Cafe in Peking © Ed Jones/AFP/Getty Images

Beschimpft zu werden, daran hat sich Wu Fatian gewöhnt. Doch Schläge? »Traust du dich rauszukommen, um dich verprügeln zu lassen?«, schrieb ihm eine erboste Internetaktivistin. Wu Fatian, Juraprofessor, Parteimitglied und selbst auch Blogger, ist nicht der Typ für Handgreiflichkeiten. Andererseits aber auch keiner, der klein beigibt. Und so ging er hin, auch wenn der Aufruf seiner Widersacherin an die Leser ihres Blogs wenig ermutigend klang: »Bitte, sagt es allen weiter: zwei Eier aufs Gesicht, drei Stöße auf den Rücken und drei in die Weichteile.«

Seit Tagen hatten Wu und die Aktivistin einander im Netz mit Vorwürfen überzogen. Es ging um ein neues Chemiewerk in der Provinz Sichuan, gegen dessen Bau sich die Anwohner wehren. Wu tat, was er immer tut und wofür ihn viele Menschen hassen: Er redete der Regierung das Wort. »Dieses Werk wird die fortschrittlichste Technologie der Welt verwenden«, versicherte er seinen Lesern. »Die Umwelt wird dadurch nicht im Geringsten beeinträchtigt.« Lüge!, zürnte seine Kritikerin.

Von der Eskalation dieser Auseinandersetzung berichtet ein verwackeltes Video, und natürlich gibt es unterschiedliche Versionen. Sicher ist, dass Wu mit Eiern beworfen wurde – und schon das ist erstaunlich. Dass Regimekritiker in China gefährlich leben, weiß man. Dass es gefährlich sein kann, die Partei der Partei zu ergreifen, ist neu. Chinas Regierung verfügt nicht nur über den größten Propagandaapparat, sondern auch über die größte Zensurmaschine der Welt. Wie sehr muss das Internet die Öffentlichkeit verändert haben, wenn einer wie Wu sich plötzlich seiner Haut wehren muss?

Zwei Sorten von Nachrichten gibt es: langweilige Propaganda – und das Netz

538 Millionen Chinesen nutzen das Internet, das sind 40 Prozent der Bevölkerung. So viele Menschen, ein Land, eine Schriftsprache – wo sonst auf der Welt findet man so einen gewaltigen Resonanzkörper? Informationen durchzucken das Land in Windeseile, vielleicht sind es Gerüchte, vielleicht aber auch die von den Medien verschwiegene Wahrheit. Kann man eine solche Öffentlichkeit kontrollieren? Die Regierung versucht es verzweifelt, mithilfe der Great Firewall, des ausgefeiltesten Filtersystems der Welt. 250.000 bis 500.000 Netzzensoren und Kommentatoren sollen in ihren Diensten stehen. Und doch kann ein Bild innerhalb von Stunden in ganz China die Volksseele zum Schwingen bringen – wie kürzlich das Foto einer Frau, die Funktionäre im siebten Monat ihrer Schwangerschaft zur Abtreibung gezwungen hatten.

Wie ändert sich China durch das Netz? Wu Fatian, 34, grün-weißes Adidasshirt, ist einer, der daran Anteil hat. Der parteitreue Blogger Wu redet so schnell, als gäbe es kein Morgen. Pointiert, druckreif, Fragen, die zu lange dauern, machen ihn nervös. Er hat keine Zeit zu verlieren, hat sie nie verloren. Er war einmal ein Bauernjunge, schon früh auf sich allein gestellt, heute ist er Juraprofessor an der Universität für Politik und Recht in Peking. Sein Fachgebiet: Beweisführung und Beweismittel. Seine Leidenschaft: das Netz. Seine selbst gewählte Aufgabe: Gerüchte im Internet zu bekämpfen.

Das chinesische Internet, sagt Wu, sei ein Hort der Gerüchte. Man dürfe die Regierung ja kritisieren, sagt er, und einen Moment lang klingt es fast so, als wäre China ein Rechtsstaat, »doch die Beweise müssen stimmen«. Und leider gäbe es Menschen, »die absichtlich und bösartig die Regierung angreifen. Indem sie Gerüchte verbreiten«. Mit ein paar Verbündeten hat er eine Organisation gegründet, die regierungskritischen Anschuldigungen nachgeht und sie zu entkräften sucht. »Manche schmeißen Gerüchte um sich, als wäre es Müll, und wir sammeln ihn auf und werfen ihn in einen Eimer.« Wu sieht sich als Idealist. »Ich bekomme keinen Cent dafür.« Seine Gegner argwöhnen, er würde für seine Artikel bezahlt. Wu Mao Dang, »50-Cent-Blogger«, nennen sie solche wie ihn.

Wu ist mit dem Netz aufgewachsen, schon vor 14 Jahren hat er ein Forum für Rechtsfragen moderiert. Er entschied, welche Beiträge veröffentlicht und was gelöscht werden musste. So leicht lässt sich das Netz längst nicht mehr kontrollieren. »Die Freiheit des Netzes« findet Wu im Prinzip gut – nur: »Das Netz erzeugt einfach zu extreme Emotionen. Gute Nachrichten schaffen es nicht weit, schlechte Nachrichten verbreiten sich in Windeseile.« Helfe ein Polizist einem Bauern, sagt Wu, krähe kein Hahn danach. »Schlägt er aber jemanden, erfährt es das ganze Internet.«