EnergiewendeStoppt den Bio-Wahnsinn

Anders als erhofft können Kraftstoffe vom Acker den Klimawandel nicht aufhalten. Stattdessen verschärfen sie das Problem des Hungers auf der Welt. Wissenschaftler fordern, die Nutzung von Bioenergie zu überdenken. von 

Ein Tankwagen fährt an einem Rapsfeld vorbei, das für die Biosprit-Produktion angelegt worden ist.

Ein Tankwagen fährt an einem Rapsfeld vorbei, das für die Biosprit-Produktion angelegt worden ist.  |  © Matt Cardy/Getty Images

Deutschland setzt auf die Energiewende und gilt damit weltweit als Vorreiter. Doch ein wichtiges Element im zukünftigen Energieszenario gerät nun grundlegend in die Kritik: die Nutzung von Biomasse . Sie soll Erdöl, Kohle und Gas verdrängen, und zwar durch nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Getreide oder Stroh. Diese gelten als klimaneutral und lassen sich gut speichern. Deshalb möchte die Bundesregierung den Anteil der Biomasse an der nationalen Energieversorgung bis 2050 verdreifachen (von derzeit knapp 8 auf 23 Prozent).

Diese Zukunftsvision wird nun von einer der angesehensten Institutionen der Republik deutlich infrage gestellt, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, kurz Leopoldina. Eine an diesem Donnerstag veröffentlichte Studie der Akademie ( Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen ) kommt zu dem Fazit, dass "die Bioenergie als nachhaltige Energiequelle für Deutschland heute und in Zukunft keinen quantitativ wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten kann". Entsprechend sei auch "kein weiterer Ausbau von Bioenergie anzustreben". Einzige Ausnahme: eine verstärkte Nutzung von Bioabfällen .

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Die Studie kritisiert insbesondere den Plan der EU , bis zum Jahr 2020 zehn Prozent aller Treibstoffe auf Biomasse umzustellen. Schrittweise soll möglichst allen Spritsorten ein Zehntel Biodiesel oder Bioethanol zugemischt werden. Die umstrittene neue Benzinsorte E-10 ist Teil dieses Konzepts. Die Experten der Leopoldina drängen nun darauf, "das EU-2020-Konzept zu überdenken". Mehr als zwanzig Wissenschaftler haben über ein Jahr an der 120 Seiten umfassenden Stellungnahme gefeilt. Sie ist auf Englisch verfasst, weil sie weit über Deutschland und die EU hinaus Bedeutung hat.

Denn längst wird Biomasse im großen Stil global gehandelt. Ob Mais, Zucker und Soja aus Nord- und Südamerika oder Palmöl aus Asien , Deutschland kauft diese Ressourcen überwiegend im Ausland. Dazu notiert die Leopoldina-Studie für das Jahr 2010: "Ohne Importe hätten weniger als drei Prozent des Primärenergie-Verbrauchs durch in Deutschland gewachsene Biomasse nachhaltig abgedeckt werden können." Tatsächlich wurden rund sieben Prozent des hiesigen Primärenergieverbrauchs aus Biomasse erzeugt – also mehr als das Doppelte. Und weil heimische Quellen weitgehend ausgeschöpft sind, kann ein deutlicher Ausbau der Bioenergie nur über Importe erfolgen.

Deutschland würde sich dann auf Kosten anderer grünwaschen. Denn die Bioenergie konkurriert potenziell mit der Herstellung von Nahrungsmitteln. Sie verschärft den Konflikt Tank gegen Teller, indem sie einen Teil der nutzbaren Landfläche beansprucht, die beidem dienen kann, der Nahrungs- und der Energieerzeugung. Weil die Weltbevölkerung schneller wachse als die Ernteerträge, müssten viele Länder ihre Exporte von Biomasse künftig reduzieren, statt sie für unsere Energiewende zu erhöhen, prognostizieren die Autoren der Leopoldina. Zudem mahnen sie: "Biomasse-Importe exportieren die Risiken der intensiven Landwirtschaft" – vor allem wenn im Ursprungsland nicht nachhaltig gewirtschaftet und Wald gerodet wird und dort Menschen hungern.

Die neue Studie beleuchtet kritisch auch das Hauptmotiv der Verwendung von Bioenergie, nämlich die Emissionen des Treibhausgases CO₂ zu senken und so den Klimawandel zu mildern. Biomasse wird häufig als CO₂-neutral bezeichnet, weil bei ihrer Verbrennung genauso viel Treibhausgas frei wird, wie die Pflanze bei ihrem Wachstum durch Photosynthese aus der Luft entnommen hatte. Doch das ist eine Milchmädchenrechnung. Denn zur Gewinnung von Biomasse ist der Einsatz von Maschinen, Dünger und Pestiziden erforderlich, die wiederum fossile Brennstoffe benötigen. Und bei der Erzeugung von Bioethanol, Biodiesel oder Biogas fressen die Umwandlungsprozesse weitere Energie. Daher sind die Treibhausgaseinsparungen am Ende relativ gering, verpuffen manchmal sogar vollständig.

