Dem Himmel sei Dank, endlich hat der deutsche Streit um die religiös motivierten Beschneidungen von Knaben mit der glühenden Vehemenz eines Glaubenskampfes auch auf Österreich übergegriffen. Die Medien sind prallvoll mit Für und Wider, und auch Politiker greifen nun das Thema auf. War ja hoch an der Zeit. Der neue Landeshauptmann von Vorarlberg – von dem Mann wusste man bisher nicht viel mehr, als dass es ihn gibt – wandte sich zu Wochenbeginn mit der dringlichen Empfehlung an die ratlosen Ärzte in seinem Bundesland, die Finger von der Vorhaut unschuldiger Buben zu lassen. Mit seinem Spruch folgte der konservative Landesfürst der Forderung des lokalen Parteiobmanns der Freiheitlichen, der ja schon in der Vergangenheit bewies, dass ihm die körperliche Unversehrtheit der Juden besonders am Herzen liegt.

Wie konnte dieses brennende Problem so viele Jahre übersehen, was heißt: ignoriert werden? Verglichen mit so einer Vorhaut-Debatte, sind ja alle übrigen Zores, vom Währungskollaps bis zur Korruptionslawine, geradezu nebbich. Eine konfliktscheue Öffentlichkeit muss sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, feige den Kopf in den Sand gesteckt zu haben. Zu lange war ihr die welthistorische Dimension dieser Fragestellung völlig gleichgültig gewesen. Zum Glück erlebt sie aber nun in einem grundsätzlichen Penis-Diskurs, ganz im Sinne der Discourse Strategies von John Gumperz, ihre kulturanthropologische Kontextualisierung. Denn birgt das archaische Ritual nicht zweifelsfrei Strategien zur Überwindung des Kastrationskomplexes, dessen evolutionärer Ursprung in grauer Vorzeit liegt? Bedeutet diese Erkenntnis dann nicht gleichzeitig auch, dass es sich bei einer rituellen Zirkumzision um einen zivilisatorischen Fortschritt, vergleichbar mit der Entwicklung der Tischsitten in der Frührenaissance und später der Netiquette im digitalen Zeitalter, handelt?

Was sagt uns dazu Sigmund Freud ? Finden sich Hinweise bei dessen abtrünnigen Adepten Wilhelm Reich , dem Entdecker des Orgons und des Postulats von der orgiastischen Potenz? Vermutlich war Reich, im Unterschied zu Freud, nicht beschnitten, da sich seine Eltern schon vor seiner Geburt vom Judentum entfernt hatten – allerdings finden sich darüber keine schriftlichen Quellen im Nachlass. Könnte aber dieser kleine Unterschied nicht den wahren Hintergrund für das Zerwürfnis dieser beiden so unterschiedlichen Pioniere der psychoanalytischen Lehre sein? Hilft uns bei diesem Rätsel Jacques Lacan mit seinem strukturalistischen Deutungsmuster weiter? Müsste man nicht überhaupt, eingedenk von Sein und Zeit, zunächst mit deutscher Gründlichkeit die Fundamentalontologie eines Martin Heidegger zu Rate ziehen und nach sachdienlichen Hinweisen in seinen Holzwegen forschen, bevor man sich zu irgendwelchen Aussagen über die Beschneidung hinreißen lässt? Und was kann der Landeshauptmann von Vorarlberg aus all diesen intellektuell herausfordernden Überlegungen lernen?

Gewiss stört eine eher nahe liegende Frage nur die ersprießliche Auseinandersetzung: Welche Relevanz besitzt das Urteil eines Kölner Gerichts im österreichischen Rechtsstaat? Hier wurde gerade erst ein Gesetz beschlossen, nämlich jenes über ästhetische medizinische Eingriffe, welches religiöse Beschneidung erlaubt. Ist halt bloß ein Paragraf.