Adriana Altaras"Meine Tante schmuggelte mich raus"

Die Regisseurin Adriana Altaras über ihre jüdische Familie und ihre Flucht aus dem kommunistischen Jugoslawien. von 

ZEITmagazin: Frau Altaras, Sie wirken wie ein Mensch, der das Leben bei den Hörnern packt.

Adriana Altaras: Ich bin Widder und denke immer, dass ich die Welt im Griff habe. Aber das Umgekehrte ist der Fall. Alles, wovon ich dachte, das passiert mir nie, stößt mir dann zu. Die Schauspielerin Corinna Kirchhoff hat mir mal erzählt, der Theaterregisseur Peter Stein habe sie so angebrüllt, dass sie sich danach umbringen wollte. Da habe ich getönt: Das würde mir nie passieren! Dann hat mich in den neunziger Jahren der Regisseur Klaus Emmerich, der ungleich unbedeutender ist als Peter Stein, fertiggemacht, und ich wollte mich sofort ersäufen. Außerdem war ich felsenfest davon überzeugt gewesen, dass ich Töchter kriege. So sehr, dass ich in Therapie gegangen bin, als ich einen Sohn bekam.

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ZEITmagazin: Dabei erscheinen Sie mir wie die typische Mutter von Söhnen.

Adriana Altaras

52, ist Schauspielerin und Theaterregisseurin. Sie ist in Zagreb geboren und wuchs im italienischen Mantua und in Marburg auf. Sie ist unter anderem in dem Film Mein Führer von Daniel Levy zu sehen. Die Geschichte ihrer Familie erzählt sie in ihrem Buch Titos Brille, an dessen Fortsetzung sie schreibt. In Linz inszeniert Altaras die Oper Pariser Leben, sie hat im Herbst Premiere.

Altaras: Man sieht sich oft anders, als man ist. Ich denke ja auch manchmal, ich sei Dagmar Berghoff . Bin ich nicht! Ich habe in Deutschland öfter versucht, eine große Blondine zu sein, und war immer schockiert, dass ich nicht so rüberkomme.

ZEITmagazin: Gab es für Sie etwas, das Sie gerettet hat?

Altaras: Ich würde erst mal eher fragen: Was hat mich nicht gerettet? Das geht doch wohl jedem so.

ZEITmagazin: Manche Menschen führen ein ruhiges Leben, fern von jedem Abgrund.

Altaras: Und da kommen Sie dann auch vorbei mit Ihrem Kassettenrekorder? Meine Astrologin hat mir gesagt: Es gibt Menschen, die haben ein Leben wie ein Sonntagsspaziergang.

ZEITmagazin: Wie das Leben erscheint, hat viel mit der eigenen Wahrnehmung zu tun. Es gibt Temperamente, die dramatisieren alles.

Altaras: Wirke ich so? Also das Erste, was mich gerettet hat, war meine Flucht aus Jugoslawien . Ich finde, sozialistische Staaten wirken am schönsten auf Fotografien. Ich habe mir einen Kalender aus Sarajevo mitgebracht, wo Marschall Tito drauf ist. Als Kalender super, aber live war das Leben dort ein Albtraum. Ich war vier, als mich meine Tante nach Italien geschmuggelt hat. Da kam ich auf eine italienische Mädchenschule, mit schwarzem Kleidchen, weißem Kragen und rosa Schleife. Katholischer Religionsunterricht. Zum Glück holten mich meine Eltern, die inzwischen in Deutschland waren, nach und schickten mich auf die Waldorfschule. In meinem Fall hatte das eine befreiende Wirkung.

ZEITmagazin: Wie alt waren Sie, als Ihre Eltern Sie nach Deutschland holten?

Altaras: Sieben.

Leserkommentare
  1. Auf der Titelseite:
    "Die Eltern der jüdischen Regisseurin Adriana Altaras flohen aus dem kommunistischen Jugoslawien. Fortan wurde sie wechselweise katholisch und anthroposophisch erzogen."

    Im ganzen Text kommt dann einmal "Waldorfschule" und einmal "Eurhythmie" vor, aber kein einziges mal "anthroposophisch" o.ä. vor.
    Merkwürdig oder?
    Na ja ist aber so wie immer, Waldorfschule schadet den meisten SchülerInnen nicht.

    • Hagmar
    • 21. Juli 2012 14:39 Uhr
  2. Liebe Adriana,
    jüdischen Humor bei orthodoxen Rabbinern zu suchen scheint mir nahezu aussichtslos. Versuch es lieber mal bei dem liberalen Rabbiner Tovia Ben-Chorin in der Synagoge Pestalozzistraße in Berlin. Bei ihm ist selbst eine Shiur so komisch, dass man vor Lachen fast unter den Tisch rutscht.
    Bis bald mal wieder
    HAASE

  3. »Eurhythmie« schreibt man übrigens ohne »h«, zumindest in der anthroposophischen und der Waldorfversion : Eurythmie.

  4. aber wie Adriana Altaras schon selber sagt gehören die Widder nicht unbedingt zu denen mit dem "ruhigen Leben". Interessanter sind die unruhigen allemal.

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