Wer hätte gedacht, dass an einem kühlen Juliwochenende zur besten Urlaubszeit an die siebenhundert Berliner zum Wannsee pilgern würden, um ihre Kenntnis deutschsprachiger Kleinverlage aufzupolieren? In Schals und Mäntel gehüllt, saßen sie im dichten Gestühl auf der Terrasse, standen auf den Stufen oder hatten es sich, mit der Tonübertragung zufrieden, im Saal des Literarischen Colloquiums gemütlich gemacht und hörten konzentriert den Kostproben aus den aktuellen Programmen zu. Die Ruhelosen, die zwischen den Verlagsständen und dem zum Wannsee abfallenden Park hin und her wanderten, lenkten sie nicht ab: Man hatte es mit der Creme des deutschen Literaturpublikums zu tun, mit Buchliebhabern, die meist in ihren Fünfzigern oder älter waren und dank des üppigen Angebots an hauptstädtischen Autorenlesungen mit experimenteller wie traditioneller Prosa bestens vertraut.

In der Luft lag der Duft von angebrannten Würstchen und Steaks. Der Kaffee mit H-Milch war stark und ungenießbar. Die Damen trugen durchgehend Hosen, dazu Steppjacken, Lagenlook oder durch Seidenschals in ihrer Strenge gedämpfte Jacketts. Die herrschten auch bei den Herren vor, gepaart mit entspannten Freizeitkombinationen, die nicht nur durch vereinzelte Mützen einen Hauch von Günter Grass verbreiteten. Dass man in kleinen Verlagen große Entdeckungen machen kann, war hier kein Geheimnis. Wie auf Buchmessen drängten sich die Neugierigen an den Ständen, tauschten Empfehlungen aus und saugten mit dem gesenkten Kopf des Undercover-Agenten Informationen zu Büchern und Autoren auf.

Der Reiz von Kleinverlagen liegt nicht zuletzt darin, dass sie die Seele ihrer Verleger atmen. Die standen denn auch meist direkt hinter ihrem Sortiment und gaben bereitwillig Auskunft. Dass er sich auch noch in zwanzig Jahren mit der nächsten Generation unterhalten können möchte, ist für Christian Ruzicska vom Secession Verlag das Movens bei der Buchauswahl. Was den Verlag im Innersten zusammenhält? »Es geht um Identität«, sagt er, und dabei glänzen seine Augen. »Das sind ja im Grunde alles Wahnsinnige«, erklärt Thomas Geiger vom LCB, der das Treffen der kleinen Verlage vor sieben Jahren ins Leben rief. Anders kann er sich die Bereitschaft, mit Verlusten Bücher zu machen, nicht erklären: »Entweder sie haben geerbt, oder sie schlagen sich durch, oder sie sind echte Füchse, finden die Lücken und machen Entdeckungen. Ganze Gattungen wie die Lyrik werden ja zu den Kleinverlagen outgesourct.«

Den Berenberg Verlag Heinrichs von Berenberg gibt es seit acht Jahren, auch wenn man meinen möchte, diese schönen, sorgfältig gemachten Bücher seien schon immer da gewesen. Tatsächlich werden sie von Clausen & Bosse gedruckt, dem einstigen kleinen Zeitungsverlag an der dänischen Grenze, dem Ernst Rowohlt seine Rotationsromane anvertraute. »Qualität muss sein bei acht Büchern im Jahr. Die gehen auch nicht kaputt. Foto-Cover machen es noch mal teurer. Die rauchende Marlene Dietrich hat irrsinnig viel gekostet, weil die Erben rabiate Nichtraucher sind.« Berenbergs Programm spiegelt persönliche Vorlieben und Obsessionen von Nietzsche und Strindberg bis zur New Yorker- Lektüre, Freundschaften wie mit dem Chilenen Robert Bolaño, den Berenberg schon als Wagenbach-Mitarbeiter übersetzte, und nicht zuletzt Expertenintuitionen. Im Fall von Maria Sonia Cristoff etwa, die in Unbehaust von Tieren und Zoobesuchen erzählt. Mit ihnen kurierte sie ihre Schlaflosigkeit, nachdem neu eingezogene Nachbarn sie Nacht für Nacht pünktlich um drei Uhr durch lautstarken Sex um den Verstand zu bringen drohten.

Geschichten gibt es en masse, denn Kleinverlage sind Menschen und nah am Leben. »Bei Lilienfeld ist der ganze Verlag krank, wenn zwei die Grippe haben«, witzelt Thomas Geiger. Die Bücher sind trotzdem da, auch Otto E. Ehlers’ Reisebuch Samoa, dessen Manuskript Lilienfeld-Verleger Axel von Ernst auf dem Trödel gefunden hat. Der Autor wurde 1895 bei seiner ersten Expedition auf die Südseeinsel hinterrücks erschossen. Auch Tim Herden, der Schöpfer der Hiddensee-Krimis, spinnt auf dem Podium herzerwärmendes Seemannsgarn. Zu seinem Metier sei er gekommen, als ihm am Tag seiner Hochzeit das Fahrrad direkt vor der Hiddenseer Wache gestohlen worden sei. Denn »das Verbrechen macht keinen Urlaub«, wie er den »amtierenden Inselpolizisten« zitierte.