Auch wenn wir es heute nicht mehr wahrhaben wollen: Immer noch stehen wir auf den Schultern jener Riesen, die das 19. Jahrhundert so zahlreich hervorgebracht hat. Darwin, Marx, Nietzsche, Burckhardt, Tocqueville und Wagner, von den Schriftstellergrößen aus Russland oder Frankreich ganz zu schweigen – sie alle haben den Blick auf die Welt grundlegend verändert. Und wenn wir genau hinschauen und uns nicht von den angeblich revolutionär neuen Phänomenen oder den angesagten Flachdenkern der jeweiligen Saison ablenken lassen, so werden wir feststellen müssen, dass sie noch immer die geheimen Herrscher über unser geistiges Koordinatensystem sind.

Einer dieser Giganten war der hierzulande lange vergessene Jean-Henri Fabre, in ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen 1823 im französischen Zentralmassiv geboren. Im Laufe seines Lebens – er starb 1915 im hohen Alter – wurde er zu einem der bedeutendsten Naturforscher seiner Zeit; hochgeehrt als Mitglied von Ehrenlegion und Académie française, 1912 gar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Grund hierfür war die sprachliche Meisterschaft, in der er seine Erkenntnisse präsentierte. Lange Jahre arbeitete er als Lehrer für Physik und Chemie in Avignon, wo er den Dienst quittieren musste, weil seine naturwissenschaftlichen Vorträge vor dem weiblichen Publikum der katholischen Kirche moralisch allzu fragwürdig erschienen; fortan verfasste er vor allem Lehrbücher. 1879 ließ er sich in Sérignan-du-Comtat in der Vaucluse nieder, in seinem »Harmas«, wie er sein heute als Museum zu besichtigendes Anwesen zu nennen pflegte. Dort vertiefte er seine Studien und sein Schreiben, wodurch er zur Berühmtheit wurde. Sein Lebensthema waren die Insekten – er wurde zum Begründer ihrer Wissenschaft, der Entomologie. Und er verfasste seit 1879 zehn hinreißende Bände, die seine Forschungsergebnisse mit eigenen Reflexionen sprachlich meisterhaft präsentierten, was ihm die Bewunderung seiner Zeitgenossen einbrachte. In einer verlegerischen Großtat veröffentlicht der kleine Berliner Verlag Matthes & Seitz seit 2010 die erste deutsche Komplettübersetzung dieser zehn Bände Erinnerungen eines Insektenforschers, die 2015, zum 100. Todestag Fabres, vollständig vorliegen soll.

Ein aufs Schönste gelungenes Hörbuch macht uns derweil akustisch mit Fabres Beobachtungen vertraut, die er auf seinen Wanderungen in freier Natur und in seinem Labor im Harmas machte. Sprecher Gert Heidenreich liest uns aus dem abenteuerlichen Leben des Mistkäfers vor, so wie es Fabre aufgezeichnet hat. Der Skarabäus, der heilige Käfer der Ägypter, leuchtet fast eine Stunde lang in der Sprache Fabres. Dessen Begeisterung überkommt auch den Zuhörer, wenn es wimmelt und krabbelt und dabei doch nach dem höheren Gesetz der Natur erstaunlich systematisch zugeht, etwa beim Rollen der Mistkugel durch den Sandboden, über dem die Luft flirrt und die Zikaden summen, während der Mistkäfer die »grandiose Arbeit« verrichtet, durch Verdauung gleichsam aus »Dreck die Blume hervorbringt«. Minutiöse Beschreibungen klingen zusammen mit Forscherratio und -emotion. Es wird deutlich, wie sehr wissenschaftliche Erkenntnis von der Fähigkeit zur ästhetischen Formung in Sprache und Bild abhängig ist. Die besessene, leidenschaftliche Empirie kann eben wie bei Fabre ihre Triumphe feiern – und sei es bei der jahrzehntelangen geduldigen Beobachtung eines Mistkäfers.