Wahrscheinlich war es am Abend des 7. Mai 2010, als die Hektik in Europa die Macht übernahm. In Brüssel kommen die Staatschefs der EU zu einem ihrer Gipfeltreffen zusammen. Noch während ihnen das Abendessen serviert wird, konfrontiert sie der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, mit den Finanzmarktkurven der vergangenen Tage. Die Lage sei dramatisch, warnt Trichet, das Misstrauen gehe schon so weit, dass einige Banken sich untereinander kein Geld mehr ausliehen. Europa müsse handeln. Sofort. Es ist Freitagabend.

Der zypriotische Präsident fragt nach: Bleiben nicht wenigstens ein paar Tage Zeit?

»Wir haben keine paar Tage mehr«, erwidert Angela Merkel daraufhin. »Wir müssen zeigen, was wir vorhaben, bevor am Montag die Märkte öffnen.« Den Wortlaut aus der vertraulichen Sitzung hat der britische Historiker Peter Ludlow so nachrecherchiert. Sonntagnacht um halb drei präsentieren die Staatschefs ihre Lösung. Die EU werde einen Rettungsfonds von 440 Milliarden Euro bereitstellen, um Wackelstaaten zu stabilisieren. Es war dieses »Wochenende des Schicksals« (Nicolas Sarkozy), an dem Europa entschied, mit allen Regeln zu brechen, die bislang für die Währungsunion galten. Alles, was danach kam – die Griechenland-Hilfen, der Rettungsschirm, die Verfassungsklagen und die anhaltenden Gerechtigkeitszweifel – war eine Folge dieser dramatischen Stunden. Eine Folge von Zeitdruck.

Wie sehr kann die Politik an Tempo zulegen?

Überall in der Politik, nicht nur in Brüssel, herrscht der Sofortismus. Ob aus Angst vor hysterischen Märkten oder vor einem Echtzeit-Journalismus, der kein Zögern mehr erlaubt: Politik spielt sich heute in einer Druckkammer ab. Wer auf Ereignisse nicht augenblicklich reagiert, wird nicht gehört. Und jede Reaktion auf eine Nachricht ist wieder eine neue Nachricht. Vor zwanzig Jahren hat die Nachrichtenagentur dpa jeden Tag etwa 120 Meldungen verschickt. Heute sind es mehr als 750. Ereignisströme und Geschichte beschleunigen sich.

Ein Minister berichtet vertraulich, er lege sein Smartphone kaum noch aus der Hand, er lese ständig Tickermeldungen und Mails, zu Akten- oder gar Bücher-Lektüre komme er überhaupt nicht mehr. Die Kanzlerin, heißt es beruhigend aus ihrem Umfeld, finde durchaus noch Zeit für längere Gespräche und grundsätzliche Erwägungen. Wann? Vor allem auf Reisen, im Flugzeug. Auch weil dort die Handys ausgeschaltet werden müssen.

Wie sehr kann Politik an Tempo zulegen, ohne sich selbst zu beschädigen? Demokratie ist nicht für Hochgeschwindigkeit geschaffen, im Gegenteil, sie setzt Diskurse und Abwägungen voraus. Je komplexer die Themen werden, desto mehr Zeit müssten sich Politiker nehmen. Tatsächlich geschieht das Gegenteil. Ist die gute Staatsführung also akut gefährdet – durch einen Mangel an Nachdenklichkeit, zu wenig Ruhepausen?

Wen immer man im Regierungsviertel auf diese Fragen anspricht, stets scheint ein Nerv getroffen. »Oh ja,« entfährt es einer Sprecherin des Auswärtigen Amtes, »die Erfindung der Uhr war das Ende der Zeit.« Sie werde den Minister gern fragen, ob er dazu einmal offen reden wolle. »Sehr interessantes Thema«, findet spontan auch der Sprecher des Bundesinnenministers; ganz bestimmt werde auch sein Dienstherr etwas dazu sagen wollen. Nach mehreren Anfragen und, natürlich, Terminproblemen lassen sich weder Guido Westerwelle noch Hans-Peter Friedrich auf Gespräche ein. Die Begründung aus dem Innenministerium lautet: Friedrich habe es sich doch anders überlegt; schließlich müssten die Auskünfte, wenn sie dem Thema wirklich gerecht werden sollten, »ja ziemlich persönlich ausfallen«.

