Früher, da waren sie alle gute Freunde . Der Sepp und der Jean, der João und der Ricardo , der Jack, der Mohammed und noch ein paar andere. Eine famose Clique, über Sprachgrenzen, Kontinente und Religionen hinweg verstand man sich prächtig, Schulterklopfen jahrelang. Hätte es damals schon Facebook gegeben, sie wären den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, bei den Einträgen der anderen auf »I like« zu klicken.

Jetzt aber mögen sie sich nicht mehr. Sepp sagt über João böse Sätze wie: »Er muss weg.« Mohammed und Jack mag der Sepp schon gar nicht mehr, seit dem er weiß, dass sie ihn hintergehen wollten. Der Jean trägt leider keine Geldkoffer mehr mit sich herum, weswegen er plötzlich nicht mehr so beliebt ist. Status der Männerclique: Es ist kompliziert.

Wenn es einen prinzipiellen Unterschied zwischen Frauenfreundschaften und Männerfreundschaften gibt, dann diesen: Frauen reden miteinander und reden noch mehr miteinander und analysieren dauernd ihr Innerstes. Männer machen meistens lieber einfach Sachen zusammen. Man könnte sagen: Frauen offenbaren ihre Freundschaft in Worten, Männer in Taten. Gefahr: Die Taten können manchmal wichtiger werden als die Freundschaft. Sepps Fifa-Clique traf sich ebenfalls um zusammen Sachen zu machen. Nämlich ein besonders spannendes, selbst entworfenes, unendliches Strategiespiel.

Weitere Artikel zur Serie "Gesellschaftskritik". Bitte klicken Sie auf das Bild.

Sepp Blatter, Jean-Marie Weber, João Havelange, Ricardo Teixeira, Mohammed bin Hammam, Jack Warner und die anderen Jungs hatten jeder einen Haufen Aktionskarten vor sich, auf denen Begriffe standen wie: »Provision«, »Stimmenpaket«, »WM-Fernsehrechte«, »WM-Austragungsrecht«, »Verbands-Ehrennadel«, »Funktionärsposten«. Machte einen Riesenspaß, bis alle merkten, dass am Ende des Spiels immer einer ein bisschen mehr gewann als die anderen. Das war der Sepp. Die anderen fanden das doof und besorgten ein paar neue Aktionskarten: »Intrige«, »an die Öffentlichkeit gehen«, »Verrat«.

So ist das ja traditionell bei Männerfreundschaften: Hagen und Siegfried, Othello und Jago, Schäuble und Kohl, Thomas Anders und Dieter Bohlen . Alle haben Sachen zusammen gemacht, und am Ende stand der Machtkampf, die Freundschaft schlug in Feindschaft um.

Sepp Blatter will übrigens noch bis 2015 weiterspielen. Er hat auch schon ein paar neue Aktionskarten entworfen, auf denen »Nachfolger« steht und »WM 2026«. Er wird sie rechtzeitig auf den Tisch legen. Spätestens dann sind bestimmt auch seine Freunde wieder da.