Keine Disziplin der Heilkunst reagiert so empfindlich auf Störungen von außen wie die Transplantationsmedizin. Zu Recht erwarten potenzielle Spender, dass ihre Organe nach transparenten Regeln entnommen und vor allem gerecht verteilt werden. Jeder Zwischenfall kann das ohnehin extrem niedrige Aufkommen an Spenderorganen in Deutschland abstürzen lassen.

Vergangene Woche war es wieder so weit: An der Universitätsklinik Göttingen wurden 25 Fälle von möglicherweise unlauteren Lebertransplantationen ruchbar. Der Arzt, der den Umstand bestreitet, soll Patienten auf dem Papier kränker gemacht haben, als sie in Wirklichkeit waren – so erhielten diese schneller eine neue Leber. Er hat die Klinik inzwischen verlassen. Die Süddeutsche Zeitung brachte den Fall an die Öffentlichkeit. Die beteiligten Institutionen betonten, dass es sich um einen Einzelfall gehandelt habe. Wer sei gegen so etwas schon gefeit?

Aber handelt es sich – wenn der Verdacht zutrifft – tatsächlich nur um einen einzelnen, irregeleiteten Transplantationschirurgen, oder ist der Fall nicht doch Symptom eines grundsätzlichen Systemfehlers? Um es vorwegzunehmen: Vieles spricht dafür, dass das Transplantationswesen in Deutschland anfällig ist für Missbrauch. Zwar stimmt das Parlament über Transplantationsgesetze ab, aber viel weiter reicht die parlamentarische Kontrolle nicht. Wie der Staats- und Verwaltungsrechtler Wolfram Höfling vor einem halben Jahr in der FAZ konstatierte, sind die Entscheidungen der Transplantationsmedizin nahezu jeder rechtsstaatlichen Kontrolle entzogen. Das Aufsichtsorgan, die Bundesärztekammer, ist ein Verein; die Koordination übernimmt die Deutsche Stiftung Organtransplantation; und der Organverteiler, Eurotransplant, ist ebenfalls eine Stiftung – niederländischen Rechts.

Nun gut, mag man einwenden, aber was hat das mit den Vorgängen in Göttingen zu tun? Obwohl sich die Bundesärztekammer damit brüstet, selbst den Fall in Kooperation mit den Medien aufgebracht zu haben, bleiben Restzweifel, ob anderen Gerechtigkeitslücken hinreichend nachgegangen worden ist. Immer wieder heißt es, dass nicht nur Patienten auf dem Papier kränker gemacht wurden, sondern auch Spenderorgane. Erscheint das Transplantat erst einmal ungeeignet für lange Transportwege, so lässt es sich, statt es weiterzugeben, vielleicht in der eigenen Klinik transplantieren. Zugegeben, viele Regularien erschweren diesen Trick – aber er ist denkbar. Und was ist mit den Organtouristen, die sich nach Deutschland aus Ländern aufmachen, in denen es kein funktionierendes Transplantationswesen gibt? Eigentlich sollten die Spenderorgane – von wenigen Ausnahmen abgesehen – an Empfänger im Einzugsbereich von Eurotransplant gehen. Doch niemand prüft minutiös genug die Papiere der Empfänger.

Die Prüfkommission der Bundesärztekammer geht verdächtigen Fällen nach. Seit ihrer Einrichtung 1999 waren es 119. Im Sinn öffentlicher Kontrolle wäre es wichtig, wenn Unbeteiligte die Abschlussberichte einsehen könnten. Doch sie bleiben unter Verschluss. Aus Gründen des Datenschutzes, heißt es. Aber könnte nicht ein parlamentarischer Ausschuss Einblick erhalten? Warum nicht, heißt es jetzt.

Vielversprechend klingt der Ansatz der Deutschen Transplantationsgesellschaft, unabhängige Prüfteams zu den Transplantationszentren zu schicken. Zwar ist unklar, wer deren Arbeit finanziert. Aber der Vorschlag fußt auf der korrekten Erkenntnis: Solange die Kontrolle einem geschlossenen System überlassen ist, wird das Misstrauen zu Recht bleiben.