Lange Zeit interessierte ich mich nicht für Luxus. Ich liebte das Zelten in freier Natur, ich fuhr mit dem Paddelboot durch Mecklenburg und war mit dem Fahrrad auf den Lofoten. Um von A nach B zu gelangen, war jedes Gefährt recht, solange der Wind und ein bisschen Feriengefühl das Herz durchwehten. Mir genügte das Naturschöne – und ob es nun schöner oder hässlicher als das Kunstschöne sei, dieser alte Philosophenstreit quälte mich nicht im Geringsten.

Irgendwie hat mich das Leben dann aber aus der Holzfällerhemdphase rauskatapultiert in maniriertere Milieus, wo Damen zum Opernball stöckeln und die luxuriöse Limousine zur Herberge passen muss. Deshalb parkt an diesem blauen Sommermorgen ein Bentley vorm Wiener Hotel Imperial, und ein piekfeiner Bentley-Boy im hellbeigem Mechanikeroverall öffnet den Schlag, um mich auf den Fahrersitz zu komplimentieren – so formvollendet beiläufig, wie man wohl einst die Kaiserin Elisabeth in die seidentapezierte Präsidentensuite des Imperial bat. Dann erklärt er mir die antiquierten Uhren und silberblitzenden Geräte auf dem Armaturenbrett aus Mahagoni. Extra zu erwähnen, dass die Ledersitze handgenäht sind und tausend einzelangefertigte Teile im Motor stecken, wäre aber höchst unvornehm. Wahrer Luxus spricht für sich selbst.

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So paradieren wir mit 575 PS gemächlich über den Opernplatz. Die Firma Bentley lässt ihre neuen Modelle testen und nennt es Grand Tour. Das heißt, dass man nicht profan Auto fährt, sondern in kultiviertem Tempo die kaiserlichste Strecke Österreichs absolviert (nachdem man zur Einstimmung im Wiener Musikverein die Originalpartituren von Beethoven, Haydn, Brahms besichtigt hat). Wir nehmen die alte, gewundene Straße aus der Klassikerstadt Wien in die Festspielstadt Salzburg , und unsere schwere Aristokratenkutsche fügt sich so geschmeidig in die Gebirgslandschaft, dass selbst Hegel hätte zugeben müssen: Hier harmonieren das Naturschöne und das Kunstschöne perfekt. Was ist Luxus? Das, was eigentlich keiner braucht. Das Unnütze, Verschwenderische, Dekadente. Im Todsündenkatalog der Kirche steht die luxuria für das verbotene Begehren. Aber wenn man mal einen Tag Bentley fährt, merkt man, dass man diesem Begehren viel öfter nachgeben sollte: ein sündhaftes Auto ausleihen, ein überteuertes Hotel buchen oder in die Oper gehen. Denn Luxus ist eine Illusion, die die Lust am Leben steigert und den Spaß am Paddelboot auch.

Technische Daten

Motorbauart: 12-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 423 kW (575 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 4,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 314 km/h
CO2-Emission: 384 g/km
Durchschnittsverbrauch: 16,5 Liter
Basispreis: 202.371 Euro

Evelyn Finger leitet das ZEIT-Ressort Glauben & Zweifeln