Dresden feiert den 500. Geburtstag der Sixtina: Vor einem halben Jahrtausend wurde die Sixtinische Madonna für die Kirche des heiligen Sixtus in Piacenza gestiftet. Mit einer großen Ausstellung huldigt man ihrem Schöpfer Raffael und den beiden Männern, die Deutschlands heute berühmtestes Gemälde 1754 aus Norditalien an die Elbe brachten: Sachsens Kurfürst Friedrich August II. (als August III. zugleich König von Polen) und seinem allmächtigen Minister, dem kunstsinnigen Grafen Heinrich von Brühl. Er wird in diesem Sommer noch zusätzlich gewürdigt, mit Ausstellungen an mehreren Orten diesseits und jenseits der deutsch-polnischen Grenze.

Da aber darf der Dritte im sächsischen Kunstbunde jener Zeit nicht fehlen: Carl Heinrich (von) Heineken. Er war der Mann, der hinter den Kulissen die Wege ebnete. Vor allem aber war er ein Kenner und Gelehrter, der für die Kunst lebte. Ohne ihn hätte es Elbflorenz nicht gegeben.

Als Bürgerlicher war er einst in die adelsstolze Welt des barocken Dresden gekommen: ein Hanseat, 1707 in Lübeck geboren, Sohn eines Künstlerehepaars. Mit 17 hatte er sich davongemacht, bot die einst so stolze, zu Beginn des 18. Jahrhunderts aber provinziell gewordene Handelsstadt dem aufgeweckten Gymnasiasten doch keine große Zukunft mehr. Auch störte ihn der zunehmende Rummel um den »Wundersäugling« in seinem Elternhaus an der Königstraße: Sein Bruder Christian war von abnormer Frühintelligenz, sprach mit drei Jahren Latein, kannte die Bibel auswendig und war zu einer bizarren europäischen Sehenswürdigkeit geworden. Tragischerweise starb das kleine Weltwunder schon in seinem fünften Lebensjahr.

Zunächst entflieht Carl Heinrich Heineken nach Leipzig, studiert Jura, versucht sich als Schriftsteller. Doch eigensinnig und streitbar, überwirft er sich in kürzester Zeit mit Leipzigs Dichterfürst Johann Christoph Gottsched. Er wird Hauslehrer bei seinem Freund Johann Ulrich König, Hofpoet zu Dresden. Eine erste Stufe auf der Karriereleiter. Denn wenig später schon engagiert ihn Sachsens Premierminister, Graf Aleksander Józef Sułkowski. Und als dieser 1738 seinem großen Gegenspieler, dem Grafen Brühl, weichen muss, wechselt Heineken kühl den Dienstherrn. Jetzt ist er im Zentrum der Macht angelangt: Er wird Brühls Sekretär und Bibliothekar.

Es ist vor allem Brühls Ruf als Förderer der Wissenschaften und der schönen Künste, der auch seinen Protegé beflügelt. Heineken dirigiert bald ein Heer von Kunstagenten in Italien, Spanien und Frankreich. Als der Kauf der Sixtinischen Madonna eingefädelt wird, ist er dabei – obwohl er selber glaubt, dass Raffael schon Besseres gemalt habe. Auch an der Erwerbung des Ganymed von Rembrandt oder von Gemälden van Dycks hat er Anteil und, im Jahr 1745, am Ankauf von hundert Bildern aus dem Besitz des Herzogs von Modena, Francesco III. d’Este. Fünf Jahre später gelangt auch, durch Heinekens Agent Luigi Crespi, Francesco del Cossas prachtvolle Verkündigung nach Dresden, mit der berühmten Schnecke am unteren Bildrand. 1746 wird der 39-Jährige zum Direktor des königlichen Kupferstichkabinetts ernannt. Dazu kümmert er sich um Brühls private Grafiksammlung – und baut eine eigene auf.

Der Graf ist begeistert von Heineken. Er macht ihn zu seinem Intendanten, vertraut ihm die Verwaltung seiner Kassen, Güter und Manufakturen an. Am Dresdner Hof wird er zum General-Accise-Sekretär, zum Churfürstlich-Sächßischen Geheimen Land-Cammerrath erhoben und zum Reichsritter geadelt. Jetzt fehlt nur noch ein passendes Eheweib, und auch das hat der Graf für seinen lieben Heineken bald gefunden. Friederika Magdalena Noeller heißt sie und ist des reichen Hofkochs Johann Jacob Noeller Töchterlein. Als dieser 1749 stirbt, kann die trauernde Friederika Magdalena ihrem Gemahl einen Herrensitz mit Park, Wald, Feldern und Wiesen, mit Dörfern, Vieh und Menschen in der Niederlausitz übereignen: Altdöbern, wenige Kilometer südwestlich von Cottbus gelegen und sinnigerweise nicht weit entfernt von den Besitzungen des Grafen Brühl, mit dem Vorwerk Peitzendorf samt den Nachbardörfern Muckwar und Kleinjauer. Carl Heinrich von Heineken ist etabliert.