Gesellschaftskritik : Über Männerfreunde

Hagen und Siegfried, Othello und Jago, Schäuble und Kohl, Anders und Bohlen: Am Ende stand immer der Machtkampf. Sepp Blatters Fifa-Clique hält sich an diese Tradition.
Fifa-Exekutivmitglied Ricardo Terra Teixeira, Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva und Sepp Blatter (Archivbild) © Clive Rose/Getty Images

Früher, da waren sie alle gute Freunde . Der Sepp und der Jean, der João und der Ricardo , der Jack, der Mohammed und noch ein paar andere. Eine famose Clique, über Sprachgrenzen, Kontinente und Religionen hinweg verstand man sich prächtig, Schulterklopfen jahrelang. Hätte es damals schon Facebook gegeben, sie wären den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, bei den Einträgen der anderen auf »I like« zu klicken.

Jetzt aber mögen sie sich nicht mehr. Sepp sagt über João böse Sätze wie: »Er muss weg.« Mohammed und Jack mag der Sepp schon gar nicht mehr, seit dem er weiß, dass sie ihn hintergehen wollten. Der Jean trägt leider keine Geldkoffer mehr mit sich herum, weswegen er plötzlich nicht mehr so beliebt ist. Status der Männerclique: Es ist kompliziert.

Wenn es einen prinzipiellen Unterschied zwischen Frauenfreundschaften und Männerfreundschaften gibt, dann diesen: Frauen reden miteinander und reden noch mehr miteinander und analysieren dauernd ihr Innerstes. Männer machen meistens lieber einfach Sachen zusammen. Man könnte sagen: Frauen offenbaren ihre Freundschaft in Worten, Männer in Taten. Gefahr: Die Taten können manchmal wichtiger werden als die Freundschaft. Sepps Fifa-Clique traf sich ebenfalls um zusammen Sachen zu machen. Nämlich ein besonders spannendes, selbst entworfenes, unendliches Strategiespiel.

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Sepp Blatter, Jean-Marie Weber, João Havelange, Ricardo Teixeira, Mohammed bin Hammam, Jack Warner und die anderen Jungs hatten jeder einen Haufen Aktionskarten vor sich, auf denen Begriffe standen wie: »Provision«, »Stimmenpaket«, »WM-Fernsehrechte«, »WM-Austragungsrecht«, »Verbands-Ehrennadel«, »Funktionärsposten«. Machte einen Riesenspaß, bis alle merkten, dass am Ende des Spiels immer einer ein bisschen mehr gewann als die anderen. Das war der Sepp. Die anderen fanden das doof und besorgten ein paar neue Aktionskarten: »Intrige«, »an die Öffentlichkeit gehen«, »Verrat«.

So ist das ja traditionell bei Männerfreundschaften: Hagen und Siegfried, Othello und Jago, Schäuble und Kohl, Thomas Anders und Dieter Bohlen . Alle haben Sachen zusammen gemacht, und am Ende stand der Machtkampf, die Freundschaft schlug in Feindschaft um.

Sepp Blatter will übrigens noch bis 2015 weiterspielen. Er hat auch schon ein paar neue Aktionskarten entworfen, auf denen »Nachfolger« steht und »WM 2026«. Er wird sie rechtzeitig auf den Tisch legen. Spätestens dann sind bestimmt auch seine Freunde wieder da.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Ein herrlicher Beitrag,

der mir wieder einmal zeigt: Wenn die Lage absolut hoffnungslos ist, hilft nur noch der Humor. Wenn Sepp Blatter einmal abtritt, wäre Angela Merkel eine gute Nachfolgerin. Sie ist die wohl einzige Frau, die sich gleichwertig an diesen männlichen Machtspielchen beteiligen könnte. Genauso unangreifbar wie der Sepp wird sie dann ihre Püppchen um sich tanzen lassen und am Ende immer gewinnen. Bestimmt sind schon Headhunter der Fifa auf sie aufmerksam geworden.

Schöner Artikel!

Und der "Sendung mit der Maus"-Stil (Der Sepp, der Jean, ...) passt auch wunderbar zu diesen infantilen alten Herren in Zürich und anderswo.

Doch leider spielen diese unkultivierten Herren nicht mit Murmeln oder Quartett-Karten. Nein, die MAFIFA spielt mit Millionen. Und sie beschädigt eine Sportart, die wie keine zweite die Kraft hat, Menschen unterschiedlicher Nationen, Religionen, Milieus zusammen zu bringen.

Es wäre schön, wenn sich hier mal eine echte Graswurzel-Bewegung bilden könnte, in der schon C-Klassen-Fussballer mit einer "Der Sepp is a Depp!"-Applikation - oder etwas ähnlichem - auf ihrem Trikot auflaufen. Dann können sich die kleinen Jungens in Zürich ihre Aktionskarten nämlich schnell gehackt legen.

Der Galgenhumar als ultima ratio?

Manchmal hat man das Gefühl! Man darf sich nichts vormachen: Grosse Geldflüsse erhöhen das Risiko für Korruption erheblich. Geldflüsse, die nicht wirklich kontrolliert werden (sollen). Sonst wird doch sehr schnell nach dem Staat gerufen. Wenn Normalsterbliche sich etwas zu Schulden kommen lassen, das nur den geringsten Geruch eines Offizialdeliktes hat, schreitet der Staatsanwalt zügig ein. Vom "Sonnenkönig", Sepp dem Ersten, oberster Machthaber eines Milliardenkonzerns, der sich mit dem Begriff "Gemeinnützigkeit" längst selbst selig gesprochen hat,fordert der gleiche, sonst sehr gestrenge Staat nur geringe oder gar keine Steuern. "The old boys network" konnte über Jahre und Jahrzehnte nach eigenem Gusto und zum Nutzen der obersten Machtclique schalten und walten. Wahrscheinlich ist es so, dass der Geruch der Verwesung nicht erträglich wäre, wenn die Grube der Korruption einmal entschlossen ausgehoben würde.