Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Früher dachte ich, dass Leute reich sind, die viel mehr Geld besitzen als der Durchschnitt, vielleicht fünfmal so viel. Wenn jemand ein bisschen mehr besaß als der Durchschnitt, dann sagten die Leute in unserer Stadt nicht: "Der ist reich." Stattdessen sagten sie: "Der muss sich keine Sorgen machen."

Jetzt lese ich, dass es eine neue Sonderabgabe für Reiche geben soll. Deutsche, die, alles zusammengerechnet, mehr als 250.000 Euro Vermögen besitzen, müssten davon demnächst einen Teil abgeben, im Gespräch sind 10 Prozent. Dieser Vorschlag stammt von einem einflussreichen Wirtschaftsinstitut und wird, unter anderem von der SPD , lebhaft begrüßt. Dasselbe Institut hat ausgerechnet, dass jeder erwachsene Deutsche im Durchschnitt ein Vermögen von 150.000 Euro besitzt, alles zusammen, mit Auto, Möbeln, Rassehund und Lebensversicherung. Das heißt, die neue Abgabe ist eigentlich keine Reichensteuer, sondern eine Sonderabgabe für alle, die sich keine Sorgen machen müssen. Menschen, die keine Sorgen haben, sollen etwas abgeben, und zwar so lange, bis auch sie Sorgen besitzen. Dann sind sie von der Abgabe befreit. Wer aber kein Vermögen besitzt, sondern nur Schulden, muss nichts abgeben, weil die Regierung in einer solchen Person, die nur Schulden hat, sofort einen Seelenverwandten erkennt.

Die Politiker begründen Sondersteuern für alle, die keine Sorgen haben, damit, dass sie Gerechtigkeit herstellen. Wenn Ärzte, Richter, Studienräte oder Minister mehr Geld verdienen als der Durchschnitt, dann ist das ja auch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Das eingesammelte Geld fließt allerdings nicht unbedingt an die Armen, sondern zum Beispiel an Pleitebanken oder in Euro-Rettungsfonds. Wenn man beim Einsammeln des Geldes gerecht ist, dann hat man nämlich schon so viel für die Gerechtigkeit getan, dass man beim Ausgeben nicht auch noch gerecht sein muss.

Die Reichen-Sonderabgabe oder der Euro-Soli oder wie immer es heißen wird, hilft dem Staat erst mal aus der Klemme. Sparmaßnahmen sind dann überflüssig. Mit Sparmaßnahmen macht jede Regierung sich nur unbeliebt. Nach ein paar Jahren ist das eingesammelte Geld aber aufgebraucht, und man steckt wieder in der gleichen Situation. Deswegen wird meiner Ansicht nach früher oder später das Steuersystem umgestellt werden. Man zahlt nicht mehr feste Steuersätze. Alle Löhne, Gehälter und Honorare werden direkt an die Regierung entrichtet und vom Finanzministerium treuhänderisch verwaltet. Allen Bürgern wird während des Jahres ein Bürgergeld gezahlt, das zum Überleben reicht, jeder kriegt vielleicht 1000 Euro, egal, ob Chefarzt, Popstar oder Bürobote. Das ist dann eine solidarische und gerechte Gesellschaft, weil es niemanden mehr gibt, der keine Geldsorgen hat. Was die Leute vom Rest ihrer Einnahmen bekommen, bestimmt die Regierung am Ende des Jahres, nachdem sie geprüft hat, wie viel Geld sie ausgegeben hat und was von den Gehältern eventuell noch übrig ist.

Das wäre zweifellos die Lösung. Dann gibt es kein Staatsdefizit und keine Schuldenkrise mehr. Ich bin sicher, dass es so kommen wird. Und ich bin ein verdammt guter Prophet. Vor einiger Zeit habe ich in einer Kolumne allen jungen Menschen mit guten Jobs geraten, möglichst kein Geld fürs Alter zu sparen und alle staatlichen Vorsorge-Angebote zu ignorieren. Das, was man fürs Alter spart, fällt unter das europäische Sorgenpflichtgesetz und wird einem sowieso weggenommen. Ich hatte recht. Aber ich bin überrascht, dass es so schnell passiert.

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