Männliche Nacktheit : Das ist übrigens ein Penis
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Männer müssen ihre Schönheit nicht zur Schau stellen

Dass nackte Frauen schöner als nackte Männer sind, ist ein Gemeinplatz, den man hinterfragen könnte (für den Anfang zum Beispiel Brad Pitt + Playgirl + 1997 googeln). Die Theorie scheint Männern gegenüber etwas ungerecht.

Andererseits: Noch besser, als schön zu sein, ist es natürlich, gar nicht erst schön sein zu müssen. Hässlichkeit schadet Frauen noch mehr als Männern. Es gibt legendär hässliche Männer, die es weit gebracht haben. Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Schönsein ist nie eine gesicherte Position. Viele schöne Frauen, Marilyn Monroe , Romy Schneider, Whitney Houston , Lady Di, waren unglücklich.

Ein Mann begehrt. Er wird nicht begehrt . Er gibt sich nicht den Blicken preis. Der Kunsttheoretiker John Berger schrieb: »Männer handeln. Frauen treten in Erscheinung. Männer sehen Frauen an. Frauen sehen sich, wie sie angesehen werden.« Pierre-Auguste Renoir hat gesagt: »Ich male mit meinem Schwanz.« Selber nackt sein ist etwas anderes. Wer stets bekleidet ist, macht sich nicht angreifbar und Vergleiche unmöglich. Es ist der Grund, weshalb viele Kulturen auf einer jungfräulichen Braut bestehen, und es mag ein Grund für das Bilderverbot sein. Geht es um Macht? Hält der Mann sich deshalb bedeckt? Sind für eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft nackte Männer so wichtig wie weibliche Führungskräfte? Müssen wir über eine Männerquote bei Nacktbildern nachdenken?

Andere Gesellschaften kannten unsere Zurückhaltung nicht, was das männliche Geschlecht betrifft. Zahlreich sind die Darstellungen von Penissen im antiken Griechenland, im Römischen Reich, in der hinduistischen Kunst, in animistischen Ritualen Afrikas. Es gibt eine Freske im Haus der Vettier in Pompeji, auf dem der Gott Priapos, Beschützer der Bienen, Fische und Früchte, mit einem einer Briefwaage ähnlichen Gerät seinen Penis wiegt. Noch heute finden in Japan Penisprozessionen statt, eine Tradition aus der Edo-Zeit, bei denen rosa Schaumstoffpenisse aus einer Menge Japaner und kichernder Touristen ragen. So viele ‚Penisbilder gab es, dass sogar ein Wort dafür entstand: Phallus. Das Bild des idealtypischen Penis. Der Phallus ist im Gegensatz zum Penis nie schlaff, er ist Symbol für Fruchtbarkeit und Kraft. Er steht wie eine Eins. Noch heute sind wir von Phallussymbolen umgeben – Obelisken, Hochhäusern, Krawatten, Gangschaltungen.

Der Autor David M. Friedman erzählt in seiner Kulturgeschichte des Penis, A Mind of Its Own, vom Verhältnis des Mannes zu seinem Geschlechtsteil im Wandel der Zeiten. Er sagt, dass das 20. Jahrhundert auch für den Penis ein bewegtes war. In der ersten Hälfte war er dank Sigmund Freud Gesprächsthema Nummer eins. Dann kamen die Feministinnen, und der Penis war, wie heute ein Muslim, dem Generalverdacht ausgesetzt, dem friedlichen Zusammenleben schaden zu wollen.

Es wäre der richtige Zeitpunkt, die Hosen herunterzulassen

Das prägende Ereignis für die heutige Penis-Generation, schreibt Friedman, war eine Urologenkonferenz in Las Vegas im Jahr 1983. Ein Brite namens Giles Brindley bewies am eigenen Leib, dass seine Entdeckung funktionierte: Er behauptete, ein Mittel gegen Impotenz gefunden zu haben. Er hatte sich kurz zuvor Phenoxybenzamin in den Penis gespritzt, ein starkes Muskelentspannungsmittel, und präsentierte vor Tausenden Urologen, hinter dem Rednerpult hervorgetreten, mit heruntergelassener Hose seine Erektion. Er stieg von der Bühne herunter, seine Kollegen setzten ihre Brillen auf und betrachteten das Wunder aus der Nähe. Brindley hatte herausgefunden, dass die Ursache für erektile Dysfunktion nicht ist, dass zu wenig Blut in den Penis fließt, sondern dass es dort nicht bleiben kann, weil das Bindegewebe nicht entspannt genug ist. Es war der Durchbruch für die moderne Behandlung von Erektionsstörungen, die als unlösbares medizinisches Problem galten. 1998 brachte das Pharmaunternehmen Pfizer Viagra auf den Markt , dessen Wirkstoff Sildenafil eine Entspannung in den glatten Muskelzellen des Penis herbeiführt, sodass der Schwellkörper sich mit Blut füllen kann. Wenige Männer interessieren sich seither noch besonders für das Rätsel der Erektion beziehungsweise für ihr rätselhaftes Ausbleiben.

