Als der Attentäter James Holmes eine halbe Stunde nach Filmbeginn, um halb eins in der Nacht, bewaffnet, maskiert, behelmt, in einen langen schwarzen Mantel gekleidet, den Kinosaal in Aurora im US-Staat Colorado betritt und eine Tränengas-Granate zündet, glauben die Zuschauer, unter ihnen sechsjährige Kinder, dieser Auftritt sei ein zusätzlicher Service des Lichtspielhauses: ein weiteres exklusives Horror-Event, gesponsert aus dem gigantischen Werbeetat des 250 Millionen Dollar teuren Films . Erst als der Attentäter sein Sturmgewehr, seine Pistole und seine Schrotflinte stumm auf das Premierenpublikum richtet, begreifen die ersten den Ernst der Lage. Der Film läuft weiter. Der Attentäter beginnt zu schießen. Man hört Schüsse im Film. Man hört Schüsse im Saal. Rauchschwaden im Film. Rauchschwaden im Kino. Schwarz maskierte Ballermänner auf der Multiplex-Leinwand. Ein schwarz maskierter Ballermann im Zuschauerraum. Zwölf Menschen sterben , unter ihnen ein sechsjähriges Kind.

Die Aufregung ist groß. Und ebenso groß sind die sofort zuhandenen Beschwichtigungsformeln. Alle sind sich einig: Wenn ein maskierter, schwer bewaffneter Mann einen Film, in dem ein maskierter, schwer bewaffneter Mann Menschen massenmordet, unterbricht, um Menschen massenzumorden – hat das eine mit dem anderen natürlich rein gar nichts zu tun.

Der Befund, kurz nach der Tat von Colorados Gouverneur John Hickenlooper ausgegeben – der Massenmord sei "die Tat eines kranken Hirns" –, wird von Filmkritik zu Filmkritik bis zu unserer nebenstehenden Rezension weitergereicht. Der Spiegel schreibt: "Es war, nach allem, was danach bekannt wurde, die Tat eines Wahnsinnigen." Spiegel Online weiß, dass der Film keinerlei Verantwortung trage "für die Hirngespinste eines psychisch kranken Menschen". Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung befindet per Ferndiagnose, dass der Täter sich nicht "im Kino angesteckt" hat mit dem Wahnsinn.

Diese Abwehrdiagnosen kommen so einhellig und panisch schnell, dass sie misstrauisch machen sollten. Auch wenn niemand beweisen kann, dass ein Zusammenhang besteht zwischen kulturindustriell simulierter Gewalt und echter Gewalt im Kostüm der Kulturindustriehelden: Woher weiß die Filmkritik so genau, dass es diesen Zusammenhang auf keinen Fall gibt?

In Wahrheit weiß sie es nicht. Vielleicht will sie es auch lieber nicht wissen. Gäbe es nämlich eine moralische Verantwortung filmischer Bilder, müsste man die Kritiken anders schreiben. Man müsste nach der Moral der Bilder fragen. Danach, dass Bilder zwar frei – aber nicht folgenlos sind. Das ist eine ungemütliche Debatte.

Auf den kommerziellen Batman-Seiten im Netz stellt man unterdessen noch immer unschuldig die Frage: "Habt ihr schon mal mit dem Gedanken gespielt, selbst Batman zu sein?" Es folgen die Preise für Armbrust und Schusswaffen. Einen Teil seiner Ausrüstung hat sich der Attentäter gleich online bestellt.