Almería wurde 52 Mal von Fliegerattacken heimgesucht, von Fiat- und Heinkel-Bombern, das erste Mal am 6. Januar 1937. An diesem Dreikönigstag warfen allerdings nicht die Deutschen oder Italiener ihre tödliche Last ab, sondern "die anderen": Francos Piloten. Am nächsten Morgen fand der Stadtarchitekt Guillermo Langle in den Trümmern der Calle del Emir eine sterbende Frau mit ihrem toten Kind in den Armen. Das war der Moment, so besagt die Chronik Almerías, in dem sich Langle zur Konstruktion der Schutzstollen entschloss. Im Februar 1937 begannen die Bürger und Verteidiger der Republik mit dem Bau.

Der schlimmste Angriff traf die Stadt indes von See. In der Nacht zum 31. Mai 1937 hatten die Sirenen geheult, und obwohl niemand Fluglärm hörte, gab es keine Entwarnung. Einer der letzten lebenden Zeugen, der 89-jährige José Borbalán, erinnert sich, wie er, damals 14 Jahre alt, im Morgengrauen fünf Schiffe vor dem Hafen zählte. Plötzlich sah er, wie sie kurz und heftig aufleuchteten. Die Beschießung Almerías hatte begonnen.

Die Salven kamen vom Panzerschiff Admiral Scheer – unter seinem damaligen Kommandanten Kapitän zur See Otto Ciliax – und von vier Torpedobooten. Ihre Mission war Rache. Fünf Tage zuvor hatten es zwei republikanische Flugzeuge geschafft, das Panzerschiff Deutschland auf der Reede vor Ibiza zu überfliegen. Eine ihrer Bomben traf die Matrosenmesse, 32 Besatzungsmitglieder starben. Hitler befahl "Vergeltung".

Die Rache an Almería nahm die deutschen Strafexpeditionen des Weltkrieges schon vorweg. 200 Granaten töteten Hausfrauen und Ziegenhirten, Stadtverordnete und Tagelöhner, Fassbinder und Friseure. Einschläge trafen die Hotels Español und Inglés ebenso wie die Banco Español de Crédito oder die Parfümerie Nike. Wehrmachtsapologeten, die sonst die Treffsicherheit der deutschen Waffen nie genug zu rühmen wissen, behaupten heute noch gern, militärisches Ziel sei allein der Hafen gewesen, aber Nebel habe die Sicht behindert... Kommandant Ciliax erhielt aus der Hand seines "Führers" das Spanienkreuz erster Klasse in Gold mit Schwertern.

Knapp zwei Jahre nach dem Bombardement, einen Tag vor dem Ende des Bürgerkriegs, wurde Almería am 31. März 1939 von Francos Truppen besetzt. Wie in anderen Städten verübten sie ein Massaker: Sie erschossen den Bürgermeister, den Provinzgouverneur, Hunderte Republikaner, Gewerkschafter, Kommunisten.

Das also ist "das", was wir "nie vergessen" sollen. Warum nur wird es heute nicht beim Namen genannt? Rafael Quirosa, Historiker an der Universität Almería , versucht es dem deutschen Besucher zu erklären: "Der Bürgermeister war Kommunist. Er hielt seine Parteigenossen dazu an, einen Tag pro Woche ohne Lohn für den Tunnel zu arbeiten. Es waren die Verteidiger der Republik, die diesen ›Raum für das Leben‹ schufen. So weit will man heute die Geschichte nicht ausgraben."

Almería ist ein Beispiel dafür, dass in Spanien der pacto de olvido noch immer nachwirkt. Dieser "Pakt des Vergessens" begleitete nach Francos Tod 1975 den Übergang von der Diktatur zur Demokratie und bestand in der ungeschriebenen Abmachung, dass es keine Neubewertung des Bürgerkriegs und keine juristische Aufarbeitung der nachfolgenden Massaker und Repressionen geben dürfe.

Zwar sind inzwischen ungezählte Bücher über den Bürgerkrieg erschienen, doch zu großen öffentlichen Debatten haben sie nicht geführt, die Schulen kaum berührt. Noch immer liegen Zehntausende Opfer in Wäldern, Feldern, an Straßen verscharrt. Allein in Andalusien, so gab die Regionalregierung nach siebenjähriger Untersuchung bekannt, existieren noch 614 Massengräber, davon 20 aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg. Bis heute hat die Regierung nicht daran gerührt. Die Behörden lassen nur einzelnen Familien Hilfe zukommen, die ihre Angehörigen in Würde beisetzen wollen.

Guernica fand einst Picasso, dessen Gemälde für den spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 die Welt ergriff. Die andalusische Stadt hat Pablo Neruda, den großen Lyriker, damals Konsul an der chilenischen Botschaft in Madrid, der ihr 1937 spontan das Gedicht Almería widmete: "Ein Gericht für den Bischof, ein zerdrücktes und bitteres Gericht, / ein Gericht aus Schrott, aus Asche, aus Tränen, / ein Gericht, gewürzt mit Seufzern und gestürzten Mauern, / ein Gericht für den Bischof, eine Schüssel Blut aus Almería..."

Unnötig, zu sagen, dass die Fremdenführerin im Stollen es nicht nennt. Doch wer kennt es hierzulande? Wer kennt in Deutschland das Schicksal der spanischen Städte – jenseits von Guernica –, die unter deutschen Bomben litten, lange bevor Köln und Berlin, Würzburg und Dresden in Trümmer sanken?