Penthouse -Gründer Bob Guccione ließ sich damals zur Aussage hinreißen, dass dank Viagra die männliche Libido den Zwängen des Feminismus entkommen sei. Gay Talese , der amerikanische Schriftsteller, dessen wichtigstes literarisches Thema zum Ärgernis seiner Frau immer sein eigenes ausschweifendes Liebesleben gewesen war, sagte noch, der Penis sei doch ein »lyrisches Ding«, »das ehrlichste Organ des Mannes«, »es ist entweder oben oder unten, und da kann man nicht lügen«. Tatsächlich war es mit der Lyrik erst mal vorbei. Kurz nach Viagra kamen Cialis und Levitra auf den Markt. Das Organ hatte seine geheimnisvolle Aura eingebüßt, aus dem Phallus war ein Penis geworden. Er ist heute, schreibt David M. Friedman, »ein Organ, über das die Medizin vollends aufgeklärt ist, ohne psychische Bedeutung, ohne Geheimnis, nur ein kleines Geflecht aus Blutgefäßen, Neurotransmittern und Bindegewebe«. Westliche Architekten leben heute ihre phallischen Träume nur noch in China und den arabischen Ländern aus, wo derzeit die höchsten Gebäude der Welt stehen – der Westen ist aus diesem Wettbewerb irgendwann ausgestiegen.

Bei uns kommt der Phallus nur noch in Pornos vor. Da ist der Penis kein urologischer Problemfall, sondern groß, entschlossen und unermüdlich. Frauen machen sich manchmal Sorgen, dass Männer ein verqueres Frauenbild bekommen, weil Pornografie mit dem Internet heute so zugänglich ist wie nie zuvor. Tatsächlich bekommen Männer durch Pornos ein verqueres Bild von ihrem eigenen Penis. Pornodarsteller, sagt Frank Sommer, Professor für Männermedizin an der Hamburger Uni-Klinik und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, werden aus den fünf Prozent auf der Gaußschen Verteilungskurve rekrutiert, die einen überdimensional großen Penis haben.

Das vergessen die anderen 95 Prozent oft. Penisverlängerungen sind kein Witz in der Junkmail-Inbox. Es gibt sie wirklich. Bei Sommer melden sich jedes Jahr mehrere Hundert Männer, die gern einen größeren Penis hätten. Den medizinischen Befund »Mikropenis« – weniger als 7,5 Zentimeter im erigierten beziehungsweise maximal gestretchten Zustand – stellt Sommer nur bei 15 bis 20 von ihnen fest. Dann operiert er. Unterhalb des Schambeins wird ein Schnitt gesetzt, das Band, an dem der Penis im Becken aufgehängt ist, wird gekappt. Ein Drittel des Penis befindet sich im Inneren des Körpers, ein paar Zentimeter davon werden hervorgeholt. Laut Sommer ist jedoch das einfachste Mittel, schmerzfrei etwas Länge zu gewinnen: abnehmen. Eine Fettschicht am Bauch nimmt dem Penis viel von seiner eigentlichen Größe.

Noch lassen Männer nur den Urologen nachmessen. Aber es wäre in der Geschichte endlich der richtige Zeitpunkt, die Hosen herunterzulassen. Oder um eine Formulierung des Zeitgeists zu verwenden: Der Penis sollte jetzt den Dialog suchen. Es gäbe für Männer und Frauen einiges zu entdecken. Denn es ist eine Form der Freiheit, wenn ein Penis nur ein Penis ist, kein willkürlicher Herrscher, der sich seinem Volk selten zeigt, sondern ein Organ, wenn auch ein attraktives, interessantes Organ. Wer sich den Blicken hingibt, ist in einer prekären Position. Aber es liegt eine Macht darin, die nichts mit der Macht zu tun hat, die Männer lange ausgeübt haben.

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Kommentare

194 Kommentare Seite 1 von 29 Kommentieren

@ 1 Das mit der Nacktheit

hält sich ja in Wirklichkeit auch bei den Damen in Grenzen. Präsentiert wird der weibliche Körper im gleichen Grad der Entblößung wie der Körper männlicher Models: die sekundären Geschlechtsmerkmale sind zu sehen, denn diese werden als attraktiv empfunden. Und dazu die durch Mode und Kultur definierten Symbole der Männlichkeit und Weiblichkeit - das gilt für den männlichen Waschbrettbauch, den Dreitagebart oder die muskulösen Schultern genauso wie für die weiblichen Brüste, schmale Taille, langen Haare. Die primären Geschlechtsmerkmale hingegen wirken immer abstoßend. Oder haben Sie schon mal in der Werbung neben einem neuen BMW eine aufgeklappte Vulva gesehen? Da ist die Vergleichsebene zum Penis. Neben den neuen BMW sehen wir gerne eine langbeinige, großäugige Blondine. Das Aftershave verkauft sich gut mit einem durchtrainierten, sonnengebräunten Jüngling mit üppiger Kopfbehaarung und aufgeknöpftem Hemd. Seinen Penis möchten wir nicht sehen.

Ob die Cosmopolitan da recht hat?

