Orientalischer TanzJede ihre eigene Göttin

Bauchwellen nach Büroschluss: Der orientalische Tanz ist eine Alternative zu Wellness-Oase, Jakobsweg und Burn-out-Klinik. von Margrit Sprecher

In einer Bauchtanzgruppe wird geübt.

In einer Bauchtanzgruppe wird geübt.  |  CC BY-SA 2.0 Krisztina.Konczos

Das größte Problem ist die Lehrerin. Sie ist so klein und zierlich, dass wir allesamt wie Walküren wirken. Stocksteife dazu. Nie werden wir Anfängerinnen diese Bauchwelle hinkriegen, die durch ihren Körper rollt, als hätte sie keine Wirbelsäule. Nie werden unsere Arme wie Lianen im Wasser schlängeln. Dabei könnte sie wohl noch ganz anders. Doch rücksichtsvoll zerlegt sie jede Bewegung in pädagogische Häppchen wie ein Wort in einzelne Silben: Tupf – Schritt. Tupf – Schritt.

Man sieht dem nüchternen Zürcher Geschäftshaus nicht an, was sich in seinem Untergeschoss tut. Und niemand kann glauben, dass diese Business-Frauen, die nach Büroschluss die Treppe hinunterhetzen, gleich die Uhr abstreifen, die Haare lösen und ein Glitzertuch um die Hüfte knoten werden. Kehlige Laute und Trommeln, drängend und fremd, füllen das Studio. Eine Lichterkette windet sich um die orientalisch niedere Sitzbank; das Steinbrünnlein plätschert wie in einem arabischen Innenhof. Großmünster und blau-weiße Trams scheinen auf einem andern Kontinent.

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Vor zwölf Jahren war Maya Farner eine der wenigen gewesen, die orientalischen Tanz, so die korrekte Bezeichnung, unterrichtete. Heute bietet selbst die Migros Kurse an. Hausfrauen, die sich früher beim Tricot-Nähen oder Mutter-Kind-Turnen trafen, üben gemeinsam den Hüftschwung. Berufstätige sehen im Beckenkreisen eine Alternative zu Wellness-Oase, St. Jakobsweg und Burn-out-Klinik. Frauen mit nicht so glanzvollem Leben schminken sich hier eine exotische Seite an. Inzwischen wird in Mehrzweckhallen und Rotkreuz-Kurslokalen unterrichtet. Dass manche Lehrerin kaum mehr von der Sache versteht als ihre Schülerinnen, fällt nicht weiter auf. Hauptsache, es funkelt der Strass und rascheln die Pailletten.

Auf der Suche nach der Frau in der Frau

Maya Farner ist die Einzige, die an der Uni Bern – mit Bestnote – den Master in TanzKultur, Spezialfach Orientalischer Tanz, gemacht hat. Und wahrscheinlich die Einzige in der Schweiz, die vom Unterricht leben kann. Ihre Schülerinnen, ein Drittel davon mit Hochschulabschluss, suchen bei ihr wöchentlich nach jener prallen Weiblichkeit, die im Berufsleben verpönt ist. Dank Sachverstand und Logik haben sie Karriere gemacht. »Jetzt möchte ich mich als Frau entdecken«, sagt eine Mathematikerin. Eine Sportlehrerin hat ihrem Körper bislang »nur Kraft und Schnelligkeit« abverlangt. Nun will sie wissen, was sonst noch in ihm steckt. Und eine Dritte genießt schlicht, dass »hier der Kopf nur hinderlich ist«.

Breitbeinig und plattfüßig stehen sie vor dem wandhohen Spiegel, geerdet wie die Statuen antiker Fruchtbarkeitsgöttinnen. Diese Haltung lässt den Körperschwerpunkt wieder ins Becken rutschen, dort, wo er einst war. Zu schwankenden Blättern im Wind machten die Frauen erst die westliche Kultur, Korsett und Manolo Blahniks. Sie pressten die natürliche Mitte immer höher in Richtung Herz und Halszäpfchen.

