Es wird eine Schlacht der Rekorde. Wenn am Freitag im Londoner Olympic Park die 30. Sommerspiele eröffnet werden, sind 10.500 Athleten sowie zahllose Betreuer und Funktionäre angereist. Team Austria wird mit 70 Sportlern vertreten sein. Die Medaillenhoffnungen sind bescheiden.

Der einflussreichste Vertreter Österreichs wird allerdings ohnehin abseits der Wettkampfstätten tätig sein: Der ehemalige Casino-Direktor Leo Wallner vertritt seit 1998 seine Heimat im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dessen 106 Mitglieder parallel zu den Spielen tagen. In dem obersten olympischen Gremium werden die zentralen Entscheidungen für das globale Großereignis getroffen: über Aufnahme oder Ausscheiden von Sportarten, Sponsoren und die Vergabe von Übertragungsrechten. Es sind meistens ältere Herren, oft Adelige, einige Ex-Sportler und nur wenige Frauen, die über die Zukunft der Spiele beraten.

Der 76-jährige Amstettner Wallner ist einer der wirkungsmächtigsten Delegierten. Er sitzt nämlich auch im obersten Kontrollorgan, in dem dreiköpfigen Audit Committee, das die finanziellen Gebarungen des IOC überwachen soll. Dort geht es um enorme Summen. Allein die Einnahmen aus den Londoner Spielen werden auf über drei Milliarden Euro geschätzt. Wallner sitzt an einem der bedeutendsten Schalthebeln des internationalen Sports.

An der Themse wird der einflussreiche Funktionär das Ungemach, das ihn in Österreich bedrängt, für eine Zeit vergessen können. Vor drei Jahren legte er nach 19-jähriger Tätigkeit seine Funktion als Präsident des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC) zurück. Nun wird er vom Comité unter seinem Nachfolger Karl Stoss auf 800.000 Euro Schadenersatz verklagt. In einem anderen Verfahren fand eine Richterin, er habe vor Gericht mehrfach die Unwahrheit gesagt. Und zuletzt musste er am 11. Juni bei seiner Anhörung vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss «aus gesundheitlichen Gründen« nach zehn Minuten und eigenartigen Antworten nach Hause entlassen werden. Wallner hätte dort erklären sollen, warum die Casinos Austria AG (Casag), die er von 1968 bis 2007 geleitet hatte, der im Eigentum des BZÖ stehenden Werbeagentur Orange 300.000 Euro aus ihrer Kasse zukommen ließ. Just in dem Augenblick, als ÖVP und BZÖ 2006 eine Glücksspielnovelle planten, welche die Geschäfte der Casag empfindlich gestört hätte.

Während der stets tadellos gekleidete Mann am Sportolymp IOC weiterhin unbegrenztes Vertrauen genießt, bröckelt daheim sein eigenes Denkmal, an dem er jahrzehntelang erfolgreich gearbeitet hatte.

Wallner war ein Monument des österreichischen Sports. Der frühere wirtschaftspolitische Berater von ÖVP-Bundeskanzler Josef Klaus saß als Generaldirektor der Casag und IÖC-Präsident an der Schnittstelle von Olympia-Gold und finanziellen Hochleistungsaktivitäten. Eine Verbindung, die vor allem für das Glücksspielunternehmen Vorteile brachte, wie der langjährige ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth nun behauptet. »Dr. Wallner wollte für die Casinos Austria International (CAI) Casinolizenzen in Australien ... schließlich ist es gelungen, diese Lizenz zu erhalten«, erinnert sich Jungwirth in einer Beschuldigteneinvernahme gegenüber der Staatsanwaltschaft Salzburg an eines der Verknüpfungsgeschäfte. Wallners internationaler Casinodrang dürfte auch von Eigeninteresse geleitet sein: Er besaß damals Anteile an der CAI. »Als Gegengeschäft für die Lizenz in Down Under versprach Dr. Wallner als ÖOC für das australische olympische Komitee in Axams/Tirol ein Sporthotel zu kaufen«, so Jungwirth weiter: »In der Folge erwarb das ÖOC auf Anweisung von Dr. Wallner das Hotel Sonnpark in Axams ... Da das Thema nicht über ÖOC-Konten abgewickelt werden sollte, wurde ich ersucht, über mein Privatkonto ›abzurechnen‹.«

Hintergrund der gewagten Konstruktion könnte das strenge Tiroler Grundverkehrsgesetz gewesen sein, das es ausländischen Staatsbürgern bis heute schwer macht, Grundstücke zu erwerben. »2001 war mir der ›Umweg‹ zu belastend und ich ersuchte Dr. Wallner, einen anderen Weg zu finden als mein Privatkonto.« Es war die Geburtsstunde des berüchtigten ÖOC-Geheimkontos Nummer 4293700 bei der Raiffeisenbank Niederösterreich-Wien, das, ebenso wie ein dazugehöriges Sparbuch, von Wallner und dem damaligen ÖOC-Kassier Lothar Scheer eröffnet wurde.

Schon im Jahr darauf wurde laut Jungwirth über dieses Konto der zehntägige Skiurlaub des weißrussischen Potentaten Alexander Lukaschenko samt Anhang in Tirol bezahlt. »Aus politischen Gründen wollte Dr. Wallner das nicht über die Casag verrechnen«, gab Jungwirth in seiner Einvernahme an: »Der Besuch der weißrussischen Delegation hatte mit dem ÖOC und seinen Aktivitäten überhaupt nichts zu tun.« Vielmehr dürfte der feuchtfröhliche Urlaub dazu gedient haben, Casinogeschäfte im scheindemokratischen Weißrussland anzubahnen. Um das damalige Kontaktverbot der EU mit dem Paria-Präsidenten zu umgehen, lud man den Mann mit dem Schnauzbart in seiner Funktion als Präsident des Olympischen Komitees Weißrusslands ein. 206.000 Euro kostete die Visite, inklusive eines Privatkonzerts von DJ Ötzi um mehr als 40.000 Euro und Skilehrerstunden für den Präsidenten. Die anschließende Bergung mit dem Notarzthubschrauber und Behandlungskosten bezahlte ebenso einstweilen das ÖOC. Aufklärungsbedürftig ist auch die Adresse der Rechnung. Sie wurde an das ÖOC zu Händen eines Herrn Gerhard Skoff gestellt. Der Mann hatte aber niemals eine Funktion im ÖOC, sondern war Direktor bei der Casino Austria AG.