DIE ZEIT: Herr Weise , Sie haben den Osten in Ihrer Geburtsurkunde stehen...

Frank-Jürgen Weise: Ja, viele sind erstaunt, wenn ich verrate, wo ich geboren bin: in Radebeul bei Dresden . Wir haben uns in meiner Familie früher mit einem gewissen Stolz als Sachsen bezeichnet, und ich habe mir in all den Jahren einen Bezug zur alten Heimat bewahrt. Gleichzeitig war ich immer bereit, dort zu leben, wo es Arbeit für mich gab. Meine Eltern haben mir Mobilität und Flexibilität vorgelebt, und das prägt mich bis heute.

ZEIT: Ein Mantra von Ihnen als Chef der Bundesagentur für Arbeit lautet, dass Arbeitnehmer mobil sein sollen. Sind die Ostdeutschen dabei Vorreiter?

Weise: Absolut. Ich kenne das von der Bundeswehr, wo überdurchschnittlich viele von ihnen beschäftigt sind. Auch ich habe dort lange gearbeitet und eine hervorragende Ausbildung bekommen. Allerdings bin ich in zwölf Jahren sechs Mal versetzt worden. Diese Bereitschaft, für eine gute Qualifikation jahrelang zu pendeln und flexibel zu sein, die sehe ich besonders bei den Ostdeutschen. In dieser Hinsicht sind sie vorbildlich.

ZEIT: Wie erklären Sie es sich, dass drei von vier Menschen, die aus den neuen Ländern weggezogen sind, nun nach Möglichkeit zurückkehren wollen ?

Weise: Ich habe den Eindruck, dass die Ostdeutschen stärker mit ihrer Heimat verwurzelt sind, mehr an den Eltern und Freunden hängen. Ich selbst finde die Entwicklung in den neuen Ländern unglaublich: Die Städte sehen toll aus, wir haben alle gemeinsam eine gute Infrastruktur geschaffen. Wenn Sie mich fragen, wo ich mir vorstellen kann, einmal zu wohnen, dann fallen mir schnell Orte ein wie Dresden, die Ostseeküste, Schwerin. Dieses Jahr will ich im Sommer mit dem Motorrad die Brandenburger Seen abfahren.

ZEIT: Unter den Rückkehrern sind vor allem hoch qualifizierte jüngere Menschen. Helfen die, den Fachkräftemangel zu beseitigen?

Weise: Ja, das tun sie. Nicht umsonst werden die jungen Ostdeutschen als außergewöhnlich fleißig und wissenshungrig angesehen.

ZEIT: Die Ost-Unternehmen beklagen oft, keine Fachleute zu finden, zahlen aber niedrigere Löhne als Firmen im Westen. Müssten sie sich nicht anpassen?

Weise: Das ist Sache der Tarifparteien, da mischen wir uns nicht ein. Aber die Unternehmen werden immer stärker gezwungen sein, einen Anreiz zu schaffen. Nicht nur bei den Löhnen, sondern auch bei den Arbeitsbedingungen. Hier fällt mir auf, dass die Einstellung, Frauen zu fördern und sie in Führungspositionen zu bringen, im Osten weiter entwickelt ist. Ebenso ist die Kinderbetreuung dort besser organisiert. Ich hätte mir nach 1989 gewünscht, dass wir im ganzen Land das System der Berufsorientierung aus der DDR übernehmen. Es war gut, dass die Schülerinnen und Schüler bereits ab der 7. Klasse durch den »Unterrichtstag in der Produktion« die Arbeitswelt kennengelernt haben.

ZEIT: Zurück in die Gegenwart: Welche Arbeitskräfte werden denn im Osten besonders gebraucht?

Weise: Wir haben dort viele Tausend offene Stellen vor allem in der Metallerzeugung und -bearbeitung, in der Logistikbranche, im Tourismus. Allein bei den Mechatronik-, Energie- und Elektroberufen sind 6600 Arbeitsplätze zu besetzen.

ZEIT: Die Rückkehrer kommen nicht allein, sondern mit ihren Familien, ihren Partnern. Ist für diese ebenfalls Arbeit da?

Weise: Wenn in hoher Zahl Menschen mit Kindern zurückkommen, dann bringt schon das ein Wirtschaftswachstum, aus dem Arbeitsplätze auch für diejenigen entstehen, die nicht zu den gesuchten Fachkräften gehören.

ZEIT: Die Rückkehrer waren teils viele Jahre weg, sie sind angekommen im Westen. Machen die Firmen dort etwas falsch, wenn sie diese Leute gehen lassen?

Weise: Nein, da überschätzen Sie die Möglichkeiten des Arbeitgebers.