Kürzlich hat mich der Werbeslogan einer spanischen Brauerei beschäftigt. Er lautete: »Verlier den Süden nicht.« Auf dem Plakat sah man junge Menschen, die sich an der Küste unter Palmen ein kühles Bier schmecken ließen. Der Slogan spielt mit einer Wendung aus der Seefahrt: »Den Norden verlieren« bedeutet so viel wie »Vom Kurs abkommen«. Den Süden nicht zu verlieren, wie es die Bierwerbung nahelegt, das ist ein Appell, die sinnlichen Freuden des Lebens nicht aufzugeben, ein gewisses strahlendes Lebensgefühl zu bewahren, wie es seit dem 18. Jahrhundert mit den Ländern Südeuropas, den Ufern des Mittelmeeres in Verbindung gebracht wird.

Jetzt bricht die Trennung zwischen Nord und Süd wieder auf. Die Nordeuropäer scheinen gewillt, den Süden zu verlieren, und die Südeuropäer scheinen sich damit abgefunden zu haben, auf den Norden zu verzichten. Sollte es jedoch tatsächlich so weit kommen, gäbe es nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe, die alle verschlingt. Es käme auch zu einer Aufgabe grundlegender Werte, die beide Seiten, der Norden und der Süden, als ureigen ansehen. Wir müssen uns auf die fundamentale Bedeutung der beiden Gesichter Europas für die jeweils andere Seite besinnen.

Unser Europa, das erstmals in der Geschichte seit fast siebzig Jahren in Frieden lebt, gründet nicht auf großartigen idealistischen Bekundungen, sondern auf der pragmatischen Übereinkunft von Franzosen und Deutschen, Kohle und Eisen auszutauschen. Und erinnern wir uns: Das Wachstum der flämischen Textilindustrie im ausgehenden Mittelalter hat seinen Ursprung in der Wolle spanischer Schafherden. Die doppelte Buchführung, die den wirtschaftlichen Austausch auf der Achse zwischen Italien und Holland und von dort bis nach Skandinavien und Russland, im Süden über Venedig bis in den Orient ermöglichte, hat ein italienischer Mönch erfunden.

Es geht gar nicht darum, ob Norden und Süden sich gegenseitig nützen. Es geht darum, dass der eine ohne den anderen nicht wäre, was er ist. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist ohne die realen oder imaginären Reisen in den Süden nicht vorstellbar: Die Grand Tour der gut situierten jungen Briten wie Shelley, Keats und Lord Byron; die Reisen von Winckelmann und Goethe. Der ganze Neoklassizismus, der die Städte des Nordens mit weißen Statuen und Nachbauten griechischer Tempel verziert, gründet auf der Leidenschaft Winckelmanns für Italien und Griechenland und ist gleichermaßen eine ästhetische wie politische Leidenschaft. Die Idee des aufgeklärten Bürgers, der sich von der Tyrannei des Absolutismus und vom Aberglauben befreit, beruht auf Winckelmanns Vorstellung von Griechenland.

Die neuen Staatsformen, die in den Vereinigten Staaten oder in Frankreich nach Vorbildern der Antike entstanden, waren nichts als Spiegelbilder des Südens im Norden. Der Fleiß und die technischen Fähigkeiten des Nordens brauchen die Märkte des Südens. Im milden Klima des Südens erfahren die Menschen des Nordens Momente des Glücks. Aber weder können wir Südländer uns mit der untergeordneten Rolle fügsamer Käufer und Kellner und Lieferanten kurzweiliger Unterhaltung abfinden, noch ist es gerecht, dass der Norden mit hochnäsiger, geradezu imperialistischer Herablassung auf uns niederblickt.

Aus diesem Süden, in dem ich lebe, also Spanien, ist seit geraumer Zeit mehr geworden als nur ein Reiseziel mit sonnigen Stränden und billigen Getränken. Das ist großteils deshalb so, weil seit gut zwei Jahrhunderten einige unserer klügsten Köpfe nach Norden geschaut haben, um zu lernen, was uns fehlte: die Bereitschaft, persönliche Verantwortung zu übernehmen, und die Toleranz, die uns die katholische Kirche verweigert hatte; die Bedeutung von Bildung; die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik. Aber keine Reise zwischen Nord und Süd war jemals einseitig.

Den Norden verlieren, den Süden verlieren, die Orientierung oder das Schöne im Leben, das scheinen zwei völlig verschiedene Dinge zu sein, sie bedeuten aber dasselbe: Wir berauben uns dessen, was unser Wertvollstes ist, das Gleichgewicht zwischen persönlicher Freiheit und Solidarität, zwischen technischer Effizienz und Lebensstil, zwischen Kapitalismus und Gerechtigkeit, wie es nur in Europa existiert.

Aus dem Spanischen von Myriam Alfano