Wenn amerikanische Ökonomen über die Krisenrettung in Europa und die Rolle der Deutschen reden, fällt oft eine Jahreszahl: 1933 – Höhepunkt der Wirtschaftskrise und Machtergreifung der Nazis. Die Deutschen seien "gefährlich nahe" daran, die Fehler von damals zu wiederholen, urteilt beispielsweise der US-Ökonom und notorische Schwarzseher Nouriel Roubini . Statt hart zu sparen, so wie es damals deutsche Politiker taten, solle man lieber viel Geld ausgeben, um die Krise zu bekämpfen.

Solche Vergleiche hört man jetzt häufiger. Und auch die aktuelle Krise in den USA wird, so wie es kürzlich die Industrieländerorganisation OECD tat, gelegentlich mit den schlimmen dreißiger Jahren verglichen, die jenseits des Atlantiks als die Ära der Great Depression in die Geschichtsbücher eingingen.

Aber sind solche Vergleiche wirklich angemessen?

Ein Forscherteam um den Wiener Ökonomen Karl Aiginger hat jetzt für die ZEIT anhand zehn großer Industrieländer vergleichbar gemacht, wie sich die Krise in den vier Jahren nach 1929 und in den vier Jahren nach 2008 entwickelt hat. Ihr Fazit: Tatsächlich sind Produktion und Welthandel nach der Lehman-Pleite zunächst ähnlich stark eingebrochen wie in den dreißiger Jahren. Doch anders als damals sprangen die Notenbanker und Politiker ein und wussten bisher zu verhindern, dass das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ähnlich tief und dauerhaft abrutschte. Neben diesen Stützungsmaßnahmen halfen auch bessere Renten- und Sozialsysteme, eine Arbeitslosenversicherung, Mindestlöhne und mächtigere Gewerkschaften bei der Stabilisierung.

In der großen Depression zwischen 1929 und 1933 schrumpfte die Wirtschaft der untersuchten Länder im Durchschnitt um mehr als zehn Prozent. In den vergangenen vier Jahren wuchs sie hingegen um 1,2 Prozent. Wenn man noch China und andere Schwellenländer hinzurechnen würde, hätte die Wirtschaftsleistung aller Länder in diesem Zeitraum sogar um mehr als zwölf Prozent zugelegt. Das wiederum ist der Grund, warum etliche Industrieländer auch bei der Exportentwicklung viel besser dastehen als dazumal, allen voran die Deutschen.

Bei der Arbeitslosigkeit wird besonders deutlich, dass die heutige Krise weniger schlimm ist als die damalige. Zwar liegt die Arbeitslosenquote in den USA auch vier Jahre nach dem Ausbruch der Krise noch immer so hoch wie zuletzt Anfang der achtziger Jahre: bei rund acht Prozent. Das ist aber kein Vergleich zu damals: 1933, auf dem Höhepunkt der Krise in Amerika , waren rund 25 Prozent der Bürger arbeitslos. Im Durchschnitt aller Industriestaaten liegt die Arbeitslosigkeit heute um 2,4 Prozentpunkte über dem Vorkrisenniveau, im vergleichbaren Krisenstadium der historischen Krise waren es fast 13 Prozentpunkte.

Allerdings, auch das zeigen die Berechnungen der Wirtschaftsforscher: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Gerade verlangsamt sich das Wachstum wieder in vielen Ländern; im Vergleichszeitraum der dreißiger Jahre kam es schon wieder deutlich aus dem Tal. Der amerikanische Ökonom und frühere IWF-Berater Barry Eichengreen hält es immer noch für denkbar, dass der Weltwirtschaft ein Szenario wie in den dreißiger Jahren bevorsteht. Die Konjunkturkurve würde dann verlaufen wie ein M – nach der Erholung käme ein neuer, weltweiter Absturz.

Anders als noch 2008 hätten die Staaten dann kein Geld mehr, um die Konjunktur zu stützen. Ein "düsteres Szenario", findet Eichengreen selber. Aber bislang eben bloß ein Szenario.