Fachkräftemangel : Ein Engel für Herrn Schmees

Unternehmer versuchen, junge Spanier nach Deutschland zu locken – zum Beispiel ins Emsland. Bleiben sie?

Die Rettung der deutschen Wirtschaft beginnt in einem Dorf im Norden von Deutschland. In der 2000- Einwohner-Gemeinde Börger, dort, wo es nicht nur, aber besonders viel Wald und Wiesen und Wasser gibt, hofft Frank Schmees, Wirtschaftsgeschichte zu schreiben.

Schmees ist Unternehmer, Handwerksmeister, ein großer Norddeutscher, 40, mit breiten Schultern und blasser Haut. Sein Betrieb installiert die Toiletten in Neubauten, verlegt Kabel, baut Solaranlagen auf die Dächer. Es läuft gut für ihn, im Emsland wird gebaut. Viele Familien mit Kindern ziehen hierher. Nur die, die er braucht, die gehen weg: junge Mitarbeiter. In manchen Gemeinden im Emsland konnten schon 2010 mehr als 150 Lehrstellen nicht besetzt werden.

Letztes Jahr hatte Schmees genug. Er wollte nicht mehr tatenlos zusehen, wie die Nachwuchssuche immer schwieriger wurde. Die Idee: Warum nicht auch in Spanien junge Mitarbeiter anwerben? Dort liegt die Jugendarbeitslosenquote in manchen Regionen bei über 50 Prozent. Es wäre zynisch, zu sagen, dass sich Schmees über diese Zahlen freut, aber er braucht die jungen Menschen. Zusammen mit anderen Unternehmen aus der Region warb er in Südspanien um Nachwuchs. 70 junge Spanier schickten ihre Bewerbungen ins Emsland, 15 von ihnen bekamen einen Platz. Einer davon ist Angel Torres Gallego, 24, dunkles Haar, Dreitagebart. In Spanien ist er fast mit seiner Ausbildung als Techniker für erneuerbare Energien fertig, bei Schmees macht er jetzt ein Praktikum. Seit April ist er in Deutschland, wenn alles gut geht, bleibt er.

Seitdem schaut die Welt auf Börger. Wirtschaftsvertreter und Unternehmer aus anderen Bundesländern beobachten neugierig, was hier im Emsland passiert. Mittlerweile gibt es die ersten Nachahmer, auch Firmen in Baden-Württemberg suchen nach Azubis in Südeuropa, für das kommende Jahr plant die Bundesagentur für Arbeit eine Werbetour durch Spanien, Portugal, Griechenland und Italien. Das Schreckgespenst Fachkräftemangel könne durch junge Südeuropäer vertrieben werden, davon sind viele überzeugt. Mitte Juni diskutierte auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan mit ihrem spanischen Amtskollegen José Ignacio Wert Ortega über die Möglichkeit, Jugendliche aus seinem Land in Deutschland auszubilden.

Er wusste von Deutschland nicht sehr viel

Es ist ein kühler Junitag in Börger, die Presse ist mal wieder gekommen, Fotos werden gemacht. Frank Schmees und Angel Torres Gallego zusammen auf dem Dach, ein Solarpanel in der Hand, der Spanier im Blaumann und Frank Schmees im karierten Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Der Wind bläst Schmees ins Gesicht, seine strohblonden Haare wehen nach hinten. Schmees streicht sie nach vorn, glatt, doch die nächste Böe kommt. Er lächelt, streckt den Rücken durch. Auf dem Bild soll alles stimmen. Wie es mit der Wirtschaft im Emsland und vielleicht in ganz Deutschland weitergeht, liegt nun in den Händen von Frank Schmees und Angel Torres Gallego, so sieht es Frank Schmees. Wie das dem jungen Spanier gefällt, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Aber Schmees arbeitet daran, dass es ihm gefällt.

Inmitten von halb fertigen Häusern, Schutthaufen und Baukränen riecht es nach Land, nach Kühen und Heu und nassen Wiesen. Ein Fichtenwald grenzt an die Baustelle, die Bäume wiegen sich im Wind, eine ganze Neubausiedlung entsteht hier. Der Angel, sagt Schmees, sei »ein ganz Guter«. »Äinschel«, sagt Schmees, auch wenn es eigentlich »Anchel« heißen müsste. Schmees kann kein Spanisch, trotzdem weiß er, was der Name bedeutet. Und irgendwie ist Angel Torres Gallego auch ein Engel für ihn. Mit großen Schritten läuft Schmees über die Baustelle. Hinter ihm trippelt sein Praktikant, fast einen Kopf kleiner. Wenn Schmees einen Schritt macht, muss er zwei machen. Geschickt umrundet Schmees die Pfützen, kurz zuvor hat es geregnet, es ist matschig.

Seit zehn Wochen arbeitet Torres Gallego nun in Deutschland, in Spanien einen Job zu finden sei fast unmöglich, sagt er. Deshalb ist er jetzt hier. Auch in Deutschland verfolgt Torres Gallego die Nachrichten aus seiner Heimat. Er sieht im Fernsehen die Bilder der protestierenden Jugendlichen, der »verlorene Generation«, die für eine bessere Zukunft auf die Straße geht, liest die Schreckensmeldungen zum Niedergang der spanischen Wirtschaft und zur steigenden Jugendarbeitslosigkeit. »Ich wollte schon immer mal ins Ausland«, sagt er. Auf Spanisch, sein Deutsch ist erst ein paar Wochen alt. »Hallo, wie geht’s?«, sagt er wie zum Beweis und lacht über seine holprige Aussprache. Er wusste von Deutschland nicht sehr viel: Die Menschen sind ernst und fleißig, und es gibt viele Jobs.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

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Artikel wie diese werden dann eher weiter hinten angesiedet. 7 Kommentare 16 Facebook links über eine brutale Auswertung der Vermittlung, heißt viele haben den Artikel gar nicht gesehen. "Wir haben darüber berichtet, aber nicht so laut".