Also ich wuerde gern mehr Penise sehen, kann aber auch der Einschaetzung, dass weibliche Nacktheit den Normalfall darstellt nicht zustimmen. Vor dem Internet-Zeitalter habe ich praktisch nie (!) eine Vagina gesehen - allenfalls eine schematische Zeichnung im Biologiebuch. Selbst gedruckte Pornos waren damals auf Brueste und eben erigierte Penise fixiert, und sah man einmal einen im Spaetprogramm,trugen Frauen noch Schamhaare und man sah gar nichts. Und Frauen, die heute -von Pornos abgesehen - nackt abgebildet werden werden meist in einer Position gezeigt, in der man die Vulva und erst recht die Vagina auch nicht sieht.

Super

Liebe Frau Raether,
Ihren Artikel finde ich prima.
Die Idee einer Penis-Quote :-) in den Medien finde ich sehr überlegenswert.
Schließlich muß ich mir auch dauernd ungefragt nackte bis halbnackte Frauen anschauen
(den Mann freuts`: tja, wenn uns die Frauen das so freiwillig vor die Nase halten).
Nun, ich möchte mich auch freuen !! Und gute Bildeer von schönen attraktiven halb -und nackten Männern, wie sie bsp. aus der Parfümwerbung bekannt sind, sind wirklich sehr attraktiv und gut anzuschauen ;-)
Ja, bitte, mehr davon !!

Was will die Autorin sagen?

Ich verstehe die Konsequenz der Forderung so, dass exhibitionistische Handlungen straffrei werden sollen?

Wo Frauen ausziehen müssen, um sich in der kommerziellen Welt zurecht zu finden, sollten das jetzt auch Männer tun?

Nicht alle wolllen nackte Körper sehen, egal ob weiblich oder männlich.

Oh ja, dass wäre was...

wenn exhibistische Handlungen straffrei seien könnten. In welch einer bis ins Mark kulturpervertierten Welt leben wir, in der der Naturzustand des Nacktseins in der Öffentlichkeit verpönt (im ursprünglichsten Sinne) ist und es kleine Reservate für Nacktbader gibt, ansonsten aber schön die Hose anzubleiben hat. Welch großes Kulturgut! Indigene Völker gehören insoweit übrigens auch missioniert, vielleicht von evangelikalen amerikanischen Christen und deren Rädelsführern - Hose an, oder Schwanz ab!

... hervorragender Artiekl übrigens.

übergriffig

"Frauen, scheint es, muss man ja nicht lange bitten: Sie ziehen sich aus, sobald sich ihnen eine Gelegenheit bietet. "

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Ich bin entsetzt über solche frauenfeindliche Anmerkung. Das ist Argumentation von Leuten, die gerne nackte Frauenkörper sehen wollen. "Frauen wollen das doch sowieso. Wer sich nicht ausziehen will, ist keine richtige Frau".

Andersrum wäre ja auch nicht besser

"Als emanzipierte Frau sage ich: Bloß nicht!"
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Ich weiß nicht, ob ich emanzipiert bin, aber ich denke auch ähnlich.

Stellen Sie sich mal eine Gesellschaft vor: Frauen kaufen sich massenweise "Playgirls", wo Männer nach Schönheitsideal der Frauen ausziehen, ggf. in erotischen Kleidungen (keine Unterhosen, sondern Armbänder usw.)

Männer unterziehen sich Peniskorrektur-OPs, weil ihre Freundinnen sonst enttäuscht wären, nachdem Frauen viel Ideal-Penis aus Zeitschriften kennen und das auch im Real erwarten.

Und wenn man im übervollen Bus fährt, greifen Frauen heimlich nach dem Körperteil, und das wird zum Volkssport für jungen Mädchen, insbesondere wenn sie alkoholisiert sind...

Da muss man aber differenzieren!

Auch wenn ich Ihre Bedenken verstehen kann, clair11, so muss man aber doch differenzieren: In diesem mit einem humoristischen Unterton bedachten Satz liegt keinerlei Rechtfertigung oder gar Aufforderung für einen Übergriff auf Frauen.

Natürlich gibt es Sexualstraftäter, die ihre Straftat damit rechtfertigen, die Frauen hätten es ja durch ihre Zeigefreudigkeit nicht anders gewollt. Nur dürfen so irrlichtige Aussagen uns nicht daran hindern, über Tatsachen und Phänomene zu diskutieren, ohne dass man damit irgendeine Straftat rechtfertigen wollte!

Maß halten, Text verstehen!

Blödsinn, „frauenfeindliche Anmerkung“. Frau Raether hat das sehr gut beobachtet – man braucht freilich ein wenig Lesekompetenz, um diesen Satz richtig zu lesen. Sie sagt nicht, dass sich generell alle Frauen gerne ausziehen, sondern dass die Zahl derer, die es tun, unerschöpflich ist, und das kann keiner ernsthaft bezweifeln, weil es täglich aufs Neue bewiesen wird. Vor diesem Hintergrund ist es erlaubt, eine drastische Verkürzung (Übertreibung) zu verwenden, wie sie es getan hat. Man nennt das: Hyperbel.