Es erscheint vermessen, einen Film zu rezensieren, den fortan kein Mensch sehen wird, ohne an das Massaker in Aurora zu denken. Es erscheint vermessen, obgleich man The Dark Knight Rises , die letzte Folge der Batman- Trilogie von Christopher Nolan , und die darin dargestellte Gewalt nicht für die Tat verantwortlich machen kann. So wenig, wie man die Emilia Galotti von Lessing dafür verantwortlich machen könnte, sollte ein Vater nach dem Theaterbesuch seine Tochter ermorden. Schöbe man der Filmsprache Hollywoods die Verantwortung für die Gewalttat zu, wäre der Täter entschuldigt. Der ließ sich zwar offenbar durch die Ästhetik von Actionfilmen zu seiner blutigen Performance inspirieren – wofür der monströse Auftritt mit Tränengas-Granaten im Kino und die Zündfallen in seiner Wohnung sprechen. Doch ist Attentätern seit je eigen, dass sie mit ihrer "paranoischen Vernunft" ( Manfred Schneider , Das Attentat; Berlin 2010) die Zeichen ihrer Umwelt – die konsumierten Filme, Bücher und Nachrichten – ganz für die eigenen Zwecke ausdeuten. Den Film nicht ganz gewöhnlich zu rezensieren, sondern ihn in kausale Beziehung zur Tat zu setzen, hieße, der Logik des Täters zu erliegen.

Man blickt in den ersten Einstellungen auf einen gebrochenen, humpelnden, zerschundenen Helden, einen Krüppel, der nur durch eine Prothese und seine Gerätschaften wieder halbwegs auf die Beine kommt. Batmans Apparate – die der Militärforschung abgerungenen Autos, Flugzeuge und die etwas alberne Hightech-Montur – hatten schon immer die Funktion, die Verletzlichkeit von Bruce Wayne, dem Milliardär, der sich nächtens in eine Kampfmaschine verwandelt, notdürftig zu kaschieren. Doch hier erlebt Wayne selbst noch als gepanzerter Held überaus schmerzhafte Lektionen. Christopher Nolan lässt die Batman-Christologie – eine Figur, die zwischen Prothesengott und einem allzu menschlichen Geschäftsmann pendelt – nahezu kollabieren, was jener Comicfigur entspricht, die ganz im Gegensatz zu Superman nicht einem fernen Planeten entspringt, sondern nur dem weltlichen Gotham City. Der Bösewicht Bane, der Batman zunächst einmal besiegt, präsentiert dem Publikum die zerbrochene Maske des Helden als Trophäe und steckt den Besiegten in einen tiefen Kerker. Batman schrumpft bei Nolan zur gedemütigten Kreatur, der kein Heroismus mehr anhaftet. Natürlich weiß der Zuschauer, dass es bei der Niederlage nicht bleiben kann und dass Batman bald ein grandioses Comeback gelingen wird. Aber auf das Wie kommt es an.

Bane und Wayne, der Reim trügt nicht, haben mehr gemein, als ihnen jeweils recht sein kann. Sosehr der Film den Schurken als unangenehm fetten und schmerzresistenten Grobian präsentiert, so wenig sind seine Motive unplausibel. Gotham City ist ja doch ein ungerechter Ort – die Obdachlosen hausen in der Kanalisation, die Reichen schlürfen Champagner im Penthouse. Der Bösewicht Bane stürmt symbolträchtig die Wall Street, lässt durch eine windige Transaktion den Milliardär Wayne verarmen und entfacht mit seiner Bande eine sozialrevolutionäre Stimmung in der Metropole. Die Wohlhabenden der Stadt werden aus ihren Loftwohnungen gezerrt, und ein Fusionsreaktor, der einst für weitaus bessere Zwecke in Waynes Firma entwickelt wurde, droht die gesamte Metropole auszulöschen. Im großen Showdown tickt schließlich die Uhr.