Hinzu kommen bei intensiver Bewirtschaftung ökologische Schäden wie Gewässerverschmutzung, Verlust von Arten, der Bodenfruchtbarkeit und des gespeicherten Kohlenstoffs, etwa in Form von Humus, Wurzeln oder Holz. Deshalb warnt die Akademie auch vor Formen der Bioenergienutzung, die bisher als unverdächtig galten: etwa das verstärkte Verheizen von Holz. Es bestehe "ein erhebliches Risiko darin, durch eine nicht-nachhaltige Holzentnahme zu Heizzwecken die Integrität von Wäldern zu gefährden, ohne dabei die Treibhausgas-Emissionen zu mindern".

Leserkommentare
  1. ... ist das Problem, um das man sich als allerletztes kümmern sollte. Viel einfacher ist es, die Stromproduktion CO2-frei zu gestalten. Leider passiert da nicht so viel, ganz im Gegenteil, man baut sogar neue Kohlekraftwerke.

    Als erstes kümmert man sich um die großen stationären CO2-Emittenten (Kraftwerke), dann um die kleinen (Gebäudeheizungen, Industrieanlagen) und erst dann um die mobilen. Man zäumt ein Pferd nicht von hinten auf.

  2. Davon höre ich schon seit 30 Jahren, wann kommt es denn endlich?

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    an manchen Tagen wird bereits mehr Strom durch Wind Sonne Wasser ins Netz gespeist als durch Verbrennung fossiler Energien und Kernspaltungsprozesse -

    hat das jemand vor 20 Jahren vorausgesagt, brachen die Leute in lautes Gewieher aus

  3. Die Energieverschwendung bei der Öko-Energie geht noch weiter.

    Weil z.B. die Biogasanlagen das ganze Jahr laufen aber im Sommer kein Gas benötigt wird, muß es nocheinmal zwischengespeichert werden.

    Auch das ksotet Energie.

    Dabei läßt sich der Mais für Biogas problemlos auch ein halbes Jahr länger lagern.

  4. 1.Das zu lösende Problem heisst CO2 in der Atmosphäre steigt.
    2.Wir verbrennen Kohlenstoff aus der Erde zu CO2.
    3.Die Natur wandelt permanent CO2 wieder um und bringt es teilweise auch wieder unter die Erde.
    ->Der CO2 Gehalt der Atmosphäre steigt bzw. stieg aber dennoch
    ->Die Natur kann nicht so viel Binden wie wir erzeugen
    ->Umkehrschluss: die Natur kann nicht so viel Biomasse erzeugen wie wir bräuchten

    Die Lösung müsste also sein nur soviel der Erde zu entnehmen, wie der Planet wieder binden kann. Wenn wir das nicht tun, sondern versuchen alles durch Biomasse zu decken brauchen wir logischerweise mindestens 100% der Erde als Anbaufläche - dann bleibt aber kein Platz mehr für Essen...

    Logik geht auch ohne Experten - aber da sieht man, dass die Ziele der Politik ganz anders gelagert sind.

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    der als größter Einflussfaktor zur atmosphärischen Erwärmung erkannt wird - die ersten Erkenntnisse der CLOUT Experimente zeigen klar in diese Richtung. Dann wird wahrscheinlich das Schwitzen unter Umweltbesteuerung gestellt! Das erbärmliche in dieser Klimadebatte bleibt die Tatsache, das unterschiedliche Experten ihre Computerprojektionen, wie Statistiken, mit der Auswahl ihrer Einflussgrössen nach Belieben tunen können, geradeso wie Ausrichtung ihres Institutes im Rennen liegt. Fakt ist und bleibt, dass wir nicht genau wissen was in der oberen Atmosphäre passiert, wie sich kleinste Tröpfchen bilden und welche Ionisationskerne dafür verantwortlich sind. Alle hastigen Entscheidungen zur künftigen Energiepolitik bauen deshalb zum großen Teil auf stastisch belegtem Bauchgefühl, egal ob bei Wissenschaftlern oder....verunsicherten wahlberechtigten Bürgern.

    • zozo
    • 26. Juli 2012 15:02 Uhr

    ... die mithilfe von Elektrizität hergestellt werden

    und die Elektrizität hat ihre Quelle in der Steckdose. Ja ja, vielleicht nicht ganz durchdacht diese Äußerung.