Allerdings, das müssten sie. Über den eigenen Zeithaushalt zu sprechen setzt eine Reflexionsbereitschaft über Freiheit und Zwang voraus, sprich: über die Grenzen der eigenen Autonomie. Dazu ist nicht jeder Politiker bereit.

Das iPhone brummt und fiept

Wer mit Carsten Schneider verabredet ist, einem, der über seinen Zeitdruck redet, den geleitet eine Mitarbeiterin zügigen Schrittes einmal quer durch das Berliner Paul-Löbe-Abgeordnetenhaus. Es ist ein Gang durch den Bienenstock des Regierungsviertels. Rund um die schachtartige Halle türmen sich 1700 Büros und Sitzungszimmer, ein Bau wie eine gigantische Politikvollzugsanstalt. Vor den Aufzügen, die anscheinend nie schnell genug fahren, wippen Anzugträger ungeduldig mit den Füßen. Ihr Chef, sagt Carsten Schneiders Mitarbeiterin, habe für das Gespräch eine gute Dreiviertelstunde. Dann müsse er in die nächste Gremiensitzung.

In seinem Büro zeigt Carsten Schneider auf einen Stapel Papiere: Griechenland. EFSF. ESM. Fiskalvertrag. Dazu verschiedene Expertisen von Ökonomen. Seit Wochen liegen sie auf seinem Schreibtisch, einige von ihnen ungelesen. »Ich kann nicht alle Details über die Euro-Krise wissen«, gibt er, der haushaltspolitische Sprecher der SPD, unumwunden zu. Das liegt paradoxerweise auch daran, dass er diese Krise ständig kommentieren und politisch managen muss. Schneider, 36, Kastenbrille, Thüringer, gelernter Bankkaufmann, sitzt seit 1998 im Bundestag. Er ist der Euro-Mann der Sozialdemokraten, derjenige, der die Fachkompetenz der Opposition ausstrahlen soll. »Fast stündlich«, sagt er, beantworte er Journalistenanfragen.

Wer verbietet den Abgeordneten eigentlich sich Zeit zu nehmen?

Schneiders iPhone liegt gleich neben der Kaffeetasse. Es brummt und fiept mehrmals. Schneider schaut gleich nach, wer was will. Ist er noch Herr seiner Zeit? »Es ist ein stetiger Kampf«, sagt er. Er habe schon am Montag schlechte Laune bekommen, als er seinen vollgepackten Wochenplan gesehen habe. »Das Wochenende habe ich im Wahlkreis in Erfurt verbracht, den halben Sonntag wegen Griechenland telefoniert, und dann sehe ich das.« Nee, habe er da gedacht, oh nee! Morgens um sieben aus dem Haus, abends im besten Fall um acht zurück, eher um neun oder zehn. Das Handy würde er dann gern ausschalten. Das Problem sei bloß: »Die Redaktion des morgenmagazins ruft schon mal nach 22 Uhr an, um für den nächsten Vormittag noch einen Termin anzufragen.« Da müsse er rangehen. Und am nächsten Morgen noch früher raus.

Kommunikationsstress herrscht aber nicht nur nach außen, sondern auch im Inneren des Systems. Im April schlugen CDU, FDP und SPD vor, dass spontane Reden im Bundestag nicht länger als drei Minuten dauern sollten. Grund: Für die Beratungen im Plenum sei die Zeit ohnehin knapp bemessen.

Aber wer eigentlich verbietet den Abgeordneten, sich Zeit zu nehmen? Wäre genau das nicht Teil ihrer Souveränität?

Die irre Milliarden-Abstimmung im Bundestag, ätzte die Bild am 28. Februar. »Ihr Abgeordnete, habt ihr eigentlich diese 726 Seiten gelesen, über die ihr da abstimmt?« Es ging damals um das zweite Hilfspaket für Griechenland, um Garantien über 130 Milliarden Euro.

