Immer ist es das Kraulen, das den Kerl verrät. Fürs Brustschwimmen ist er zu cool, Kraulen kann er aber nicht, also kommt es zu unkontrolliertem Gezappel, bei dem er den Kopf über Wasser hält und ihn wüst nach links und rechts wirft, um die Beckenrandschönheiten zu beeindrucken, die selber nie abtauchen, schon wegen der Sonnenbrille im Haar.

Im Freibad läuft seit Jahrzehnten die gleiche Typenkomödie. Egal, in welcher Stadt, man kann sich auf hügeligen Liegewiesen zu Hause fühlen: Es wartet schon das Deckenlager der Pubertären, auf dem stets eine bekleidete Boykottiererin zurückbleibt, wenn die anderen ins Wasser gehen. Jungs kommen per Kopfsprung ins Becken, Mädchen müssen sich zieren, aber nicht zu sehr, sonst werden sie nass gespritzt. Und während die Liebenden umklammert im Wärmebecken verharren, sitzen hitzefeste Ehepaare auf Klappstühlen im Gras, gleich neben ihren türkisfarbenen Kühltaschen.

Nur an zwanzig Tagen im Jahr herrscht Freibadwetter in Deutschland. Es muss warm und sonnig sein, nicht warm und wolkig, bei unter 25 Grad zeigen sich nur Sonderlinge. "Ich kenne kein Freibad, das nicht bezuschusst werden muss, in Freiburg im Breisgau gibt es vielleicht eine Ausnahme", sagt Klauspeter Schelm, Geschäftsführer der Hamburger Bäderland GmbH und seit Anfang Juli im Ruhestand. Seine Firma macht 26 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, daran sind die reinen Freibäder bloß mit 120.000 Euro beteiligt. Wer ein Freibad betreibe, handele gegen jede Vernunft, sagt Schelm.

Wenn aber mal die Ökonomie zu ihrem Recht kommen soll, begehren ganze Stadtteile auf – es scheint ein gefühltes Bürgerrecht auf ein Freibad zu geben, und wehe dem, der eines schließen will.

Heute muss alles ganz natürlich aussehen

Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt die Geschichte des Freibads: Es ist zunächst eine Ertüchtigungsstätte für Soldaten. Der Sprungturm ist noch militärischen Ursprungs. "Für Sprungtürme gibt es keine rationale Notwendigkeit", sagt der Schwimmbadarchitekt Heinrich Blass aus Euskirchen. "Damals wurden junge Männer mit Stahlhelmen vom Turm ins kalte Wasser geschickt, das war eine Mutprobe." Nach den Weltkriegen ging es mehr um Erholung als um Sport. Auch diese Zeit hinterließ eine Form, erklärt der Architekt: "Damals baute man Durchschreitebecken mit Duschen, weil nicht jeder eine Dusche zu Hause hatte, und drei Meter breite Gehölzstreifen mit fiesen Hecken." Geordnet ging es zu, die Herren schwammen rechts, die Damen links. Manche Menschen versuchen noch immer, geordnet Bahnen zu ziehen, zum eigenen Missvergnügen und dem aller anderen.

Und heute? "Heute muss alles ganz natürlich aussehen: schwingende Beckenformen, hügelige Landschaften, viel Holz, Liegeterrassen." Wahre Naturfreunde aber baden in Seen. Dort, so meinen sie, finde keine "Fleischbeschau" statt, man könne grillen und trinken. Die Anreise ist allerdings meist beschwerlich, und dann sind auch schon tausend Leute da.

Dem See fehlt, was dem Freibad wesenhaft ist: eine aufmerksame Wacht am Wasser. "Das ist kein Job, bei dem man jungen Mädchen am Beckenrand hinterherschaut", sagt der Präsident aller Schwimmmeister, Peter Harzheim aus dem Sauerland. Er fordert mehr Respekt und Toleranz, beklagt, wie oft seine Kollegen im Sommer die Polizei rufen müssen ("Ob’s an der Sonne liegt?"). Peter Harzheim: "Früher gab es den Bürgermeister, den Pastor und den Bademeister . Heute wird Autorität nicht mehr unbedingt akzeptiert."