Maya Farners erste Liebe gehörte dem Flamenco. Fußtritte als Befreiung vom streng religiösen Umfeld ihrer Jugend. Aufbegehren gegen Vorschriften und Dogmen. Die gestampften Ausbrüche taten ihrer Seele gut. Dafür litten die Knie. Sie verlegte sich auf eine Bewegungsform, die die Gelenke weniger strapazierte, »weil sie nach innen geht«. Nach und nach entdeckte sie auch die andern Vorteile des orientalischen Tanzes. Er bot eine Direttissima zur eigenen Weiblichkeit. »Man kommt nur über den Körper in den Körper.«

Wie die Lehrerin suchten auch viele Schülerinnen die Frau in sich erst in andern Tänzen. Vergeblich. Der Jazztanz macht keinen Unterschied zwischen Männer- und Frauenkörpern. Beim Zumba rackern sich beide Geschlechter auf die gleiche schweißtreibende Weise ab. Beim Pole Dance windet sich die Frau zwar wie im Nightclub um eine Stange. Doch die Fitnessstudios haben aus dem Striptease-Hit längst reine Körperertüchtigung gemacht.

Ebenso wenig brachten die Paartänze. »Beim Salsa benötigte ich einen Partner«, erklärt eine Biologin. Am Tango störte eine andere, dass der Mann den Ton angibt: »Er fragt, ich antworte.« Eine Fotografin, die fast alles ausprobiert hat, was der Markt hergibt, fand nirgends »so viel Selbstbewusstsein und Kraft wie in den weichen, natürlichen Bewegungen im Dance Studio Maya«.

"Wir bleiben immer Kopien"

Schon wahr. Manche Gesten scheinen altvertraut, in entlegenen Hirnwindungen abgelegt und trotzdem sofort wieder abrufbar wie das einmal gelernte Velofahren oder Schwimmen. Anderes ist schwieriger, als es wirkt. Vom Kopfrucken bekommen wir Muskelkater am Brustbein. Und gelingt die Bewegung nicht perfekt, sehen wir im Spiegel ein Huhn, das über den Hof stolziert. Größter Spielverderber freilich bleibt das eigene Gesicht. Die Falte zwischen den Augen spricht vom Stress mit Konto und Kindern statt von Wüste und Weite und glutrot untergehenden Sonnen. Die Mundwinkel erzählen vom ewig gleichen Trott statt von Tausendundeiner Nacht.

Maya Farners Kurse sind überrannt, manche dreifach gebucht. Sie könnte zufrieden sein. Sie ist es aber nicht. »Natürlich hat alles Ethnische die Faszination dessen, was man nicht besitzt. Zurückkommen mit dem Gewinn von dort. Aber wir bleiben immer Kopien.« Schlechte Kopien zudem. Für die Ägypter gehört der Tanz zur gehobenen Unterhaltungskultur und zu jeder Hochzeit. Die Touristen aus Europa und Amerika dagegen sahen im Schütteln von Busen und Bauch nur eines: erotische Anmache. Zumal sie weder Musik noch Text verstanden. Was heute im Westen unter dem plumpen Namen Bauchtanz gezeigt wird, hat nichts mehr mit dem Original zu tun. Fehlende Tiefe und Deutung werden mit Glitzer-BHs, nackter Haut und Chiffon wettgemacht. »Reiner Kultur-Kolonialismus«, urteilt Maya Farner.

Eine weitere Wende nahm die Geschichte in den neunziger Jahren. Die Feministinnen versuchten, den – zwecks weiblicher Selbstfindung als durchaus geeignet eingestuften – Import ideologie-kompatibel zu machen. Die Lösung: der Tribal Dance. Nun tragen die Frauen üppig gerafften Stoff in Erdfarben und tanzen zu eingängiger Folklore aus aller Welt. Und statt die Schaulust des Spießers zu befriedigen, lassen sie ihren Bauch zur eigenen Erbauung kreisen. Motto: Jede ihre eigene Göttin!