Carsten Schneider wird selbstkritisch, wenn er an diese und andere Abstimmungen denkt. Ausgerechnet in der Krisenpolitik, glaubt er, lasse sich die Opposition zu oft zu Entscheidungen treiben. Die Regierung, so Schneider, baue gegenüber dem Parlament in diesen Fragen einen völlig unnötigen Zeitdruck auf. »Das Argument ist immer, wenn wir bis dann und dann keine Entscheidung haben, brechen die Börsen zusammen. Das ist Schwachsinn! Das müssten wir uns nicht bieten lassen. Die Realität hat gezeigt, dass der Marktdruck ein schwaches Argument ist. Es ist im Zweifel besser, mit einer Entscheidung ein, zwei Wochen zu warten, statt sich unter Stress setzen zu lassen.«

Das eiligste Medium als Leitmedium

Aber woher weiß Schneider, dass es nicht wirklich dringend ist? Wenn er es doch gar nicht schafft, alles zu lesen, was notwendig wäre, um diese Frage beurteilen zu können?

»Ich muss im Endeffekt politische Entscheidungen treffen«, entgegnet Schneider. »Das heißt, ich muss abwägen, was kostet eine Entscheidung finanziell, aber auch politisch? Was für mich zählt, ist, dass die Euro-Zone nicht auseinanderbrechen darf. Das würde für uns nämlich unglaublich teuer.« Er gibt zu, dass ihm in der Hektik schon mal der Durchblick gefehlt habe. »Aber Ihre Journalisten-Kollegen«, sagt er, »die sind doch auch alle erschlagen. Die wissen doch auch nicht mehr, wann was eigentlich wie war.«

Das mag stimmen. In welcher Redaktionskonferenz herrscht schon mehr Muße oder Expertise als im Bundestag? Dennoch pflegt die Branche der Meinungsmacher wie eh und je die Chuzpe, schon heute zu wissen, was morgen wichtig und richtig ist. Auch darin, im Schlagzeilensetzen, liegt eine Beschleunigungsmacht. Die Mehrheitsstimmung ist eine der stärksten Kräfte des Universums. Sie kann Minister ebenso schnell steigen und stürzen lassen wie Promi-Sternchen oder Börsenkurse. Wer wissen will, wohin die Meinung im Stundentakt dreht, der kommt in Deutschland an einer Webadresse nicht vorbei: www.spiegel.de. Kaum noch einen Journalisten oder Politiker dürfte es geben, der nicht mehrfach am Tag checkt, welche Meldung Spiegel Online (SPON) gerade als Topnachricht verbreitet. Carsten Schneider sagt, er tue das »zehn bis fünfzehn Mal«. Er verhalte sich da wie ein Junkie.

Tatsächlich läuft das Meldungsstakkato auf SPON nach einem recht schwarmstiftenden Muster ab. Eine ganze Schar von Hauptstadtreportern ist, bildlich gesprochen, damit beschäftigt, tagsüber die Sauen durchs Dorf zu jagen, die sie morgens selbst losgelassen haben. Jeden Vormittag, so der Anspruch der Redaktion, soll auf dem »HP1« (Homepage-Platz 1) eine eigene Exklusivmeldung stehen. Bis 14 Uhr müssen die Reporter dazu weitere Zitate und Reaktionen eingeholt haben. Aus ihnen wird die sogenannte »Nachdrehe« geschrieben. Danach recherchieren die Redakteure die Nachricht für den nächsten Morgen. Bis 19 Uhr geht die »Analyse« online, ein Text, der zusammenfasst und zuspitzt, wie sich die Nachricht den Tag über entwickelt hat.

»Wir sind gehalten, nie den Fuß vom Gas zu nehmen«, sagt ein SPON-Mitarbeiter. »Ein Kollege meinte neulich: Ein Jahr bei Spiegel online ist wie sieben Jahre bei einer Tageszeitung.« Mal einen Tag zu gründlicher Recherche, zum Einlesen in ein Thema? Gelächter. »Man hat nie das Gefühl, lang genug nachgedacht zu haben.« Gleichwohl orientieren sich viele Zeitungen mittlerweile an den Ereignissträngen, die Spiegel online produziert. Korrespondenten von Nachrichtenagenturen berichten, sie bekämen von der Zentrale klare Anweisungen, über was sie schreiben sollten – und das sei oft nicht das, was sie selbst für wichtig hielten, sondern das, was SPON gerade melde. So wird das eiligste Medium zum Leitmedium.

