Roman "Die Tigerfrau"Die große amerikanische Balkan-Saga

Téa Obreht erlöst den westlichen Literaturbetrieb mit ihrem kraftvollen Roman aus seiner großen Flaute. von Daniel Schreiber

Die Schriftstellerin Tea Obreth

Die Schriftstellerin Tea Obreth  |  © Béatrice de Géa

Man kann es schon lange nicht mehr hören, das ständige Gerede vom großen amerikanischen Roman. Bücherherbst um Bücherherbst kommt es zur gleichen Enttäuschung in New Yorks Kulturredaktionen, egal, wie sehr sich Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides ins Zeug gelegt haben: Die große American novel ist wieder nicht dabei! Werden Erwartungen mit solcher Gewissheit enttäuscht, liegt der Fehler meistens im System. Im auf die dicken urrealistischen Wälzer fixierten Literaturbetrieb der Vereinigten Staaten, der selbst die postmodernen Angriffe eines Thomas Pynchon unbeschadet überstanden hat, scheinen nun doch die Fundamente zu bröckeln. Und schuld ist nicht einmal das E-Book. Vielmehr mehren sich die Anzeichen, dass sich hier eine ermüdete Lesekultur zu überleben beginnt.

Einige der Schriftsteller, die erfolgreich am Mythos vom großen amerikanischen Roman rütteln, sind ironischerweise als Teenager aus den Ländern des ehemaligen europäischen Ostblocks in die USA gekommen. Sie schreiben auf Englisch, haben aber aus den Ländern ihrer Kindheit andere Erzählweisen mitgebracht. Die amerikanischen Besten- und Bestsellerlisten werden immer öfter von diesen Erben der Welt hinter dem Eisernen Vorhang angeführt – von den so absurden wie weisen Romanen des aus der früheren Sowjetunion eingewanderten Gary Shteyngart etwa oder der brutal-melancholischen Kriegsversehrtenliteratur des aus Bosnien stammenden Aleksandar Hemon.

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Die jüngste Frontfrau dieser Entwicklung, Amerikas Ostblockdarling du jour, heißt Téa Obreht. Kein anderes Buch wurde im vergangenen Jahr von der englischsprachigen Kritik euphorischer aufgenommen als ihr nun auf Deutsch vorliegender Roman Die Tigerfrau. Wenige haben sich so gut verkauft. Als jüngste Autorin überhaupt erhielt sie den britischen Orange Prize of Fiction. Obreht, Jahrgang 1985, lebte, bis sie sieben war, mit ihrer Mutter in Belgrad. Ihr Großvater war ein Katholik aus Slowenien, die Großmutter eine Muslimin aus Bosnien. Als im ehemaligen Jugoslawien der Bürgerkrieg ausbrach, zog die Familie erst nach Ägypten, dann nach Zypern, und schließlich verschlug es Mutter und Tochter nach Kalifornien. Dem New Yorker erzählte Obreht im vergangenen Jahr, dass sie schon als Achtjährige wusste, dass sie Dichterin werden wollte, und sich auch nicht davon abbringen ließ, als ihre amerikanischen Mitschüler das in höchstem Maße seltsam fanden.

Was für ein Glück, möchte man heute sagen. Denn ihre Tigerfrau ist ein Roman wie eine mittelgroße, exotische Raubkatze, die den Leser zunächst mit sanftem Blick einlullt und dann in gezielten emotionalen Attacken reißt. Obreht gelingt dies vor allem durch einen nicht unriskanten Rückgriff auf Folklore, Fabeln, Aberglauben und das literarisch eigentlich recht verpönte Mittel der Allegorie. Der Einsatz lohnt sich: Auf ihrer über 400 Seiten langen Reise durch die zerbombten Städte, die verschlafenen Bergdörfer, vorbei an bis unter die Zähne bewaffneten Grenzposten und durch die verminten Weinberge des Balkans vermeidet sie weitestgehend die Fallstricke des Kitsches, aber auch die von Horror und Gothic. So gut es geht, bringt sie ihre innere Nachrichtensprecherin mit dem märchenverschlingenden Kind zusammen, das sie einmal war.

Die Erzählerin des Romans, Natalia, eine junge Ärztin aus Belgrad, fährt kurz nach dem Ende des Jugoslawienkrieges mit ihrer besten Freundin in eines der bis eben noch verfeindeten Nachbarländer, um Impfstoffe in einem Waisenhaus abzuliefern. Unterwegs erfährt sie bei einem Telefonat mit ihrer Großmutter, dass ihr Großvater, ein bekannter Chirurg und eine Art Ersatzvater, gestorben ist, und zwar mysteriöserweise im Krankenhaus einer kleinen, zerfallenen Stadt ganz in der Nähe ihres Reiseziels. Niemand kann mehr rekonstruieren, was ihn dorthin getrieben hatte. Natalia war die Einzige in der Familie, die von der Krebserkrankung des Patriarchen gewusst hatte.

Im Krankenhaus wurden dem Sterbenden seine persönlichen Sachen entwendet. Natalia verspricht ihrer Großmutter, die Gegenstände – seine Brille, sein Portemonnaie und ein Exemplar von Rudyard Kiplings Dschungelbuch, das er zeitlebens bei sich trug – aufzufinden und sie nach Hause zurückzubringen. Sie haben nicht nur einen sentimentalen Wert, sondern erfüllen, einem in der Großelterngeneration verbreiteten Aberglauben gemäß, auch die Aufgabe, der Seele des Verstorbenen Orientierung auf dem Weg ins Jenseits zu verschaffen.

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