Die Justizministerin wählte ihre Worte wie immer mit Kalkül. Sie wusste, wer vor ihr im abgedunkelten Saal des KKL Luzern saß: Wirtschaftsvertreter. Also platzierte Simonetta Sommaruga an diesem Abend im April eine Botschaft: Integration geht alle an. Sie sagte: »Noch nie wurde ich so häufig auf die zunehmenden Parallelgesellschaften angesprochen: Wenn Menschen keine Landessprache sprechen und sich auch nicht darum bemühen, wenn sie ihre Kinder in eigene, private Schulen schicken, in denen Englisch gesprochen wird, wenn sie sich weder für das Vereins- und Quartiersleben noch für die politischen Gepflogenheiten in unserem Land interessieren – dann löst das buchstäblich Befremden aus.« Lange sprach man in der Schweiz nur über die Integration von Kosovo-Albanern, Türken oder Portugiesen. Für die hoch qualifizierten Amerikaner, Briten oder Chinesen, für die ausländischen Fachkräfte, für sogenannte Expats, interessierte sich offiziell niemand. Das änderte sich erst kürzlich. Zunächst durchleuchtete der Kanton Basel-Stadt seine Expat-Community. Dann entdeckte Zürich seine neuen Zuwanderer, später der Bund.

Vergessen ging dabei: Im äußersten Westen der Schweiz hat eine Stadt jahrzehntelange Erfahrungen mit diesen Eliten auf Karrieredurchreise. Genf – mit seinen über 40.000 Expats und einem Ausländeranteil von annähernd 50 Prozent.

Es ist ein kühler Julimorgen in der Rhônestadt. Ivan Pictet empfängt im Café-Restaurant Dorian im Quartier Plainpalais. Der 68-Jährige mit der legeren Eleganz eines französischen Filmstars war jahrelang Chef der gleichnamigen Privatbank. Sie ist eine der größten der Schweiz. 1805 gegründet, verwaltet Pictet & Cie heute Vermögen im Wert von 349 Milliarden Franken. Ivan Pictet hat sich vor zwei Jahren aus dem Tagesgeschäft verabschiedet. Nun kümmert er sich als Präsident der Fondation pour Genève um das »Internationale Genf«. Um diese weltläufige Chiffre, die sich in beeindruckende Zahlen fassen lässt. Und Pictet kennt sie alle aus dem Stegreif. Etwa, dass in Genf mehr Missionen fremder Länder als in Bern stehen, nämlich 166. Oder dass neben 28 internationalen Organisationen auch 121 Nichtregierungsorganisationen hier ihren Sitz haben. Oder dass Genf pro Jahr mehr UN-Kongresse und -Tagungen erlebt als New York, der Hauptsitz der Vereinten Nationen. Oder dass die Internationalen jährlich 4 Milliarden Franken in Genf ausgeben und ein Viertel der Hotelübernachtungen buchen.

Ivan Pictet ist ein Vertreter des alten Genf, der alten Schweiz. Er verteidigt das Bankgeheimnis durch alle Böden, ebenso die Steuerprivilegien für reiche Ausländer: »Ach, das sind doch immer dieselben negativen Beispiele. Im Großen und Ganzen profitieren wir Genfer alle von den rund 1.000 Pauschalbesteuerten im Kanton.« Der ehemalige Bankier ist selbst ein Nomade. Seinen Wohnsitz hatte er zwar mehrheitlich in Genf, aber die Hälfte seines Arbeitslebens war er auf Reisen. Seine Bank hat gleichfalls Filialen in Paris wie in Hongkong, in London wie in Nassau. Und die eineinhalbstündigen Morgensitzungen am Genfer Hauptsitz führt man jeweils auf Englisch, obschon die Mehrheit Französisch spricht. Ja, sagt Pictet, Genf habe eine kosmopolitische Seite, anders als Zürich oder Basel. Entsprechend entspannt sei das Verhältnis zu den Ausländern: »On regarde passer les jolies filles… so sehen die Genfer ihre Expats.« Sagt es und lacht verschmitzt.