Treuhand-Streit : Bernd Breuer gegen die BRD

Im Nachkriegsdeutschland ist er aufgewachsen und reich geworden. Vom selben Land glaubt sich der Unternehmer Bernd Breuer heute um viel Geld und ein gerechtes Urteil betrogen.

Bernd Breuer rollt auf sein Grundstück in bester Potsdamer Lage und könnte kotzen. Schwer liegt er auf der Rückbank seiner Limousine, wie in einer Sänfte. Am Steuer sitzt Breuers Sohn, der den Wagen jetzt anhält, damit Vater eine rauchen kann. Breuer stemmt seinen mächtigen Körper aus dem Wagen in den böigen Potsdamer Morgen. Sein weißes Haar weht, er zieht an seiner Ernte 23 und sieht jetzt aus wie Peter Ustinov nach einer durchzechten Nacht. Die Lage hier ist für den Kölner Breuer "janz eindeutisch": Alle machen mit ihm, was sie wollen. Auf seinem Potsdamer Grundstück wächst so einiges vor sich hin, nur nicht das, was er will – so ist das seiner Meinung nach von Anfang an gewesen. Breuer, 66, ist sauer auf die Treuhand, auf Potsdam , auf die Berliner Justiz und jetzt auch auf seinen Sohn. "Fahr, Basti, fahr doch! Isch will den janzen Schrott sehn" donnert er in breitestem Kölsch wieder auf der Rückbank sitzend. Der Sohn kennt diese Stimmung bei seinem Vater, "am besten bleibt man da ganz ruhig".

Der Wagen gleitet an Containern des Hans-Otto-Theaters vorbei – "Haben die überhaupt einen Mietvertrag?" – und weiter über löchrige Bodenplatten, vorbei an verwitterten Garagen und vom Umkraut überwucherten Lagerhallen. Als Breuer den Neubau eines Fliesenhandels entdeckt, schnaubt er: "Der Meister hat ja schon wieder jebaut! Sin die denn bekloppt?" Der Fliesenhandel hat das Grundstück nur gemietet, läuft der Mietvertrag aus, gehört der Neubau theoretisch Breuer. "Dat Jrundstück wollen die jetz von mir für ’nen Appel und ’n Ei kaufen. Isch sach aber: Pfff!!"

Das Gelände gehört ihm, seit er es 1993 von der Treuhand kaufte. Diese 15 Hektar Osten sollten seine persönliche Wiedervereinigung werden. Breuer besaß den größten Kranverleih Europas. 2.000 Kräne, 2.500 Angestellte, eine Milliarde D-Mark Umsatz. Die weißen Kräne mit dem blauen Breuer-Schriftzug standen auf der Olympia-Baustelle in Moskau , sie schwammen auf der Themse, um Londons neues Finanzviertel Canary Wharf zu bauen, und auf der Ostsee – beim Bau der Öresund-Brücke zwischen Schweden und Dänemark. Auf dem Gelände in Potsdam standen die Fabrikhallen der insolventen Firma Maschinenbau Babelsberg . Hier sollte Breuers Niederlassung Ost entstehen. Von hier aus wollte er den Osten aufrollen.

Aber der Osten wollte sich von Breuer nicht aufrollen lassen. Zuerst betrog ihn die Treuhand mit dem Kaufvertrag, dann verschwanden große Teile des Inventars, und zu guter Letzt will kein Gericht Berlins anerkennen, dass die Treuhand ihn betrogen hat. Seit 15 Jahren klagt Breuer gegen diese "Scheiße". Eines von 10.805 Verfahren, die gegen die Treuhandanstalt bislang geführt wurden. 4.126 davon hat die Treuhand gewonnen, 4.348 wurden eingestellt. 133 Millionen Euro hat das den Bundeshaushalt gekostet. Breuer ist einer der letzten großen Kläger. "Den andern is’ dat Jeld ausjejangen." 12,4 Millionen Euro hat er ausgegeben für seinen Privatkrieg, sieben Anwälte beschäftigt. "Bis 2005 hatt’ isch Luft." Seitdem hat er vier Grundstücke und drei Häuser verkauft, damit nicht auch ihm das Geld ausgeht.

Nach Strich und Faden verschaukelt

Seit Monaten liegt seine Klage nun beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Gewinnt er, müsste die Bundesrepublik den Potsdamer Verkauf rückabwickeln und Breuer wohl mit weit über 100 Millionen Euro entschädigen. Er will, dass endlich einmal einer sagt: "Breuer, du hast recht: Die Treuhand hat dich beschissen."

Man könnte Breuer für einen halten, der sich im engen Turm einer Verschwörungstheorie eingemauert hat – räumte nicht Detlef Kaminski, Potsdams Ex-Baustadtrat, heute ein: "Breuer wurde nach Strich und Faden verschaukelt." Wäre da nicht Willi Zylajew, Mitglied des Bundestags, dem man riet, sein Engagement für Breuer zu überdenken, da es zu viele gebe, die gegen die Treuhand in ähnlicher Sache klagen könnten. Sagte nicht Siegfried Kauder , CDU-Mann im Bundestags-Petitionsausschuss: "Ich habe sofort gemerkt, dass da etwas faul ist." Und urteilte nicht Rainer Kanzleiter, Vorsitzender der Deutschen Notarrechtlichen Vereinigung: "Der Vertrag mit der Treuhand ist null und nichtig."

Wer Bernd Breuer auf seinem Pfad ins Unterholz der deutschen Republik folgt, reibt sich die Augen angesichts dessen, was er da zu sehen bekommt: arglistige Täuschung durch eine öffentlich-rechtliche Anstalt. Betrug. Schlampige Notare. Fehlurteile. Starrsinnige Richter. Es entsteht ein dunkles Bild der Nachwendezeit und der Eindruck eines fragwürdigen Umgangs der Berliner Justiz mit diesem Fall. Und man sieht einen Mann, der das Land, in dem er lebt und steinreich wurde, nicht mehr versteht.

1990: Das vereinte Deutschland ist eben geboren und mit ihm die größte Privatisierungsmaschine in der Geschichte des Kapitalismus, die Treuhandanstalt. Dem Finanzministerium untergeordnet, soll sie die rund 8500 volkseigenen Betriebe der DDR mit mehr als vier Millionen Mitarbeitern verkaufen. 1990 bekommt die Allianz-Versicherung Filialen samt Kunden der staatlichen DDR-Versicherung. Die Filialen der Staatsbank haben Deutsche und Dresdner Bank unter sich aufgeteilt. Thyssen übernimmt die profitabelste Firma der DDR, das weltgrößte Stahlhandelsunternehmen Metallurgiehandel, um es später abzuwickeln.

Jeder in Potsdam kannte wen, der hier arbeitete

Nachdem die Großen sich das Beste aus dem Treuhandregal genommen haben, kommen Mittelständler wie Breuer dran. Überall im Osten wird derweil gestreikt, auch bei der Maschinenbau Babelsberg (Maba), deren Aufsichtsrat von der Treuhand geleitet wird, während Westinvestoren genervt durch die Straßen ziehen, vergeblich auf der Suche nach einem guten Lokal. Die Treuhand wird im Osten als Besatzerregime erlebt, das einen Betrieb nach dem anderen liquidiert. In der Treuhandzentrale in Berlin will man die Betriebe rasch und zu guten Preisen loswerden.

Weihnachten 1992 schauen sich Bernd Breuer und sein Bruder Helmut die Maba an. Was sie finden, sind die Reste des Facharbeiterstolzes von Potsdam. Rund 2.500 Beschäftigte hatte das ehemalige Karl-Marx-Werk. Erst bauten sie Lokomotiven, dann Klimaanlagen und zuletzt Autokräne für den IFA W50, den meistgebauten, in über 40 Länder exportierten Lkw der DDR. Das Werk war eine Stadt in der Stadt, groß wie 150 Fußballfelder, mit Konsum, Fleischerei, Ambulanz, Arztpraxen und einer Ausbildungswerkstatt für 650 Lehrlinge: Dreher, Fräser, Schlosser, Maurer. Jeder in Potsdam kannte wen, der hier arbeitete.