Leserkommentare
  1. Ein äußerst faszinierender Artikel! Als jemand, der kaum/keinen Kontakt zu Frauen hat, die Bauchtanz betreiben, habe ich wunderbare Einblicke in das Seelenleben vieler Frauen erhalten, die sich damit beschäftigen.

    Was mich allerdings stört:
    1. Mag sein, dass viele Männer gegenüber einer Arbeitskollegin, die Bauchtanz betreibt, "blöd tun". Für solche Geschlechtsgenossen schäme ich mich immer ein bisschen fremd - ganz davon abgesehen, dass dieses Verhalten für die betreffenden Frauen sehr unangenehm ist. ABER: Nicht ALLE Männer finden das doof oder wollen nur "angemacht" werden. Deshalb finde ich es unfair, zu behaupten, dass "DIE Männer nur blöd tun".
    2. Bei den "verkrampft lächelnden" Party-Gästen hat es sich mit Sicherheit nicht nur um Männer gehandelt. Unverständnis gegenüber dem Bauchtanz gibt es folglich auch unter Frauen.
    3. Nicht alle Männer sind so "grob gestrickt" wie im Artikel beschrieben. Meine Freundin gehört nicht zu den Frauen, die Bauchtanz betreiben. Aber wenn dies der Fall wäre, würde ich sicher nicht "gleich zugreifen". Wenn die im Artikel erwähnten Frauen genau dies "unisono beklagen", liegt das möglicherweise an deren Partnerwahl. Es gibt nämlich sehr wohl (Hetero-)Männer, die in diesen Dingen durchaus feinfühlig sind, ohne dass sie deshalb "Weicheier" wären - ich selbst zähle mich zu dieser Sorte Mann. Die Frauen, die solche Männer bei der Partnerwahl übersehen/verschmähen, sind meiner Ansicht nach IHRERSEITS zu "grob gestickt".

    • Yuliyah
    • 02. August 2012 16:54 Uhr

    Als erfahrene Bauchtänzerin muss ich mich ernsthaft fragen, ob ich über diesen Artikel lachen oder weinen soll. Ein bisschen Recherche kann ja wohl nicht zu viel verlangt sein.
    Allein die Behauptung, dass Maya Farner wahrscheinlich die einzige Orientalische Tänzerin und Lehrerin sei, die von ihrer Arbeit leben kann, ist an den Haaren herbei gezogen. Des Weiteren ist die Art und Weise, wie Mayas Schülerinnen dargestellt werden absolut respektlos und ungerecht.

    Dass die Frauen ihr Hobby verheimlichen ist eine Erfahrung, die ich nicht teilen kann. Tatsächlich sind die meisten stolz auf das, was sie gelernt haben und schämen sich nicht dafür. Auch die beschriebene Reaktion der Männer habe ich in meiner mehr als 5-jährigen Auftrittslaufbahn nicht erleben dürfen. Männer wie Frauen sind stets erfreut und verhalten sich meist zurückhaltend.

    Schade, dass das offenbar nicht in das Weltbild der Autorin passt. Dass sie vom Orientalischen Tanz nichts positives berichten möchte, zeugt eher von ihrer Einstellung, denn von der Realität. Wer eine andere Perspektive kennen lernen möchte, ist herzlich eingeladen, auf meinem Blog http://y2b-blog.de Informationen aus erster Hand zu finden.

    • leeann
    • 03. August 2012 9:43 Uhr

    Schade, dass für den Artikel nicht gut recherchiert wurde. Er strotz vor Zynismus und Bitterkeit. Es ist richtig, dass der orientalische Tanz mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Nach wie vor gibt es aber immer noch viele Tänzerinnen und Tänzer überall auf der Welt - und übrigens auch in der Schweiz - die diesem Tanz voller Respekt und Würde begegnen und die orientalische Tanzkunst weiterentwickeln. Schade! Ich hätte eigentlich von "Der Zeit" mehr erwartet.

