Wir lasen es alle, gierig. Das goldene Notizbuch ist der seltene Fall eines Buches, das aufschlug und eine Woge von Emotionen, Kritik, Verehrung auslöste – und schlagartig universitärer Lehrstoff war. Nie hatten wir, Studentinnen der Literatur, uns in einem Buch so wiedergefunden, in unserer Sicht auf die Welt und auf uns.

Meine englische Ausgabe ist brüchig und abgewetzt, sie sieht, mit dem ramponierten Paperback-Cover, den vergilbten, sich wölbenden Seiten, ihren Eselsohren, den kleinen roten Merkzetteln, den vielen Unterstreichungen, den geringelten Hervorhebungen, so aus, als wäre sie mein Leben lang neben mir hergelaufen. Auf gewisse Weise stimmt das auch. »Das goldene Notizbuch ist Doris Lessings wichtigstes Werk«, schrieb die amerikanische Kritikerin Elizabeth Hardwick in der New York Times Book Review: »und es hat die Ideen und Gefühle einer ganzen Generation von Frauen geprägt.« Geprägt, nicht nur gespiegelt. Eine starke These!

Welche Generation eigentlich? Meine Ausgabe trägt den handschriftlichen Vermerk: »gelesen März 1978«. Die Ausgabe hat ein Vorwort von Doris Lessing aus dem Jahre 1972, darin kommentiert Lessing in der ihr eigenen Schärfe nachdenklich bis ironisch die Rezeption von Das goldene Notizbuch, das sie zehn Jahre zuvor, 1962, veröffentlicht hatte, als drittes Buch eines Werkes, das in einem halben Jahrhundert auf über 30 Bücher anwachsen sollte. So gesehen wäre Das goldene Notizbuch also ein Roman, der aus einer Generation geboren wurde, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts aufgewachsen war, es ist die Generation, welche die Verheerungen der Weltkriege erlebt hatte und die Verwüstungen kannte, die Nationalsozialismus und Kommunismus in Europa angerichtet hatten.

Das Buch bündelt Themen, die sich aus diesen Erfahrungen ergeben, es spürt den desaströsen Effekten nach, welche diese in der Psyche der Menschen hinterließen, und es tut dies so hellsichtig, dass noch die nachfolgenden Generationen Das goldene Notizbuch als ihr Buch, als vollkommen zeitgenössisch, lesen. Lessing habe »sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen«, wird 2007 die Schwedische Akademie urteilen und ihr den Nobelpreis zusprechen, zu Recht.

Doris Lessing wurde 1919 im Iran geboren, als Tochter eines im Ersten Weltkrieg schwer versehrten britischen Offiziers, der Lessings Mutter, eine Krankenschwester, im Hospital getroffen hatte. Ihre Eltern zogen von ihrem selbst gewählten Exil im Iran weiter nach Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, wo Lessing ihre Kindheit und Jugend, auch die frühe Erwachsenenzeit verlebte. Zwei Ehen, beide scheitern. Sie engagiert sich in der Linken, wird Mitglied der Kommunistischen Partei. Im Jahre 1949 flieht Lessing aus dieser Welt, die sie als zu eng empfindet, sie lässt zwei ihrer drei Kinder zurück und geht mit ihrem Sohn nach London, um zu schreiben. Hier entsteht und spielt Das goldene Notizbuch.

Die zwei Protagonistinnen des Buches heißen Anna und Molly, beide alleinerziehend. Die Freundinnen stehen im Zentrum einer Erzählung, die Freie Frauen heißt und mehrfach durchschnitten wird von Auszügen aus vier Tagebüchern, die Anna führt, dem roten, dem schwarzen, dem gelben, dem blauen Tagebuch. Anna führt vier Tagebücher, um das auseinanderstrebende Erleben ihres Selbst zu bändigen, das rote Tagebuch etwa protokolliert ihre quälende Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Partei vor dem Hintergrund von utopischer Sehnsucht und realem Stalinismus. Das gelbe Tagebuch ist der Kunst gewidmet, es enthält Entwürfe, Segmente anderer Romane. Das schwarze und das blaue Tagebuch verzeichnen Stadien einer psychischen Entwicklung, die man beschreiben könnte als Versuch, an dem Glauben festzuhalten, dass irgendwann Chaos und Gewalt nicht mehr das Leben beherrschen müssen.

Die Tagebücher dokumentieren eine Zersplitterung des Selbst sowie dessen Sehnsucht nach Heilung. Tatsächlich endet jedes Tagebuch mit einer schwarz durchgestrichenen Seite, zeigt so das Ende dieses Versuches an, der sich nun als stetiger Abstieg in den psychischen Zusammenbruch lesen ließe – wäre da nicht der Roman Das goldene Notizbuch, der alle Segmente, die Tagebücher wie die Erzählung Freie Frauen, miteinander vereint. Fragmentierung bedeutet also, ganz im Geist der alternativen Psychologie, nicht nur Zerstörung, sondern weist durch diese hindurch einen Weg zur Rettung. Auch die Relationen zwischen den einzelnen Buchelementen changieren. Ähnlich wie bei einem Vexierbild von Salvador Dalí lassen sich je nach Einstellung der Perspektive zwischen den Segmenten neue Bezüge herstellen, so könnte die Erzählung Freie Frauen einmal als Rahmen gelten für Annas Tagebücher, andererseits könnte Freie Frauen auch ein Roman sein, der aus dem gelben Tagebuch erwächst, in dem eine Autorin sich von ihrer Schreibhemmung zu befreien versucht. Die Struktur dieses Romans widerspricht sich stetig selbst, sie ist so paradox wie die Welt, deren geistiges Klima sie aufnimmt, womit sich das Buch in seiner experimentellen Geste neben die großen Romane der Moderne stellt, neben Ulysses von James Joyce oder Die Wellen von Virginia Woolf.

Als anmaßend wurde das Werk kritisiert, in patronisierender Tonlage, und als chaotisch und überfordernd eine Form bezeichnet, die tatsächlich Chaos und Überforderung darstellt, in einer kunstvoll »stummen Aussage«, wie Lessing es formuliert. Und noch ein Missverständnis gab es, weil es so naheliegend schien, das Werk eines weiblichen Autors, in dessen Zentrum zwei Frauen stehen, als Beitrag zum aufkeimenden Feminismus zu sehen – ein Missverständnis, zu dem ironischerweise gerade Feministinnen enthusiastisch neigten. Doris Lessing beharrt darauf, dass sie keinesfalls als »feministische Trompete« auftreten wollte. Aber ihre präzise, gnadenlose Filetierung von Begehren und Verweigerung, Vertrauen und Verrat in den Beziehungen der Geschlechter wurde als ersehnter Tabubruch erlebt, als Spiegel des eigenen Leidens, des Leidens von Frauen, welche die bürgerliche Fassade satthatten, in ihrer Befreiung aber ungeahnt schmerzliche Erfahrungen machten und ratlos vor der eigenen Unfähigkeit verharrten, die eigenen Träume zu realisieren.

Mag sein, dass die Lessing-Lektüre dazu geeignet war, gerade die Schmerzenspunkte ihrer Zeit zu fokussieren, gut möglich, dass es gerade die Frauen waren, die sich in den selbstquälerischen Diskursschleifen gerne gefangen nehmen ließen. Doris Lessing selber zeigt sich kämpferischer und durchsetzungsfähiger als ihre Protagonistin Anna. Mit etwas Abstand wird man ihr Buch heute in seiner Gesamtheit schätzen, als ein Ringen um des Menschen Freiheit von jedweder ideologischer Bevormundung.