  5. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Erdöl zu substituieren:

    Bei Gebäudeheizungen: bessere Dämmung, Holz und Elektrizität (Wärmepumpen)
    Bei KfZ: Effizienzverbesserung, Elektrifizierung und Methan
    Bei LKW: Elektrizität (Schiene, Trolley LKW, Methan, evtl Wasserstoff)
    Als Grundstoff für die Industrie: Braunkohle, Recycling
    Traktoren: Agrartreibstoffe
    Flugverkehr: die letzten Erdöl"reste", evtl. flüssiger Wasserstoff, Elektrizität (Verlagerung auf die Schiene)

    Hier ausschleßlich auf Agrartreibstoffe zu setzen ist vollkommen dämlich, da der Bedarf nicht mal annährend gedecekt werden kann. Was nutzt es großartig, 5% des Erdöls zu substituieren?

    Wasserstoff und Methan lassen sich aus Elektrizität und Wasser (und CO2) erzeugen.

    Elektrizität können wir in nahezu beliebiger Menge nachhaltig erzeugen, sofern wir wollen. Dazu gibt es sogar verschiedene Pfade (Wind + Solar hierzulande, Desertec, nukleare Techniken oder eine Mischung)

    mfg

    • FZ
    • 26. Juli 2012 15:07 Uhr

    Zitat energyturnaround: "Und das auch auf unfruchtbaren Böden oder in der Wüste. Flächenkonkurrenz (zur Nahrungsmittelproduktion) gleich null."

    So viel Regen fällt m.E. nicht in den Wüsten der Erde, dass durch die "Überdachung" (NICHT: Versiegelung!) von Flächen mit Parabolrinnen übergroße Nachteile entstünden.

    Bin gespannt, wann die Ölstaaten der Arabischen Halbinsel darauf kommen, mit Strom aus ihren bislang nicht nutzbaren Wüstenflächen en gros Wasserstoff per Elektrolyse zu gewinnen, um weiterhin der Treibstofflieferant der Welt zu bleiben (politisch hat man durch sowas enorm seine Ruhe und kann daheim sonstwas anstellen, aber das ist ein anderes Thema)...

    Antwort auf "Sicherlich richtig"
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    auch von der Belüftung der Panel abhängt, glaube ich nicht an die Mär von Wüste. Leider wird hier nicht mehr über ähnliche Versuche die mit Windkraftanlagen z.B. in Nordafrika gefahren wurden berichtet, andere Spielwiese sagen sie nein, selbe Problematik.

    Und wenn sie denn Umgang der Araber mit ausgreifter und funktionierender Technik mal sehen wollen, einfach auf den Sinai fahren, empfehle Nuweiba.

    Dubai wird ja auch gerade wieder vom Sand aufgefressen und auch wenn man es nicht gerne hört, wenn der Petro Dollar weg ist, wird man wieder im Mittelalter landen.

    Und Wasser spielt bei der Energieerzeugung eine noch größe Rolle in der Wüste als in Mitteleuropa, Stichwort Concentrated Solar Power

  6. der als größter Einflussfaktor zur atmosphärischen Erwärmung erkannt wird - die ersten Erkenntnisse der CLOUT Experimente zeigen klar in diese Richtung. Dann wird wahrscheinlich das Schwitzen unter Umweltbesteuerung gestellt! Das erbärmliche in dieser Klimadebatte bleibt die Tatsache, das unterschiedliche Experten ihre Computerprojektionen, wie Statistiken, mit der Auswahl ihrer Einflussgrössen nach Belieben tunen können, geradeso wie Ausrichtung ihres Institutes im Rennen liegt. Fakt ist und bleibt, dass wir nicht genau wissen was in der oberen Atmosphäre passiert, wie sich kleinste Tröpfchen bilden und welche Ionisationskerne dafür verantwortlich sind. Alle hastigen Entscheidungen zur künftigen Energiepolitik bauen deshalb zum großen Teil auf stastisch belegtem Bauchgefühl, egal ob bei Wissenschaftlern oder....verunsicherten wahlberechtigten Bürgern.

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    aber der Gedankengang da oben kam mir als jemandem der mit der Materie nichts zu tun hat schon relativ schnell...da muss man doch auch als Politiker mal drüber Nachdenken wenn man mit dem Thema betraut ist. Weil die Problemstellung eben die genannte war...mit Wasserdampf kommt dann der nächste Spass, bleibt zu hoffen, dass dann den Verantwortlichen Entscheidern ihr Gewissen mehr wiegt als der Wille die Ideologische Blindheit der Wähler aufrecht zu erhalten.

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