DIE ZEIT: Danke, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch genommen haben...

Nikos Dimou: Kein Problem, ich habe nur mein Bad im Meer um eine Stunde verschoben.

ZEIT: Wir erreichen Sie gerade im Urlaub?

Dimou: Ja, ich bin am Messenischen Golf, in einem Hotel am Meer. An einem beach, wie man bei uns in Griechenland sagt.

ZEIT: Reden wir also gleich schnell über die wichtigste Frage. Wollen die Griechen überhaupt noch im Euroland bleiben?

Dimou: Ja. Ich glaube, dass die Mehrheit der Griechen immer noch davon träumt. Aber ich sage »träumt«, weil es nicht so realistisch ist. Der Euro symbolisiert vieles für die Griechen: eine Stabilität, eine Reife und ein Dazugehören.

ZEIT: Aber nicht für alle Griechen.

Dimou: Nein. Die jungen Leute würden wohl das Leben außerhalb der Euro-Zone vorziehen. Sie können in der heutigen Situation keine Zukunft sehen. Keine Arbeit, keine Entwicklung, keine Projekte. Auch die Nationalisten, auch die Linken, auch die Kommunisten denken so. Sie müssen zur Kenntnis nehmen: In der griechischen Geschichte gibt es eine sehr alte Tendenz, die wir anti-westlich nennen können. Sie beginnt schon mit der Abspaltung der Ostkirche 1030. In Byzanz war die Kirche allmächtig, und sie predigte, dass die Westler Satansbraten sind. Als die Türken Konstantinopel erobern wollten, haben die Griechen keine Hilfe vom Westen akzeptiert.

ZEIT: Das ist lange her.

Dimou: Diese Tendenz war auch während der vergangenen Jahrhunderte immer da, obwohl Europa uns ja geholfen hat, etwa in der Seeschlacht von Navarino. Wir haben immer ein großes Misstrauen gegenüber allem, was vom Westen kommt. Das sehen Sie auch heute, wo viele Griechen an eine Verschwörung glauben: dass die Krise nicht wirklich existiere, dass der Westen sie heraufbeschworen habe.

ZEIT: Fühlen sich die Griechen in einem Boot mit Spanien, Italien & Co?

Dimou: Gemeinsam ist vielleicht die Mentalität. Aber auch hier würde ich sagen: Die Mentalität des Griechen kann mit der des Süditalieners verglichen werden, aber nicht mit der des Norditalieners.

ZEIT: Man ist sich aber recht einig, dass der Sparkurs à la Merkel zu weit geht.

Dimou: Das ist wahr. Und da bin ich nicht so sicher, ob die Schuld an den Südländern liegt oder an Deutschland.

ZEIT: In Deutschland fragt man sich, warum wir bezahlen sollen, solange die Griechen so schlecht wirtschaften.

Dimou: Gut, das ist wahr. Es ist wirklich schwierig, in Griechenland, Reformen zu machen. In Griechenland ist in den vergangenen zwei Jahren nichts passiert.