In jeder Zeitung wurde über den "Jobmangel" von Schwäbisch Hall berichtet.

Das unter Fachkräftemangel Köche und Kellner gemeint sind würde viele wohl Aufrütteln.

Was ich nicht verstehe

Also was mir recht merkwuerdig erscheint ist die Tatsache, dass angeblich junge Leute das Emsland verlassen, obwohl doch soviele junge Leute auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Also da ich aus der Naehe des Emslandes stamme, weiss ich, dass die dortigen Menschen geografisch reichlich inflexibel sind. Also warum wandern junge Leute ab (ist das empirisch ueberhaupt gesichert?), zahlen die Unternehmen so schlecht oder warum ziehen die Menschen aus ihrer Heimat weg? Aus Jux? Und die Antwort auf die Frage des Artikels ist sehr schlicht, wenn die Einkommen hinreichend hoch sind bleiben auch Spanier. Ich arbeite auch in Korea, weil die in meinem Fall besser zahlen und bessere Arbeitsbedingungen bieten. Ansonsten wuerde ich hier nicht arbeiten. Aber diese simple Erklaerung des Arbeitsmarktes scheint wohl in Frage gestellt zu werden, und muesste anders lauten, bleiben die Spannier auch, wenn Hungerloehne gezahlt werden?

Warum junge Leute aus dem Emsland wegziehen?

Also, meiner eigenen Erfahrung nach (komme aus dem Emsland): Meine Eltern haben drei Kinder, nur meine Schwester ist im Emsland geblieben, mein Bruder und ich sind weggezogen und haben nicht vor, wieder ins Emsland zu ziehen.
Es hat einfach nichts zu bieten. Keine großen Städte, keine reichhaltige Kultur (Museen, Kinos, Theater - von allem gibt es ein bisschen, aber nichts sonderlich abwechslungsreiches), keinen ÖPNV - die Welt ist einfach zu klein.

@ Jaybony

Weshalb erschaffen Sie nicht das, was Sie im Emsland vermissen?
(Was Sie dafür beruflich "können müssen", wissen Sie selbst am besten.)
Die (unsere) Gesellschaftsordnung ist nicht dafür da, IHNEN etwas zu bieten. Verändern Sie doch das, was Ihnen nicht gefällt - im Rahmnen Ihrer Möglichkeiten. Aus einem Mangel(zustand) entstehen erst neue Dinge.
Sie könnten:
1. Eine (ÖPNV)-Buslinie gründen.
2. Ein Kulturzentrum gründen.
3. Was ist gut und positiv am Emsland? Es wäre schön, VON IHNEN darüber etwas zu erfahren.

Der "Witz" ist doch der: Wenn Sie wegziehen - wegen des "Mangels", bleiben die Dinge vor Ort wie sie sind. Nur die Menschen, die den Mangel feststellen und etwas verändern, beiseitigen den Mangel - okay?

Also: Irgendwie haben Sie ja wohl das Geld für die Bahnfahrt oder gar für den Unterhalt eines individuellen, fahrbaren Untersatzes aufbringen können. Schließlich sind Sie bestimmt nicht mit Pferd und Wagen unterwegs gewesen - so "weit ab vom Schuss" kann das Emsland gar nicht sein . . .

Gruß Zeitnager

@ Zeitnager

Mir ist relativ egal, ob es vor Ort bleibt wie es ist. Für mich bietet das Emsland eh keine beruflichen Perspektiven, für meinen Partner auch nicht sonderlich viele.
Mir hat es nicht das Herz gebrochen, dort wegzuziehen - das einzige, was mir wirklich fehlt, sind Eltern, aber auch da denke ich, wird zumindest meine Mutter in meine Gegend ziehen, ins Ruhrgebiet.

Ich glaube nicht, dass es im Emsland einen funktionierenden ÖPNV geben kann. Da es keinen gibt, steigen alle, sobald sie können, auf Individualverkehr um. Dementsprechend wenig genutzt sind Bus und Bahn, dementsprechend wenig rechnet sich das. Wer sich kein Auto leisten kann oder aus gesundheitlichen Gründen nicht fahren kann, hat halt Pech gehabt und hoffentlich Verwandtschaft und Freunde, die helfen.

Bei Kulturzentrum, naja. Es gibt im Emsland einfach nicht die Klientel, die so stark daran interessiert ist, vermute ich einfach. Kultur blüht in größeren Städten, gerne dort, wo es Unis und dergleichen gibt (nicht nur, aber das schadet auf jeden Fall nicht).

Die Frage, was ist gut am Emsland: Kommt halt darauf an, was man will. Man kann toll Kinder dort großziehen, es ist halt alles sehr familiär und sehr ländlich geprägt. Jeder achtet auf jeden (was ich persönlich als Nachteil empfinde, aber es gibt ja auch Leute, die das mögen). Es ist sehr grün, es ist relativ leise, es ist übersichtlich (auch das kann ja ein Vorteil sein). Oh, und es ist relativ günstig, sowohl Haus kaufen als auch selbst bauen.