Er gilt als der internationale Schurke schlechthin: Putschist, Islamist, ehemaliger Schutzpatron von Osama bin Laden, Kriegstreiber. Die UN und westliche Länder haben sein Land mit Sanktionen belegt, der Internationale Strafgerichtshof sucht ihn mit Haftbefehl. Kein Staatschef hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen so langen Steckbrief erarbeitet wie Sudans Präsident Omar al-Baschir. Kein anderer hat den internationalen Druck so geschickt für den Machterhalt zu nutzen gewusst. Baschir ist der große Überlebenskünstler im afrikanisch-arabischen Raum. Einen Arabischen Frühling, so hat er in den vergangenen Monaten immer wieder erklärt, »wird es im Sudan nicht geben«. Das Regime zu stürzen, so ein beliebter Spruch aus seinem Machtzirkel, »ist so unmöglich, wie den eigenen Ellbogen zu lecken«.

Khartoum im Juli 2012: »Nieder mit der Militärherrschaft! Baschir, hau endlich ab!«, hallt es seit vier Wochen immer wieder durch die Straßen der Hauptstadt. Es sind kleine Demonstrationen, hier ein paar Hundert, dort ein paar Tausend Menschen, die Polizei jagt sie mit Schlagstöcken und Tränengas, manche verschwinden in den Zellen der Sicherheitsdienste. Aber die Proteste hören einfach nicht auf. »Lick your elbow« nennen die Demonstranten ihre Aktionen. »Leck deinen Ellbogen.« Plötzlich ist das Unmögliche vorstellbar geworden. Nach 23 Jahren bröckelt die Macht des Regimes – und damit auch das System eines autoritären, aber lange Zeit durchaus populären Islamismus. Das ruft nun eine ganze Reihe ausländischer Akteure auf den Plan, unter anderem den Iran und Israel.

Sucht man nach den akuten Ursachen für den Machtzerfall, so genügt ein Blick in die sudanesische Staatskasse: Ein gewaltiges Defizit von 2,5 Milliarden wird für dieses Haushaltsjahr verzeichnet. 80 Prozent des Gesamtbudgets fressen Militär und Sicherheitsapparate – und weil diese als unantastbar gelten, hat die Regierung der Bevölkerung vor einem Monat drastische Austeritätsmaßnahmen angekündigt. Die staatlichen Subventionen für Benzin werden gestrichen, was die ohnehin rapide steigenden Preise für Nahrungsmittel weiter nach oben treibt. Die Steuern werden erhöht, sogar Beamten- und Ministerposten sollen reduziert werden. Die Maßnahmen waren kaum verkündet, da begannen die Proteste. Es erscheint fast profan, dass schnöde Geldknappheit einen Herrscher wie Baschir, beschuldigt des Völkermords in Darfur, in die Ecke treibt. Aber die politisch bedrohliche Finanzlage in der Hauptstadt Khartoum ist ein Resultat eben jener Kriegspolitik, die das Regime seit je gegen Aufstände an seiner Peripherie betrieben hat.

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Der verheerendste dieser Konflikte, der Bürgerkrieg im Südsudan, forderte über zwei Millionen Tote und endete im vergangenen Jahr mit der Sezession des Südsudan. Der Sudan verlor damit nicht nur einen Teil seines Territoriums, sondern auch drei Viertel seiner Ölquellen. Beide Seiten verbissen sich umgehend in einen Streit um die Nutzung der Pipeline, die durch den Norden in die Raffinerien am Roten Meer führt. Im Januar stellte die südsudanesische Regierung die gesamte Ölförderung kurzerhand ein. Ein wahnwitziges Manöver für einen so bitterarmen, jungen Staat, aber eines, das auch den Erzfeind im Norden teuer zu stehen kommt.

Denn dessen Militärausgaben wachsen. Da ist der Bürgerkrieg in der Region Darfur, der weitergeht. Da sind neue Aufstände in den Nuba-Bergen. Die Rebellengruppen verschiedener Regionen haben sich nun zusammengeschlossen und propagieren mit kaum verhohlener Unterstützung des Südsudan den Regimewechsel in Khartoum.

Die unmittelbare Folge dieser Rundum-Kriegsführung ist eine humanitäre Katastrophe im sudanesisch-südsudanesischen Grenzgebiet. Hunderttausende sind auf der Flucht. Hilfsorganisationen melden verheerende Zustände in den improvisierten Camps, viele Flüchtlinge, vor allem Kinder, sterben an Hunger und Krankheiten. Wer im Kriegsgebiet geblieben ist, sucht in Berghöhlen Schutz vor Luftangriffen der sudanesischen Armee und ernährt sich von Gras und Baumrinde.

Die mittelbare Folge sind die Proteste in Khartoum und anderen sudanesischen Städten. Bloß herrscht zwischen urbanen Demonstranten und ländlichen Rebellen bislang Funkstille. Und ohne einen Schulterschluss zwischen beiden wird sich das Regime noch eine ganze Weile halten können.