Bernhard Schmidt ist ein weltoffener Mann. Doch wenn es um die Perfektion des Wanderwegenetzes geht, wird der Schweizer patriotisch. Da sei sein Land weltweit führend. »Selbst die Kollegen aus Deutschland bekommen wässrige Augen, wenn sie sehen, wie präzise wir hier arbeiten«, sagt der Geschäftsführer des Vereins Berner Wanderwege.

Heute gibt es insgesamt 60.000 Kilometer ausgeschilderte Wanderrouten in der Schweiz – das ist Weltspitze. Allein die Länge der Wanderwege im Kanton Bern, für den Schmidt zuständig ist, entspricht der Distanz Bern–Tokio. Die Schweizer haben mit der ihnen eigenen Gründlichkeit das wohl schwierigste Problem der Freizeitdisziplin Wandern gemeistert: die Frage nach der richtigen Zeitangabe auf den Wegweisern. In den Bergen sagt schließlich die Kilometerdistanz kaum etwas über den Zeitaufwand aus.

Doch auch mit Angaben wie »1 Std. bis zur Hütte« kann man mitunter böse Überraschungen erleben. Je nach Wetter und Kondition kann sich die eine Stunde unendlich dehnen. Auch regionale Unterschiede machen dem Wanderfreund zu schaffen. Die Zeitangaben im Kanton Bern etwa galten lange als eher gemächlich, die in Graubünden hingegen als sadistisch. Die Bündner, so erzählt man sich in den Schweizer Alpen, ließen nämlich nicht Durchschnittstypen, sondern topfitte Bergsteiger die Strecken abwandern. Dementsprechend stramme Zeiten kamen zustande.

Wenn es nach Andreas Wipf geht, gehören derart subjektive Angaben der Vergangenheit an. Der Geograf ist in der Schweiz für die Digitalisierung von Wanderwegen zuständig. Seine Mission: eine optimale und einheitliche Berechnung der Marschzeiten.

»Ganz früher«, erzählt Wipf, »wurden die Routen von Freiwilligen abgewandert und die Zeiten gestoppt.« Um subjektive Unterschiede auszugleichen, wurden immerhin noch Mittelwerte berechnet. Dennoch war die Genauigkeit in den Augen von Wipf allenfalls Pi mal Daumen. 2006 machte die Wanderwissenschaft ihren ersten Quantensprung. Damals wurde eine einheitliche Geschwindigkeit von 4,2 Stundenkilometern (in flachem Gelände) als Richtwert festgelegt.

Ein Durchbruch. Schließlich, so erklärt Marschzeiten-Optimierer Wipf, müsse »die Methodik immer und überall gleich sein, damit die Wandernden ihr Tempo mit den Zeitangaben eichen können«. In den siebziger Jahren kalkulierte man mit 4,5 Kilometern pro Stunde. »Die Zürcher allerdings«, erzählt Wipf, »rechneten schon immer mit gemächlichen 4,0 Stundenkilometern.« Mit diesem Durcheinander hat es jetzt ein Ende.

»Überall gleich falsch wäre immer noch besser als manchmal richtig und manchmal falsch«, sagt Wipf. Auch die Gestaltung der Wegweiser wurde optimiert. Während in vielen Ländern Europas unzählige bunte Markierungen fröhliches Chaos verbreiten, herrscht auf Schweizer Wanderwegen einheitliches Gelb, genauer gesagt: Gelb RAL 1007. Darauf kommt die Astra-Frutiger zum Einsatz, ein schlanker, eleganter Schrifttyp, der in der Schweiz für Straßenschilder vorgeschrieben ist. Denn Wanderwege gehören hier offiziell zu den Straßen. Und seit 2006 steht auf Wegweisern auch nicht mehr Std., sondern h – aus Wipfs Sicht ein eindeutiger Fortschritt: »Die Abkürzung h braucht weniger Platz und ist internationaler.«