Darauf muss man sich erst einmal einlassen: Die moralische Verkommenheit ist nicht an der Börse und nicht in der Bank beheimatet, sondern ist ein Charakterzug der Aktivisten der Kapitalismuskritik. Zweifelhafter als bei Nolan wurde die amerikanische Occupy-Bewegung selten inspiziert: Ihr wollt die Welt verändern? Das Finanzkapital entmachten? Die Banker stürzen? Bitte schön, aber das wird ohne Pogrome, ohne Barbarei, ohne bestialische Gewalt nicht gehen. Seht, was ihr anrichten könntet! Nichts als prachtvolle Zerstörung, die auf der Großleinwand ungemein erhaben wirkt: Ein Footballstadion versinkt dröhnend im Erdreich, Häuser brennen, Armeen von Schwerkriminellen marschieren aus den Gefängnissen und knallen ab, was ihnen so vor die Flinte gerät. Standgerichte sprengen den Rechtsstaat, Brücken stürzen ein, zwischen den Hochhäusern manövriert albtraumhaft riskant Batmans Flugzeug.

Doch sosehr der Film wiederum Wayne als ehrenwerten, wenn auch diesmal arg leidenden Helden präsentiert, so wenig sind dessen Motive ganz lauter, was seit je ein fester Bestandteil der Batman- Mythologie ist. Wayne, indem er das sozialrevolutionär Böse bekämpft, versucht nicht nur die Stadt, sondern damit auch seinen Reichtum zu retten. Batman stabilisiert ein System, von dem er als Wayne, als – freilich philanthropischer – Manager, unmittelbar profitiert. Wie Bane kämpft Batman (Achtung, diesmal ein Anfangsreim!) natürlich außerhalb des weltlichen Rechts. Der eine, Bane, kämpft gesetzlos für das Böse, der andere, Wayne, kämpft gesetzlos für das Gute. Um es noch weiter zuzuspitzen: Wayne ist der edle Kaufmann, der die Welt rettet. Bane ist der Sozialist, der sie in den Abgrund stürzt. Die zeitdiagnostische Botschaft Christopher Nolans ist markant und schlicht: Die Finanzjongleure sollen wieder ehrbare Kaufleute werden (wie Wayne) und die Revolutionäre sich beruhigen (sonst droht, siehe oben, ganz schwerer Krawall). Die Welt ist rettbar, solange der gute alte amerikanische Liberalismus überlebt.

Dem Paar Wayne und Bane sind zwei Damen beigesellt, die sich auf ähnliche Weise spiegeln wie die Herren. Anne Hathaway spielt Catwoman, die zunächst böse (eine Diebin!) und sehr erotisch in Erscheinung tritt, Marion Cotillard spielt Miranda Tate, die zunächst edel (eine Umweltschützerin!) und gleichfalls sehr erotisch in Erscheinung tritt. Mit Catwoman drängt neben der Wirtschaftskrise ein weiteres zeitdiagnostisches Thema in den Film: die Datenflut in digitalen Zeiten. Catwoman beklagt, dass heute schon Zwölfjährige alles Erdenkliche über sie ergoogeln könnten, sie sehne sich nach einer Neustart-Taste, mit der alles Wissen über sie ausgelöscht werde. Die Auslöschungsfantasie von Catwoman korrespondiert mit den Auslöschungsfantasien des Bösewichts Bane. Es treibt die Figuren überhaupt bisweilen der Wunsch um, all den Ballast, den der Heldenstoff über die Jahrzehnte angesammelt hat, per Knopfdruck loszuwerden. Vor allem die Nebenfiguren tragen dieses popkulturelle Erbe allerdings mit Witz und Würde, es ist das reinste Vergnügen, einmal mehr mit Michael Caine den unverzagt höflichen und etwas melodramatischen Butler und Ersatzvater Waynes in seinen Gewissensbissen zu beobachten. Morgan Freeman spielt den alten technischen Berater Lucius Fox mit den ewig jungen Augen eines Tüftlers, der sich an seinen ausgefeilten Todesmaschinen nicht sattwundern kann, Gary Oldman den Polizisten Jim Gordon, hinter dessen trauriger, seriositätsheischender Biederkeit bedrückende Geheimnisse lauern. Womöglich erfreut man sich an den Nebenfiguren so sehr, da sie den Schlachtfeldern der Moral ab und an entrinnen, auf denen die Heldenfiguren beständig kämpfen.