Der autobiografische Roman Die Romantiker, den Nâzım Hikmet (1902 bis 1963) in seinen letzten Lebensjahren verfasste, ist insofern einer der frühesten und bedeutendsten »europäischen« Romane meiner Heimat, als durch den kosmopolitischen Charakter seiner Protagonisten der Horizont nicht auf die nationalen Probleme der Türkei beschränkt bleibt. Das Buch handelt vielmehr von der Suche nach den Grundwerten des Lebens. Zum ersten Mal zu Gesicht bekam ich den Roman 1964, als mein Vater ihn von einer Parisreise mit nach Hause brachte. In der Türkei konnten die Bücher Nâzım Hikmets damals nicht ohne Weiteres erscheinen. Nach einer zwölfjährigen Haftstrafe war der Autor 1950 im Rahmen einer Generalamnestie freigekommen und hatte sich kurze Zeit später nach Moskau abgesetzt, um dem unerbittlichen Druck des türkischen Staates zu entgehen. Als Titel hatte er für sein Buch den lebensbejahenden Ausruf »Mensch, das Leben ist schön« gewählt, doch Louis Aragon, der das Vorwort zur französischen Ausgabe schrieb, verlieh dem Buch mit Zustimmung des Autors einen neuen Namen, Die Romantiker, unter dem dann auch die deutsche Übersetzung veröffentlicht wurde. Dieser Titel passt, so finde ich, gut zu den utopistisch angehauchten Vorstellungen, die man sich damals über den Kommunismus machte und die dem heutigen Leser reichlich optimistisch, um nicht zu sagen naiv vorkommen, und er gibt auch etwas von der Ungeduld wieder, mit der die jugendlichen Helden (von denen die meisten schließlich ins Gefängnis kommen und gefoltert werden) den Herrlichkeiten entgegenfiebern, die das Leben ihnen dereinst bieten soll.

Ahmet, der Protagonist des Romans, der sich genauso wie Nâzım Hikmet ungern wäscht und sich in den zwanziger Jahren abwechselnd in Istanbul, in Anatolien und in Moskau aufhält, ist Kommunist und lebt schließlich versteckt in einer Hütte in Izmir, um Verfolgungen durch den Geheimdienst zu entgehen. Als er von einem Straßenhund gebissen wird, befürchtet er, sich mit Tollwut angesteckt zu haben, wartet in der Hütte bang die vierzig Tage Inkubationszeit ab und blickt in dieser Zeit auf sein Leben zurück, während er aus steter Angst, von Zivilpolizisten verfolgt zu werden, ein aufmerksamer Beobachter vieler Alltagsdetails ist.

Im Gegensatz zu so manchem realistisch angelegten politischen Roman jener Epoche verläuft die Handlung in den Romantikern keineswegs eindimensional. Es kommt zu zahlreichen Zeit- und Ortssprüngen, gewöhnliche Rückblenden wechseln sich mit dadaistischen Brüchen ab. Eine Grundschule im türkischen Bolu, eine politische Diskussion in einer Bierkneipe in der berühmten Moskauer Arbat-Straße, ein Sommertag in den leeren Straßen des Istanbuler Stadtteils Kadköy, das Gefängnis am Sultanahmet-Platz, ein politischer Häftling, der auf der Toilette eines Kriegsschiffs eingesperrt wird, und ein Mann, der auf der Istanbuler Galata-Brücke eine politische Zeitung verkauft und sich plötzlich schämt: lauter einzelne Szenen, die ineinander übergehen und sich durch die einfache Sprache mit ihren kurzen, wie Pinselstriche hingeworfenen Sätzen zu dem Gesamteindruck eines vollkommenen lyrischen Gedichts aus der Feder eines zwar leidenden, aber von der Schönheit des Lebens durchdrungenen Poeten verdichten. Bewundernd denkt sich der Leser, dass man, um die Dinge des Alltags so treffend festzuhalten, das Leben wohl besonders lieben muss und dass man, um das Leben so sehr zu lieben, wohl lange im Gefängnis gewesen sein muss.

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier