Siebzig Menschen stehen am tiefen Ende der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern. Nun setzen sie sich in Bewegung und kommen mit kleinen Schritten, als wären sie an den Füßen zusammengekettet, auf die Zuschauer zu. Ich stehe mitten in der Halle, und an meiner Gestalt teilt sich die Menge. Sie umfließt mich, ohne mich zu berühren. Doch einer, ein großer Mann mit Bart, bleibt bei mir stehen und spricht: Er habe mit einem Freund in der Normandie Krabben gesammelt, im Schlick, bei Ebbe, und dann sei die Flut gekommen, und Todesangst habe sie beide überfallen, und er habe seinen Freund tragen müssen am Ende, um es zu schaffen. Der Mann sagt das, als nehme er ein Gespräch wieder auf, das seit Jahren zwischen uns im Gang ist. Dieser Tag in Frankreich habe sein Leben verändert, sagt er, dann blickt er den anderen nach, die längst weitergezogen sind. Er rennt ihnen hinterher.

Die Turbinenhalle ist einer der größten geschlossenen Kunsträume der Welt: Blickt man von höheren Stockwerken in ihre Tiefe, wirkt sie wie eine leere Werft. Vom Eingang führt eine Betonrampe zu ihr hinab. Diese Rampe gehen die Läufer hinauf, und als sie oben an den Eingangstüren angelangt sind, machen sie kehrt: Nun rennen sie die Rampe hinab, zurück in die Halle. Aus dem Trupp der fahlen Untoten ist eine wilde Meute geworden. Für einen Moment denkt man, es sei höchste Zeit, sich vor den Läufern in Sicherheit zu bringen. Aber auf der Flucht hat diese Menge die Leichtigkeit eines Schwarms; die Körper kommen uns nahe, sie lassen uns ihren Atem spüren, aber sie berühren uns nicht. So geht es den ganzen Tag: Immer wieder eilen Menschen an mir vorbei, sprechen mich an, gehen weiter. Sie sprechen leise, sie wollen nichts verkaufen und mich zu nichts überreden, sie schauen mir sehr gerade in die Augen, als werde es kein weiteres Gespräch geben, dann eilen sie davon – und ich komme mir mehrmals vor wie einer der Buchjünger aus Ray Bradburys böser Utopie Fahrenheit 451, wie ein Grünschnabel, der von einem Wissenden den Inhalt eines verlorenen Buches erfährt, Wort für Wort.

Dies ist die neue Arbeit des Künstlers Tino Sehgal, sie heißt These Associations, und sie wird bis Oktober in der Turbinenhalle aufgeführt werden. Sehgal ist ein 36-jähriger Mann auf dem Weg zum Weltruhm. Alle möglichen Nationen vereinnahmen ihn für sich, was er mit der Gelassenheit des Weltbürgers akzeptiert: Die Engländer nennen ihnen einen typischen Londoner, denn hier ist er geboren. Die Berliner schlagen ihn ihrer Kunstszene zu, denn in Berlin hat er seinen Hauptwohnsitz. Die Inder dürfen Ansprüche erheben, denn sein Vater ist Inder, die Deutschen auch, denn seine Mutter ist Deutsche, und wenn er englisch spricht, klingt er wie ein Schwabe (er hat sieben prägende Jahre in der Daimlerstadt Sindelfingen zugebracht). Jetzt beherrscht Sehgal die Turbinenhalle der Tate Modern. Es ist ein Privileg, das Großkünstlern vorbehalten bleibt. Was tut er, um den Raum zu füllen? Er füllt ihn mit Menschen, er inszeniert einen gewaltigen, sich bis zum Oktober hinziehenden Flashmob, in den man jeden Tag acht Stunden lang eintauchen kann – bei freiem Eintritt.

Vor zwei Jahren hat Ai Weiwei die Turbinenhalle mit Millionen winziger Kunstwerke gefüllt, nämlich mit handbemalten Sonnenblumenkernen aus Porzellan. Diese wütende Geste der Verschwendung menschlicher Lebenszeit und Arbeitskraft ist als Auflehnung gegen die chinesische Staatsmacht gelesen worden. Ai Weiweis Kunst der kleinsten Zeichen wäre mit keinem künstlerischen Material zu übertreffen, und Tino Sehgal hat es nicht versucht. Er wäre ohnehin der Letzte, der die Tate Modern mit Objekten füllen würde. Tino Sehgal hasst es, Überschuss herzustellen. Wenn er etwas produziert (er verwendet den Begriff »generieren«), fügt er der mit Zeug überfüllten Welt kein weiteres Zeug hinzu. Was er herstellt, verschwindet rückstandslos. Er schafft »konstruierte Situationen«, Szenen, in die der Museumsbesucher eintaucht. Um These Associations vorzubereiten, hat er ein Jahr lang in London nach Helfern gesucht, etwa 250 sind nun für ihn als »Interpretatoren« in der Turbinenhalle unterwegs (bei knapp neun Pfund Stundenlohn).

Schon vor zwei Jahren hat Sehgal einen berühmten Kunstraum nach seinen eigenen Gesetzen inszeniert. This Progress hieß die »Situation«, die er 2010 im New Yorker Guggenheim-Museum erfand. Ehe er sie einrichtete, räumte er das Museum aus, kein Kunstwerk sollte vom Geschehen ablenken. Als dann die Museumsbesucher die Spirale des Guggenheim-Museums hinaufgingen, hatten sie Gespräche mit wechselnden Wegbegleitern zu führen; die Gespräche drehten sich um die Frage, was denn Fortschritt sei. Je höher man hinaufstieg, desto älter wurden die Wegbegleiter. Kam der Museumsbesucher in der obersten Etage an, war er plötzlich allein, sodass er den Eindruck hatte, er habe eine kleine Lebensreise in Begleitung wechselnder Schutzengel gemacht. Sehgals neues Werk, These Associations, führt einen Schritt weiter: Hier nun kann man, in einem geschlossenem Raum, in das Gewimmel einer ganzen Stadt eintauchen.

Sehgals Werk wird von einer Mischung aus Demut und Hochmut geprägt. Er will der Nachwelt nichts hinterlassen, doch seine Mitwelt darf schon mitkriegen, dass er ein großer Künstler ist. Die »Interpretatoren« früherer Arbeiten ließ Sehgal gern den Satz »Dies ist ein Werk von Tino Sehgal« sagen. Er schuf also Kunstwerke mit tönender Signatur. Aufs Theater übertragen, wäre das ungefähr so, als müsste Frank Castorfs Volksbühnenensemble auf der Bühne immer wieder »Dies ist ein Werk von Frank Castorf« murmeln.