OstdeutschlandDer Osten als Magnet

Die Studie des Leipziger Leibniz-Instituts: Drei von vier Auswanderern erwägen die Rückkehr in die neuen Länder. von 

Die Zahlen vermitteln ein starkes Gefühl: das Gefühl, dass der Osten enorm an Reiz gewonnen hat. Wissenschaftler des Leipziger Leibniz-Instituts für Länderkunde haben Hunderte Ostdeutsche befragt, die in den Westen gegangen sind. Nun liegen der ZEIT erste Ergebnisse vor.

74,3 Prozent jener Ostdeutschen , die noch im Westen leben, erwägen demnach ernsthaft eine Rückkehr in die neuen Länder – so viele wie noch nie. Bei 1,5 Millionen Menschen, die seit 1990 abgewandert sind, ergibt sich daraus ein immenses Zuwanderungspotenzial für die neuen Länder.

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Schon heute zeichnet sich dieser Drang zur Rückkehr in Wanderungssalden ab, wie sie noch vor Jahren unvorstellbar erschienen: Der Einwohnerverlust der Ostländer an den Westen ist seit 2010 so niedrig wie nie zuvor; das Musterland Sachsen erreichte im Jahr 2011 gar als erstes der fünf Neuen ein Plus von 3652 Menschen; hier kann man bereits von einer West-Ost-Wanderung sprechen. Etwa 50 Prozent der Zuzügler Ost sind Rückkehrer. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 2010 allein 87.377 Menschen aus dem Westen in den Osten gingen, bedeutet das: Mehr als 40.000 von ihnen waren Rückkehrer.

Beeindruckend ist, wie gut jene ausgebildet sind, die schon heute wieder im Osten wohnen: 71,4 Prozent besitzen einen Hochschulabschluss; 12,1 Prozent haben promoviert. Diese Fachkräfte sind entsprechend wertvoll für eine Ostwirtschaft im Aufschwung.

Kehren diese Menschen als Gescheiterte heim? Im Gegenteil, sie kommen zurück nach glücklichen Jahren in den alten Ländern: 81,2 Prozent der noch im Westen Lebenden fühlen sich in ihrer Gastregion sehr akzeptiert. Jene, die bereits heimgekehrt sind, geben im Nachhinein ebenfalls an, im Westen zufrieden gewesen zu sein – vor allem mit den Bildungsangeboten, dem Einkommen und den Karrieremöglichkeiten dort.

Warum dennoch so viele wieder in den Osten wollen? Waren für die Abwanderung noch harte wirtschaftliche Motive entscheidend, sind es nun weiche Faktoren, die zur Heimkehr verlocken: die Nähe zur Familie und zu Freunden sowie erhoffte soziale Sicherheit. Aber auch die Karrieremöglichkeiten im Osten beurteilen die Rückkehrwilligen längst optimistisch.

Obwohl die Ostdeutschen seit 1990 insbesondere aus wirtschaftlichen Gründen fortzogen, würden sie auch wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen, um wieder im Osten leben zu können: Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, ein geringeres Gehalt, eine weniger qualifizierte Position, einen anderen Beruf zu akzeptieren, falls es im Gegenzug mit der Rückkehr klappt. Ein Blick in die Studie zeigt allerdings auch, dass so viel Verzichtbereitschaft gar nicht mehr nötig ist: Jene, die schon wieder im Osten wohnen, erklären, nicht wesentlich weniger Geld zur Verfügung zu haben als in ihrer Zeit im Westen, in jedem Fall aber wesentlich mehr Geld zu verdienen als dereinst vor der Abwanderung in die alten Länder. Gleichwohl ändern sich die Arbeitsbedingungen: Rückkehrer nehmen ein gewisses Risiko in Kauf; sie arbeiten seltener in Vollzeitjobs und häufiger in Teilzeit als zuvor im Westen. Knapp jeder zehnte Rückkehrer macht sich sogar selbstständig – ein auffällig hoher Wert. Den großen Anteil an Teilzeitarbeitern unter den Zurückgekehrten erklären sich die Leipziger Forscher indes pragmatisch: Viele ziehe es zurück, wenn sie Kinder bekommen – schließlich sei man hier näher an den Großeltern und profitiere von den besseren Betreuungsbedingungen. Die Karriere stellen viele zunächst zurück.

Gibt es noch ein Rückkehrhemmnis? Ja, besagt die Studie: Viele stellen sich den Weg nach Hause schwieriger vor, als er tatsächlich ist. 74,4 Prozent der Rückkehrwilligen fürchten Hürden, etwa bei der Jobsuche. Von jenen, die schon wieder im Osten leben, geben jedoch 64,1 Prozent an, es sei »leicht« oder »sehr leicht« gewesen zurückzukehren. In jedem Fall leichter als gedacht.

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Leserkommentare
  1. würde ich den Sprung in Ungewisse wagen.
    Schöne Landschaften und bezahlbarer Wohnraum ( Kauf oder Miete ) sollten eigentlich locken.
    .
    Es ist auch fraglich, warum nicht mehr Industrien ( Nahrungsmittel oder Textil ) dort angesiedelt werden.
    Geld und Arbeitsplätze in Deutschland zu schaffen und/oder erhalten ist aber für Ackermänner, Merkel & Co. nicht so interessant wie die Unterstützung der Rüstungs- und Finanzindustrie über den Umweg Griechenland.
    .
    Vielen Dank, dass die Steuergelder im luftleeren Raum atomisiert werden.

  2. Aha, endlich die Meldung, auf die wir lange gewartet haben und die vor Allem eines zeigt: Der Aufbau Ost hat grandios gut geklappt. Auch wenn Kritik durchaus förderlich ist, darf man sich doch jetzt im Osten wie im Westen freuen. Hoffentlich hält dieser Trend an!

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  • Schlagworte Einkommen | Gehalt | Geld | Hochschulabschluss | Karriere | Studie
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