Portugal ist ein folgsamer Schuldner und wird für sein Betragen gelobt. Nachdem der Internationale Währungsfonds vergangene Woche weitere 1,5 Milliarden Euro aus dem 2011 gemeinsam mit der Europäischen Zentralbank und der EU beschlossenen Rettungspaket freigab, platzierte das Land erfolgreich Anleihen mit Laufzeiten zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Damit hat Portugal bereits nach knapp sieben Monaten mehr als 80 Prozent der Summe von mindestens 17,4 Milliarden Euro eingenommen, die es aus eigener Kraft im gesamten Jahr 2012 an den Finanzmärkten auftreiben sollte. Das ist gut ein Drittel des diesjährigen Refinanzierungsbedarfs.

Laut João Moreira Rato, Leiter der portugiesischen Schuldenagentur, spricht die Regierung sogar mit potenziellen Investoren über Staatsanleihen mit Laufzeiten zwischen einem und fünf Jahren. Einen Termin gibt es nicht. »Das hängt von den Marktbedingungen ab und vom Appetit der Investoren.«

Es besteht also Hoffnung für die Portugiesen. Womöglich brauchen sie ein zweites Rettungspaket oder mehr Zeit, ihre Defizitziele zu erreichen. Womöglich können sie sich auch nicht von Anfang 2014 an, wie ursprünglich beabsichtigt, wieder vollkommen selbstständig refinanzieren – aber wohl in absehbarer Zeit.

Dann kam aber zu Wochenbeginn ein Rückschlag: Im Zuge der Diskussionen um einen Euro-Ausstieg Griechenlands und einen Rettungsschirm für Spanien schnellten die Risikoaufschläge für portugiesische Staatsanleihen wieder nach oben. Auf dem Sekundärmarkt wurden am Dienstag für zweijährige Papiere erstmals seit zwei Wochen wieder Renditen von mehr als acht Prozent verlangt. Die Zinsen für Anleihen mit fünf Jahren Laufzeit stiegen auf 10,8 Prozent.

Schon seit geraumer Zeit melden sich zahlreiche Experten und Kommentatoren zu Wort, die einen Austritt Portugals aus der Euro-Zone für unausweichlich halten. Die jüngste Welle dieser pessimistischen Stimmen folgte auf die saloppe Äußerung des deutschen Wirtschaftsministers Philipp Rösler, ein Austritt Griechenlands habe »seinen Schrecken verloren«. Das überrasche ihn nicht, schreibt Daniel Oliveira in der Wochenzeitung Expresso: »Die Arbeit der Deutschen ist erledigt, die Übertragung der Schulden auf andere ist garantiert, und was noch herauszuholen war, wurde herausgeholt.« Und als Nächstes werde Portugal einen Fußtritt bekomme.

Man mag sie nicht besonders, die Deutschen und ihre rigorosen Sparvorgaben, die nach Lesart vieler Kommentatoren dafür verantwortlich sind, dass Portugal in der Rezession steckt, die Unternehmen über eine Kreditklemme stöhnen, die Arbeitslosigkeit steigt, die Einkommen sinken und rund 400000 Bezieher von Mindestlöhnen seit der letzten Sparrunde sogar unter der offiziellen Armutsgrenze von 434 Euro monatlich leben. Im August steht die Reform des Arbeitsmarktes an, die im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit weitere Menschen ins Prekariat schicken dürfte.

Und dann soll alles umsonst gewesen sein? »Wir sind ein Jahr von Griechenland entfernt«, ist der Ökonom Jorge Júlio Landeiro de Vaz von der portugiesischen Wirtschaftshochschule ISEG überzeugt. »Das wahrscheinlichste ist, dass wir 2013 die Koffer packen und den Euro verlassen.« Die Folgen dieses Szenarios würden dramatisch sein: In den ersten fünf Jahren nach dem Austritt werden die Portugiesen seiner Meinung nach 30 Jahre an Lebensstandard einbüßen – also noch unter das Niveau zum Zeitpunkt des EU-Beitritts im Jahr 1986 zurückfallen. »Der Privatkonsum und das Pro-Kopf-Einkommen werden senkrecht nach unten gehen.«

Die nationale Währung würde laut einer Untersuchung der japanischen Bank Nomura 47,2 Prozent an Wert einbüßen. Anders als so mancher Kommentator sieht Landeiro de Vaz die Verantwortung dafür jedoch nicht vor allem bei den aktuellen Reformen: »Das ist die Konsequenz von Entscheidungen in einem Land, das vor dem Euro Jahre des Wachstums erlebte, aber nutzlose Investitionen tätigte.« So habe Portugal etwa doppelt so viele Autobahnen wie nötig, »weil das im Interesse der Banken und der Baufirmen war«. Nun habe das Land Schulden, die es nicht einmal binnen 20 Jahren abtragen könne.

Laut einer aktuellen Bekanntmachung des europäischen Statistikamts Eurostat betrugen die Schulden Ende März 111,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seit dem Jahresende 2011 stieg der Wert damit um 3,8 Prozent an. Das Ziel, Portugal zu befähigen, sich von 2014 an wieder selbst finanzieren, hält Landeiro de Vaz deshalb für eine »reine Fantasterei. Es ist schade, dass es noch Politiker gibt, die daran festhalten.«