Die Wende bringt die Namensänderung und den Niedergang. Keiner will mehr Maba-Kräne. Der 1:1-Umtausch von Ost- in D-Mark sorgt für eine 400-prozentige Aufwertung über Nacht: Die auf dem Weltmarkt kaum konkurrenzfähigen Kräne sind jetzt viermal so teuer, die DDR-Absatzmärkte in Osteuropa, Vietnam, Angola brechen weg. Die Treuhand entlässt 2.000 der 2.500 Arbeiter.

Wie müssen die Gebrüder Breuer auf die am Boden liegende Stadt gewirkt haben? Bernd Breuer, der einen eigenen Jet besaß, weil er es leid war, dass es zwischen Köln und Moskau keine Direktverbindung gab. Sein Bruder, der mal per Helikopter einflog. Waren die Breuers zwei kölsche Donald Trumps? Millionäre, die breitbeinig durchs Leben gingen? Breuer erzählt gern, dass er mit 18 den ersten Porsche bekam. Und danach jedes Jahr einen neuen. "Billijer kann man nich fahren. Die verlieren ja so jut wie nich an Wert." Es scheint, als habe er im Leben auf wenig verzichten müssen. Und trotzdem nahm er den Arbeitern ihre Garagen weg, die sie am Rande des Betriebsgeländes gebaut hatten.

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Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Politik wirkt auf Justiz ein?

Zu Beginn des Artikels dachte ich "was stellt der sich an, hat doch genug." Am Ende des Artikels angelangt, hoffe ich nun, dass das, was dort beschrieben ist - nämlich unmittelbare Einflussnahme der Politik auf die Justiz bzw willfährige Handlung der Justiz zugunsten der Politik - doch nicht wahr ist.

Im kleinen wie im Großen

Wir haben in 2010 gutgläubig (!) eine Immobilie qua Submissionsverfahren aus dem Landesbesitz NRW erstanden, für die es zum Zeitpunkt des Verkaufs keine Baugenehmigung gab (= baurechtlich ein Schwarzbau). Diese erfolgte erst Wochen nach dem wir schon Eigentümer waren und deckte sich nicht mit den Angaben, die im Exosé dargelegt - und für uns kaufentscheidend waren. Es dauerte mehr als ein Jahr und juristischen Beistandes, bis die uns qua Prospekt verkauften "95 qm Wohnfläche im Nebengebäude" durch das zuständige Bauamt genehmigt wurden. Alle beteiligten Behörden haben bis zum Schluss die Dimension des Vorgangs vor uns als Käufern und Eigentümern vertuscht, das Problem auf uns verlagert und nötigend eingewirkt. Ein Schuldbewußtsein seitens der beteiligten Behörden wurde uns bislang nicht signalisiert. Auf eine Gutmachung des uns entstandenen Schadens wage ich angesichts des Artikels über Herrn Breuer nicht mehr zu hoffen.
Mein Glaube an die Rechtschaffenheit unserer staatlichen Institutionen ist zutiefst erschüttert.

Die Treuhand hat oft mit zweifehaften Methoden gearbeitet

Ich wollte 1993 von der Treuhand einen Betrieb in Dresden erwerben. Die Prüfung der Bilanz ergab, daß die Treuhand die meisten Immobilien der Firma verkauft hatte und die darauf eingetragenen Hypotheken auf merkwürdige Weise in normale Bankschulden umgewandelt hatte. Zurück blieb eine Firmenruine mit 50 Mitarbeitern, ohne Aufträge und 2 Mio DM ungedeckte Schulden, die immerhin noch 600.000 DM kosten sollte.

Ich habe das damals als plumpen Betrugsversuch gewertet.