    • Nefissa
    • 03. August 2012 12:11 Uhr

    von der Zeit hätte ich so einen Artikel nicht erwartet. Hier werden billige Klischees aneinandergereiht, danach wird die Mathematikerin zitiert, die sich „als Frau entdecken möchte“ (klar, wer so was komisches wie Mathematik studiert hat muss erst mal umständlich entdecken dass sie eine Frau ist...)
    Aber es wird noch schlimmer, nämlich schlicht sachlich falsch. Die mir bis dato unbekannte Maya Farner ist mitnichten „die Einzige in der Schweiz die vom Unterricht leben kann“. Schon einfaches googlen hätte der Autorin viele namhafte Bauchtanzschulen in der Schweiz aufgezeigt. Hätte sie sich dann auch noch der Mühe unterzogen und die eine oder andere Homepage angeklickt, hätte die Autorin praktischerweise auch festgerstellt, dass es auch vor zwölf Jahren schon andere Dozentinen als die vielgepriesene Maya gab.
    Danach wird in wenigen Sätzen die gesamte Tanzszene Ägyptens zu diffamiert. Dort tanzen also nur noch Implantatkugeln. Alle Tänzerinnen aus Litauen und Kanada sind muskulöse Blondinen die besser beim Bodybuilding aufgehoben wären.
    Ja und zum Schluss bekommen „die Männer“ auch noch ihr Fett weg: die sind so grob gestrickt dass sie nicht mal mehr gucken wollen sondern gleich zugreifen.
    Dieser Artikel ist leider nur ein Maya Werbetext und dazu auch noch schlecht geschrieben und völlig ohne jede Recherche zusammengestoppelt. Wäre es nicht so viel Text, dann wäre dieser Artikel wunderbar in der Bild aufgehoben.
    Schade, der Tanz hätte etwas anderes verdient.

  2. Den Anfang fand ich noch lustig, aber gegen Ende packte mich echt die Wut. Die Lobhudelei an Maya Farner ginge ja noch. Ist gut fürs Geschäft, wenn eine Tänzerin eine prämierte Journalistin an der Strippe hat.
    Aber die schlecht recherchierte, kollektive Abstrafung der aktuellen Tanzszene ist das Hinterletzte. Nur die Meinung einer frustrierten Tänzerin wiederzugeben, ohne aus diesem Tanzstudio in die lebendige Schweizer Szene hinauszuschauen?

    Beispiele gefällig?
    Vor 12 Jahren gab es in Zürich 4 spezialisierte orientalische Tanzschulen und heute leben mehrere Duzend orientalische Tanzlehrerinnen vom Bauchtanz in der Schweiz.
    Frau Farner tanzte vor 12 Jahren in Kostümen, die sich kaum von denen heutiger Litauerinnen unterscheiden, nämlich dem aktuellen Schrei (ägyptischer) Schneidereien. Kolonialismus? Nein, Business oder "A Trade like Any Other", wer sich das gut recherchierte Buch zur "gehobenen Unterhaltungskultur" zu Gemüte führen möchte. In Ägypten war früher nicht alles besser...

    Ich habe diese Kunst ohne blöden Kommentare auch vor Arbeitskollegen gezeigt. Weil ich zu diesem Tanz stehe! Und was zum Teufel hat Tribal-Style mit Feminismus zu tun? Nichts, siehe FCBD.

    Ich unterrichte seit 14 Jahren viele wunderbare Schülerinnen, die sich einfach gerne zu orientalischer Musik bewegen, nicht mehr, nicht weniger. Keine Zicken...

    Fazit: Schlecht recherchiertes, unmögliches "Szenen-Bashing", um es mal neudeutsch auszudrücken. Und das in der (Saure-Gurken?) Zeit....

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