Der Roman hat seine Zukunft noch vor sich. Kurz nach seinem Erscheinen begann die Studentenbewegung, und die Literatur hatte die Gesellschaft zu verändern. Auf der Stelle. Sonst war sie bürgerlicher Subjektivismus. Dieser Stempel wurde dem Gantenbein sofort verpasst. Er teilt das Los mit Frischs elegantester Komödie, Biografie. Ein Spiel. Auch sie hat ihre Zukunft noch vor sich.

Mein Name sei Gantenbein ist ebenfalls Ein Spiel. Angelegt zu dem Zweck, Geschichten zu erzählen. Das uralte »Es war einmal…«, der magische Lockruf für jeden geborenen Erzähler, wie kann man ihm noch folgen in der Moderne? Auf allen traditionellen Formen lag das Verdikt des Verstaubten. Und doch wollte Max Frisch (1911 bis 1991) eigentlich nur dies, Geschichten erzählen, mit rasender Begier. Also erfand er sich das Gantenbein-Spiel.

Er verbrämte seine Leidenschaft mit einer Theorie. Die Wahrheit über sich selbst kann niemand aussprechen, auch nicht die Wahrheit über einen andern, die Geliebte zum Beispiel oder den Geliebten. Individuum est ineffabile: Das wusste schon das Mittelalter, jetzt wurde der Satz wieder aktuell. Nur in erfundenen Geschichten erscheint das Tatsächliche, erklärte der Erfinder des Gantenbein-Spiels und erzählt, mit der Lust des alten Boccaccio.

Die Germanisten stürzten sich auf das Problem der Identität. Sie schürften tief und redeten kompliziert und merkten nicht, dass sie die herrliche Wirklichkeit des Romans verpassten: das Treiben eines entfesselten Erzählers. Und eines frechen Komödianten. Denn frech war der Mann von Natur aus, und das wurde keineswegs geschätzt in den Zeiten der politischen Frömmigkeit. Auch der Liebe gegenüber, die für ihn doch das Einzige war, was neben der Kunst noch zählte, konnte er sich die Frechheit nicht verkneifen.

Alle Feinheiten der Ironie bot er auf, um die Gefechte der Liebe zu schildern, ihre Lügen und Leiden, ihre Tricks, ihre Verstellungen und die plötzlich auflodernde Wahrhaftigkeit. Er schien der Einzige zu sein, der noch wusste, dass die Geschichte der europäischen Komödie nichts anderes war als eine riesige ars amandi und dass daher, wer der Liebe auf die Spur kommen wollte, besser beim Decamerone und der Commedia dell’arte ansetzte als bei Tristan und Isolde. Der Tod würde sich noch früh genug ins Spiel mischen. So entwarf er die Intrige mit der gespielten Blindheit, einen unabsehbar fruchtbaren Plot.

Die Szenen von Liebe und Verrat, die Momente von Glück, Verzweiflung, Wut und Zärtlichkeit fielen ihm sogleich in Fülle zu. Der Roman wird zu einem Sturm der hinreißend erzählten Situationen. Meist übersteigen sie die Länge einer Kalendergeschichte nicht, sind aber untereinander vernetzt und zeugen vom Bewusstsein, welches Maß mit der Kalendergeschichte seit Hebel, mit der Anekdote seit Kleist in der deutschen Literatur gesetzt ist. Nie ein Wort zu viel und alles Rhythmus.