Der Schriftzug "Wir sind es wert" ist vor einem Besuch Joachim Gaucks in Rostock am Marktplatz zu sehen. © Jens Büttner / dpa

Kristin Ruske ist ein Kind Sachsen- Anhalts. Sie wurde auf die Welt geholt von Wolfgang Böhmer , der damals, vor mehr als 33 Jahren, noch Gynäkologe in der Lutherstadt Wittenberg war. Als Ministerpräsident in Magdeburg half er Jahre später dabei, das Land zu einem zu machen, in dem Kristin Ruske gern lebt. Er wurde ein Landesvater im besten Sinne.

Und auch sie, Kristin Ruske, hat Wittenberg Gutes getan: obwohl sie so lange nicht dort war. Gerade weil sie als junge Frau zunächst fortzog – dann aber wieder heimkehrte, mit all ihren Erfahrungen aus der Fremde. Während Ruske sich, in Hessen oder Kalifornien, zu einer erfolgreichen Tourismus-Fachfrau entwickelte, behielt sie Wittenberg im Herzen. »Ich wusste immer: Ich fülle meinen Korb mit Erfahrungen«, sagt sie, »und dann bringe ich ihn dahin zurück, wo ich herkomme.« Seit 2011 ist die Frau nun Tourismus-Chefin in ihrem Geburtsort.

Kristin Ruske ist eine von rund 1,5 Millionen Ostdeutschen, die nach dem Mauerfall wegzogen – vor allem aber ist sie eine von den Abertausenden, die nun aus dem Westen zurückströmen. Diese Rückkehrer entschieden sich einst nicht in erster Linie gegen ihre Heimat, sondern für den Beruf, für die Karriere. Denn im Westen gab es Ausbildungsplätze und Jobs. Der Osten hatte davon, nach dem Mauerfall, lange Zeit viel zu wenige. »Die Mehrheit ging nicht aus Frustration über den Osten fort«, sagt der Wissenschaftler Thilo Lang, »sondern weil man keine andere Chance sah.«

Seit geraumer Zeit erforscht Thilo Lang, 36, Fachmann für Regionale Geografie am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig , die Seele der ostdeutschen Auswanderer: Wer sind die Menschen, die aus den neuen Ländern in den Westen und nach ganz Europa zogen, weil sie zu Hause keine Perspektive sahen? Vor allem aber: Unter welchen Umständen würden sie zurückkehren? Und wie denken jene, die sogar schon zurückgekehrt sind?

Mit seinem Team hat Lang eine Studie erstellt, die ihresgleichen sucht: Hunderte Teilnehmer wurden intensiv befragt; nun liegen erste Ergebnisse vor. Was die Forscher bislang herausfanden über die Renaissance des Ostens übertrifft selbst kühnste Erwartungen: Es sehnen sich deutlich mehr Fortzügler zurück in ihre Heimat, als die Wissenschaft bislang vermutete. Drei Viertel der Befragten können sich eine Rückkehr heute gut vorstellen. 43 Prozent von ihnen haben sogar schon konkrete Pläne geschmiedet.

Das passt zu den Erkenntnissen der Statistischen Landesämter: Der Freistaat Sachsen etwa verkündete stolz, dass 2011 erstmals seit 14 Jahren wieder mehr Menschen her- als fortgezogen sind. Und der Ost-West-Wanderungsverlust war 2010 so gering wie nie zuvor.

Was sagen jene Menschen, die nach Jahren in den alten Bundesländern oder im Ausland in ihrer Heimat von vorn anfangen? Warum gingen sie fort – und warum kommen sie jetzt wieder? »Repräsentative Antworten auf solche Fragen kann man kaum geben«, sagt Thilo Lang. »Aber unsere Erkenntnisse sind valide und kommen der Realität sehr nahe.« Die Studie zeichnet ein Bild von Ostdeutschen, die als selbstbewusste und erfolgreiche Menschen zurückkehren – nicht, weil sie anspruchslos geworden wären, sondern weil ihre Heimat inzwischen boomt. Die Anziehungskraft des Ostens ist heute größer als es die Verlockungen des Westens einst waren.

Dafür, dass die neuen Länder attraktiver und lebenswerter sind denn je, sollen hier fünf Menschen stehen; sie sind so etwas wie die lebenden Beweise: Kristin Ruske in Wittenberg, Hasko Weber in Stuttgart , Kristin Löwe in Chemnitz , Siegfried Bülow in Leipzig und Martin Kockert in der Lausitz .

Viele der Rückkehrer sind außergewöhnlich gut ausgebildet. Sie bringen ihrer Heimat oft Wissen, das der noch fehlte.
Thilo Lang, Forscher

Von allen Ostdeutschen, die sich an der Studie des Leibniz-Instituts beteiligten, haben 71 Prozent einen Uni-Abschluss. Mehr noch: Reichlich jeder Zehnte von denen, die schon zurückgekehrt sind, ist promoviert. Und die meisten haben spannende Lebensgeschichten. Wie Kristin Ruske, die Wittenberger Tourismusmanagerin; 33 Jahre alt, blonder Pagenschnitt, energische Stimme. Ihr Job ist wichtig, denn Wittenberg lebt von Besuchern. Manche von ihnen schippern auf Kreuzfahrtschiffen die Elbe entlang. Darin sah Ruske eine Chance. Sie hat, von der Schweiz aus, selbst jahrelang Landausflüge für Kreuzfahrt-Unternehmen organisiert. Nach ihrer Ausbildung jobbte sie auf einem Schiff. Nun versucht Ruske, Touristen von den Elbdampfern in ihre Stadt zu locken. Und das gelingt. Früher seien etwa Amerikaner auf ihren Flusstouren einfach an Wittenberg vorbeifahren. Nun machten hier viele Station – und sind von dem Ort ergriffen. »Einige Amerikaner«, sagt sie, »brechen hier weinend vor der Thesentür zusammen.« Amerikaner, sagt Ruske, seien besonders empfänglich für Spiritualität. Sie weiß das, weil sie vor wenigen Jahren in Los Angeles gelebt hat.