Wenn Andreas Schett mit halb geschlossenen Augen seine Trompete ansetzt, verrät sein Gesichtsausdruck nichts von der Anstrengung und den vielen Stunden harter Proben, die heute bereits hinter ihm liegen. Es sieht so aus, als führe er eine Flasche mit einem erfrischenden Getränk an die Lippen. Seine Musicbanda Franui setzt zum Trauermarsch an: Der letzte Seufzer. »Ein gutes Begräbnis ist es erst, wenn irgendwo im hintern Eck die Musiker Witze machen und vorne alle Rotz und Wasser heulen«, ist die Überzeugung der Osttiroler Gruppe. Lachende Töne fliehen aus den Trompeten, vermischen sich mit zögernden Klängen von Geige und Harfe zu melodischer Vieldeutigkeit. Kompositionen, die sich beharrlich weigern, wie von Trauer triefende Volksmusik zu klingen.

Provokation ist das nur dem engen Wortsinn nach, Franui wollen nichts auf die Spitze treiben. Ihre Musik soll allerdings schon Emotionen auslösen: eine Bewegung, und wenn es nur ein kleiner Ruck ist, irgendwo in der Seelengegend.

Für ihr Grenzgängertum ist die Gruppe mittlerweile berühmt. Heuer gastieren Franui zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen, ihre Konzerte sind bis auf den letzten Platz ausverkauft. Es ist der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere.

Am Anfang standen Trümmer und eine Brandruine

Mit vier Fingerspitzen kämmt der 42-jährige Schett sein brünettes Haar zurück, bevor er das Notenheft umblättert und seine Trompete den nächsten Melodiefaden aufnimmt. Im Sesselkreis wird geprobt. Aus zehn jungen Musikern besteht das Ensemble. In einem rustikal-modernen Tonstudio in der Wiener Badgasse stimmt sich die Band bei sanft gedimmtem Licht auf ihren nächsten Auftritt ein. Ruhm und Rampenlicht waren nicht das vorrangige Ziel der Gruppe, bekannt ist sie eher beiläufig geworden. Heute bleibt den Mitgliedern nicht mehr viel Zeit für ihre ursprünglichen Brotberufe. Eine Sozialarbeiterin, ein Hochschullehrer für Musik, eine Schriftstellerin, ein Münchner Philharmoniker und ein Instrumentenbauer haben sich in der Musicbanda Franui verbündet. Mit den Musikinstrumenten, die eigentlich für eine dörfliche Tanzkapelle bestimmt sind, zogen sie in ihrer Jugend über die heimatlichen Friedhöfe und verbogen Trauermärsche zu charmanten Karikaturen. Hackbrett und Harfe, Klarinette, Kontrabass, Akkordeon, Tuba, Geige, Posaune, Trompete, Saxofon – eine gigantische Klangfarbenpalette, die den Tod freundlich zum Tanz aufforderte.

Die Turnschuhe der Musiker klopfen während des Spiels rhythmisch auf den Boden. Verzerrte Gesichtszüge und zugekniffene Augen verraten, dass die Band in der Stimmung der Musik verschwunden ist. Abruptes Erwachen, als ein asynchroner Ton erklingt, nur eine Sekunde zu früh. Die Musik verstummt. Instrumente zurechtrücken und alles noch einmal von vorn. Ein Kopfnicken, ein Blick, ein Hüsteln genügt als klares Morsezeichen für den anderen. Die Musiker verstehen einander auch ohne Worte. Schließlich kennt man sich großteils schon aus Kindertagen.

Auf 1.402 Meter Seehöhe sind sie aufgewachsen, in Innervillgraten, einem abgelegenen Dorf in Osttirol mit 1.000 Einwohnern. Franui heißt dort eine verträumte Almwiese. Das Wort ist rätoromanischen Ursprungs. Keiner weiß genau, was es eigentlich bedeutet. »Aber das ist ja gerade das Schöne«, meint Schett, »dieser Reichtum an Assoziationen, die Vieldeutigkeit.«

Dabei hatte alles traurig begonnen. Am Anfang ihrer Karriere galt es, ein Trümmerfeld zu beseitigen. Das war in den neunziger Jahren, als Schett die Villgrater Kulturwiese mit jährlich über 40 Veranstaltungen verschiedener Künstler aus Literatur, Musik, Theater, Film auf den grünen Matten des Tals organisierte. Tausende Besucher pilgerten jährlich in dieses Nirgendwo, das sich mutig in Avantgarde versuchte. Zeitgenössische Kunst reflektierte örtliche Traditionen, bäuerliches Landleben, Patriarchat, den Einfluss und Überfluss der Kirche. Skulpturen von Fritz Russ wurden an markanten Punkten des Ortsgebietes aufgestellt: Soldaten, Bauern, Schachbrettfiguren aus Müll. Musikerinnen entlarvten Klischees in Volksliedern und besangen als Antwort den Frauenalltag auf dem Land, wie er wirklich ist, frei von jeglicher Dirndlromantik. Franui standen als Haus- und Hofkapelle auf der Bühne, vertonten einen Andreas-Hofer-Stummfilm als Kontrapunkt zum Bezirksschützenfest. Das Fernsehen übertrug 1995 live.