den edlen und entschieden affektgedämpften Ritter – der in einem Fall als guter Vampir (Twilight), im anderen als verzärtelter Kampfgenosse im Camp (Panem) in Erscheinung tritt. In Twilight muss der von Bella angebetete Vampir Edward Cullen seinen Blutdurst mit ungeheurer Selbstdisziplin unterdrücken, um mit ihr zusammenkommen zu können. Die Botschaft ist eindringlich, klar und wurde schon oft beklagt: Nur mit intaktem Hymen bleibt die Liebe in Twilight moralisch rein. Edward nennt sich zwar Wolf, Bella nennt er Lamm. Der Wolf aber muss seinen Appetit zügeln, damit das Lamm eine Weile noch Lamm bleiben darf. Erst nach der Hochzeit darf er wieder ein bisschen Wolf, und das Lamm darf jetzt auch ein bisschen wölfisch sein. Schließlich soll Nachwuchs her.

Der vorbildliche Mann ist in puritanischer Tradition der beherrschte – was im Übrigen, folgt man Max Weber, einst zu überaus wirtschaftsförderlichen Effekten führte. Und zwar nicht nur, weil die »innerweltliche Askese« des Tüchtigen mit dem »modernen kapitalistischen Geist« korrespondiert, sondern weil ausschließlich der moralisch integre Kaufmann als kreditwürdig gilt, der »mit wenig finanziellem Aufwand über große Geldsummen« (Benjamin Franklin) verfügen kann. Wer leiht schon dem Lebemann mit seinen zwei Mätressen einen Cent? Geschäftstüchtigkeit und strenge Sexualmoral gehen in puritanischer Tradition eine folgenreiche Liaison ein, von der ideologisch heute nicht nur die Tea Party zehrt, sondern auch das Buch und der Film Die Tribute von Panem.

Die Tribute von Panem spielen in einer fernen Zukunft im diktatorisch regierten Staat Panem. Im Kapitol, der Hauptstadt, herrschen die Sünde, der Suff, das Vergnügen, der Sex. In den Distrikten indes die nackte Not und die edle Selbstbeherrschung der Landbevölkerung, die sich von der Jagd und dem Sammeln von Beeren ernährt. Die Distrikte sind unverkennbar den frühen Siedlungen Amerikas nachgebildet, die Frauen tragen Zöpfe und Kleider aus der Zeit der Pilgerväter, die Männer sind noch richtige Landburschen – böse sind nur der Staat und die verkommene Hauptstadt, die nach Hungerspielen verlangt und diese im Fernsehen überträgt. Alljährlich müssen die zwölf Distrikte zu diesem Zweck jeweils einen Jungen und ein Mädchen bereitstellen, die in einer Arena gegeneinander antreten und sich gegenseitig abschlachten, bis nur noch ein Kämpfer übrig bleibt.