Das Urteil hat zur Verunsicherung geführt, obwohl es in der Schweiz keinerlei Rechtswirkungen entfaltet. Das Zürcher Kinderspital will rechtliche und ethische Abklärungen treffen – und nimmt bis zu deren Ergebnissen keine Beschneidungen mehr vor. Das erstaunt einigermaßen. Die aufgeregte Diskussion noch mehr. Worum geht es?

Um wenige Zentimeter Vorhaut. Die Beschneidung (Zirkumzision) ist ein wesentliches und unabdingbares Element der jüdischen Religion und auch im Islam verbreitet. Sie wird seit Menschengedenken praktiziert, beeinträchtigt keine Körperfunktionen und Empfindungen. Rund ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung dürfte beschnitten sein.

Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass die Beschneidung die sexuelle Übertragungsgefahr für viele Infektionskrankheiten – namentlich Aids – verringere, weshalb sie die Zirkumzision grundsätzlich empfiehlt. Solche und nicht religiöse Gründe sind dafür verantwortlich, dass rund 75 Prozent der US-Amerikaner beschnitten sind.

Nicht zu vergleichen und zu verwechseln damit ist die Genitalverstümmelung bei Mädchen. Sie ist eine schwere Körperverletzung und zu Recht ausdrücklich verboten. Das Kölner Gericht erachtete die Zirkumzision an einem vierjährigen Knaben als strafbare Körperverletzung, weil die Einwilligung der Eltern nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Die Vorinstanz hatte diesbezüglich noch gegenteilig entschieden. Der Arzt wurde dennoch auch in zweiter Instanz freigesprochen, weil er nicht habe wissen können, dass der Eingriff strafbar sei. Das hat ja das Gericht eben erst herausgefunden. Es spricht den Eltern das Recht ab, über die Religionszugehörigkeit ihres Kindes zu entscheiden, wenn dies mit einer »dauerhaften und irreparablen Körperveränderung« verbunden ist. Bei der Zirkumzision sei das der Fall. Zum Mann gehöre die ganze Vorhaut.

Richtig ist, dass die Religionsfreiheit nicht in jedem Fall höher als andere Rechtsgüter zu werten ist. Der Eingriff ist aber aus nicht religiösen Gründen weltweit stark verbreitet, und seine körperlichen Auswirkungen sind sehr geringfügig. Ein Verbot ist deshalb unverhältnismäßig und verletzt die Elternrechte. Man fragt sich schon, was hinter diesem verbissenen Kampf um jeden Zentimeter Vorhaut steckt.