Schon wieder ein Krisensommer, schon wieder naht ein August, in dem der Spread, die Differenz zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen, das Klima bestimmt. 2011 war es genauso. Vor einem Jahr wurde Spread zum meistbenutzten und meistgehassten Anglizismus in Italien. Dieses Wörtchen verdarb den Italienern den Sommer, Silvio Berlusconi kostete es das Amt als Regierungschef. Als die Differenz über sieben Prozentpunkte betrug und die Staatspleite drohte, musste Berlusconi abtreten. Jetzt liegen die italienischen Papiere schon wieder fünf Punkte über den deutschen. Die Zinsen steigen täglich, genau wie die Staatsverschuldung, die Kreditwürdigkeit aber sinkt weiter. Und Ministerpräsident Mario Monti sagt, mit der Realwirtschaft habe das alles nichts zu tun.

Nicht Italien sei krank, argumentiert heute Monti genauso wie früher Berlusconi, sondern die Nachbarn seien es. Und das bedeute Ansteckungsgefahr. Erst durch Griechenland, dann auch noch durch Spanien. Das Mittelmeervirus greift um sich, und es scheint kein Kraut dagegen gewachsen.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen den Krisensommern 2011 und 2012. Denn vor einem Jahr schlugen sich die Italiener noch selbst an die Brust. Sie erkannten die Schuldigen: Berlusconi und alle, die ihn immer wieder gewählt hatten. Schnell war eine Alternative gefunden, der parteilose Wirtschaftsprofessor Mario Monti sollte mit seinem Expertenkabinett Italien wieder auf Europakurs bringen. Tatsächlich schaffte Monti in acht Monaten ein Mammutprogramm: Rentenreform, Arbeitsmarktreform, Liberalisierung, Kürzungen. Gerichte und Provinzverwaltungen sollen geschlossen, staatliche Firmen und Immobilien verkauft werden. Italien sieht anders aus als vor einem Jahr, aber die Absturzgefahr ist noch genauso groß. Die Steuerlast ist auf ein Rekordhoch gestiegen, ebenso die Arbeitslosigkeit. Und die Schuldenlast. Drei Milliarden Euro mehr Zinsen hat Italien seinen Gläubigern im ersten Quartal 2012 zahlen müssen.

Als wäre nichts geschehen. Als gäbe es keinen Unterschied zwischen Italien und Griechenland. Als wäre Italien Empfänger milder Rettungsgaben wie Griechenland und nicht Europas drittstärkster Geber für den Rettungsfonds. Als seien Haushaltskorrekturen von 80 Milliarden Euro und die Aussicht auf einen ausgeglichenen Etat 2013 nichts. Trotz aller Anstrengungen ist Italien auf Hilfe von außen angewiesen.

»Die Märkte bestrafen uns in einem Ausmaß, das wir nicht verdienen«, sagt Lucrezia Reichlin. Die Ökonomin war Direktorin bei der Europäischen Zentralbank, jetzt sitzt sie im Aufsichtsrat der Großbank Unicredit und lehrt an der London Business School. Das Problem sei nicht Italien und auch nicht die Schwäche der Südstaaten, glaubt Reichlin: »Was wir jetzt erleben, ist eine Krise der Euro-Architektur.« Die Fundamente für die Gemeinschaftswährung müssten endlich tragfähig gemacht werden. »Und dazu brauchen wir eine gemeinsame Lösung durch alle Staaten, die diese Währung geschaffen haben. Dabei helfen ganz sicher nicht die Äußerungen mancher deutscher Politiker, die beim Euro nicht mehr alle dabeihaben wollen.«

Reichlin deutet an, was in Italien viele denken: Nicht die Strukturschwäche der Südländer bringen den Euro in Gefahr, sondern die Unflexibilität der Deutschen, die immer noch nicht begriffen hätten, dass es ums Ganze geht; die glauben, dass es noch Gewinner geben könnte in dieser Krise, nur weil für sie selbst das Geld so wahnwitzig billig ist wie für die anderen irrsinnig teuer; die dahinter auch noch eine höhere Gerechtigkeit wähnen, als ob der Markt gerecht wäre; die zusehen, wie sich Italien abstrampelt. Auch das vor einem Monat widerwillig erteilte Zugeständnis scheinen sie schon wieder vergessen zu haben. Monti hatte Angela Merkel beim Gipfeltreffen in Brüssel abgerungen, dass der Teufelskreis der Zinsen für alle diejenigen Länder unterbrochen werden soll, deren Mühen durch die Märkte nicht belohnt werden. Der Rettungsfonds ESM sollte sie mit Anleihekäufen ohne weitere Auflagen unterstützen. Bisher, klagt Monti, sei aber noch nichts passiert: »Die Nervosität der Märkte entsteht durch die Spekulationen um den Zins-Schutzschild.« Zuvor war Italiens Premier noch deutlicher geworden: »Wenn einige Regierungschefs die Bedeutung von wichtigen Entscheidungen herunterspielen, ist es schwierig, das Vertrauen der Finanzmärkte zu gewinnen.«

Italien wehrt sich gegen die Attitüde des Nordens, die Mittelmeerländer als homogene Masse zu empfinden. In den vergangenen Monaten ist Monti zum selbstbewussten Fürsprecher der Südländer avanciert, die von den Deutschen nicht weiter behandelt werden wollen wie ein Klotz am Bein, sondern wie ein wesentlicher, unverzichtbarer Bestandteil Europas. Bestärkt wurde der Italiener durch den Landsmann bei der EZB. Auch jetzt hat Mario Draghi sich zu Wort gemeldet: Wenn es um die Euro-Rettung gehe, würde die EZB keine Tabus kennen. Doch die Italiener wissen, dass Draghi keine Alleingänge wagen kann.

»Das Problem sind die Wähler der starken Länder«, sagt der Ökonom Tito Boeri, ein ehemaliger Kollege Mario Montis an der Mailänder Universität Bocconi. »Wir müssen sie davon überzeugen, dass die Euro-Rettung auch für sie lohnend ist.« Die Skepsis beispielsweise der Deutschen sei verständlich. »Ähnlich reagieren auch die Norditaliener auf die Nachricht von der drohenden Pleite Siziliens.« Boeri gesteht Angela Merkel »Lernfähigkeit« zu, doch ihre Forderung an die schwächeren Länder, ihre Eigenständigkeit aufzugeben, sei verschwommen und unzureichend. »Wir müssen heute Bedingungen schaffen, nach denen die Pleite eines europäischen Staates für Europa nicht dramatischer ist als die Pleite des Bundesstaates Kalifornien für die USA.« Mehr Europa, und zwar schnell, das fordern die Italiener.

Andernfalls wird der Teufelskreis der Zinsen vielleicht alle Reformbemühungen zunichtemachen. Europas Zaudern dürfte, wenn im Herbst der italienische Wahlkampf eröffnet wird, auch den europafeindlichen Bewegungen Auftrieb geben. Solche politische Ungewissheit bis zu den Wahlen im Frühjahr 2013 würde die Kreditwürdigkeit des Landes weiter schwächen.