Griechen-Rettung in 60 Sekunden erklären

Der Pressesprecher von Cem Özdemir kann sich ein Lachen nicht verkneifen, als sein Chef die Sache mit dem Gong erzählt. Der Grünen-Vorsitzende sollte auf einem privaten Radiosender innerhalb von einer Minute die Griechenland-Rettung erklären. Umfassend, bitte, habe der Moderator ihn ermuntert. Nach 60 Sekunden: Gong! Ende der Lektion. »Das war um sieben Uhr morgens«, sagt Özdemir. Er nimmt in der Sofaecke seines Büros Platz, bittet seine Mitarbeiter um eine Tasse Tee und eine Stunde Ruhe.

Das ist viel, nach dem Gespräch warten vor der Tür schon ein neuer Praktikant und ein Kamerateam des Goethe-Instituts. Danach hat Özdemir eine Liste von Telefonaten abzuarbeiten, anschließend geht’s ins Hauptstadtstudio von RTL/n-tv. Dann Treffen mit der Grünen Jugend, noch mal ein paar Telefonate, später eine Rede beim Jahresempfang des Bundesverbands der Mittelständischen Wirtschaft und danach, um 20 Uhr, Treffen der grün regierten Bundesländer. Und ganz eigentlich, zählt Özdemir weiter auf, habe er seiner Frau noch versprochen, dass sie sich gemeinsam eine Folge der US-Serie Curb Your Enthusiasm angucken.

Özdemir hat einmal eine Auszeit genommen. Das war nicht ganz freiwillig. 2002 kam heraus, dass er beruflich erflogene Bonusmeilen für private Zwecke genutzt hatte. Auch um die Affäre abzuwettern, ging Özdemir für ein Jahr nach Amerika. Bei einem Thinktank in Washington forschte er zur Integrationspolitik. »Ich habe mich angemeldet bei Wissenschaftlern und Politikern, habe die regelrecht ausgefragt und dabei unglaublich viel gelernt«, beschreibt er diese Zeit, er fand es einfach »genial«. Eigentlich, sagt er, bräuchten Politiker öfter kontemplative Phasen. Denn natürlich bestehe im Wettbewerb darum, wer zuerst vor die Kamera trete, die Gefahr, »dass man nur von der Substanz zehrt und seine Textbausteine runterspult«. Nur: Eine Auszeit berge die Gefahr, dass sie von der Öffentlichkeit nicht als kluger Schritt interpretiert werde, sondern als Rückzug.

Carstensens Handy klingelt im Auto vor sich hin

Es gibt einen, von dem wollte die Bundeskanzlerin, dass er länger bleibt. Aber er wollte nicht. Als wir uns treffen, ist er noch Ministerpräsident, aber er wirkt schon selig. Zwei Stunden dauert das Gespräch mit Peter Harry Carstensen. Zwei Stunden, in denen sein Handy nicht ein einziges Mal klingelt.

Wo liegt das überhaupt, das Handy?

»Im Auto.«

Und wenn’s klingelt?

»Joa«, sagt der stämmige Landesvater und lacht, dass er wackelt, »dann klingelt das im Auto!«

In Schleswig-Holstein wird Carstensen auch Käpt’n Knuffig genannt, er ist bekannt dafür, dass er sich die Gemütlichkeit von der Politik nicht rauben lassen wollte. Den Satz »Alles hat seine Zeit« hat er sich in Marmor meißeln lassen über der Tür seines Hofes auf Nordstrand. »Danach lebe ich«, sagt der 65-jährige CDU-Mann. »Es ist ein Teil meiner Freiheit, dass ich über meine Zeit bestimmen möchte, so gut es geht.«

Aber wie gut ging es denn? Am Ende, ja, da hat er seinen Ausstieg durchgezogen, wie er ihn angekündigt hatte. Die Zeit davor aber, seine Amtszeit, fasst Carstensen in einem Eingeständnis zusammen: »Ich bin in meinen Handlungen und Entscheidungen noch nie so unfrei gewesen wie in den letzten neun Jahren.« Vor der gläsernen Front seines Büros an der Kieler Förde zieht gemächlich die weiß-blaue Ostseefähre nach Norwegen vorbei. Carstensen blickt hinaus und schmunzelt. Wie gehetzt, wie umklammert er gewesen sei, das sei ihm in Momenten bewusst geworden, in denen er wirklich Zeit zum Nachdenken gehabt habe. Im Boot, beim Angeln. Auf dem Hochsitz, bei der Jagd. Als stundenlang einfach einmal nichts passierte. »Dann saß ich da und fragte mich: Wie kommt das? Du hast den größten Job, den Spitzenjob in Schleswig-Holstein. Du bist derjenige, der die Richtlinien der Politik bestimmt. – Wieso bist du so unfrei?«

Mit den Möglichkeiten steigen die Erwartungen

Ein Grund dafür ist, das gilt für alle politischen Lenker, die Verantwortung. Ein anderer Grund aber, glaubt Carstensen, sei die veränderte Art von Politik gewesen. »Stramm« nennt er sie. Als er 1983 in den Bundestag kam, sei das einzige elektronische Büro-Hilfsmittel ein Diktiergerät gewesen. Heute sorge die Onlinebeschallung dafür, dass Politiker gar nicht anders könnten als »tausend Themen gleichzeitig zu beackern«.

Im Japanischen gibt es ein eigenes Wort für die Leere zwischen zwei Ereignissen. Es heißt ma. Eigentlich müsste es heute mehr ma geben als je zuvor. Denn statistisch betrachtet hat der Mensch des Jahres 2012 mehr Zeit als je ein Erdenbewohner vor ihm. Ganz davon abgesehen, dass sich die Lebenserwartung in den vergangenen hundert Jahren verdoppelt hat, dauert ja einfach nichts mehr so lange wie früher. In Hochgeschwindigkeitszügen kann man telefonieren und arbeiten, Billigflieger bringen einen innerhalb eines Tages in jede Stadt Europas und zurück. Datenpakete lassen sich in Sekunden um den Globus schicken, dazu fallen Urlaubsansprüche üppiger aus denn je. Unsere Zeitkonten müssten prall gefüllt sein.

Glück ist Wirklichkeit minus Erwartungen, sagen die Hindus

Das Problem ist bloß, wenn die Möglichkeiten zunehmen, steigen auch die Erwartungen. Gerade weil eine Mail im Vergleich zu einem Brief im Nu geschrieben und gesendet ist, gehen heute mehr Nachrichten um die Welt als jedes Postunternehmen zustellen könnte, 200 Milliarden sind es jeden Tag, schätzt das amerikanische Internet-Urunternehmen Cisco. Je mehr Arbeit sich aber in einen Tag, in eine Stunde pressen lässt, desto eindringlicher wirkt die Sorge, Zeit verschwendet zu haben, auf die Psyche. Die genutzte Zeit ist heute so dicht, dass sich die ungenutzte anfühlt wie ein größerer Verlust als in der Zeit der Band-Diktiergeräte. Das bedeutet »stramm«.

Natürlich gilt diese Erwartungshaltung auch für die Konsumenten von Politik. Wer im Postamt oder am Fast-Food-Schalter nicht lange warten mag, bringt auch keine Geduld für politische Langstrecken auf. Ist es aber realistisch, von Griechenland, Spanien oder Portugal binnen Monatsfristen grundlegende Staatssanierungen zu erwarten, wenn Deutschland schon für seine Sozialreformen mehrere Jahre gebraucht hat? Ist es klug, einen Atomausstieg zu fordern, bevor die Alternativen gründlich ausgeleuchtet sind? Und wie belastbar war jemals die Annahme, ein in weiten Teilen mittelalterliches Stammesland am Hindukusch binnen zehn Jahren in eine Demokratie verwandeln zu können?

Vielleicht ist es an der Zeit, die umgekehrte Frage zu stellen, nämlich ob Geduld und ehrliche Zeitrahmen nicht ein politischer Wettbewerbsvorteil sein können. Was, wenn Europa viel zu schnell von einem Ziel zum nächsten zu rennen versucht? Glück ist Wirklichkeit minus Erwartungen, sagt ein Hindu-Sprichwort. Trifft das nicht auch auf die Erwartungen an die Geschwindigkeit von Politik zu? Darüber müsste man mal in Ruhe nachdenken.