Überall ist Netz: Die New Yorker können auch in der U-Bahn telefonieren und surfen. © Reuters/Shannon Stapleton

Wie Glühwürmchen auf einer Wiese im Juni leuchten die Handys während des Konzerts in der Carnegie Hall aus dem Dunkel des Saals. Das Kino am Union Square bittet vergeblich darum, während des Films nicht zu simsen, und bei den Modenschauen im Lincoln Center fällt der fahle Schein ihrer Smartphones auf die Gesichter der Prominenz. Im Restaurant lugt das Teil diskret unter der Serviette hervor, um neue Botschaften nicht zu verpassen; seinem Gesprächspartner in die Augen zu gucken, während man unterm Tisch eine SMS fingert, zählt zu den Triumphen des Multitaskings, dicht gefolgt von der Kunst, überdie Bürgersteige Manhattans zur Stoßzeit zu navigieren, ohne vom Fensterchen zur Welt aufzuschauen.

In New York City sind die Smartphones omnipräsent. Wie Zombies vollführen die ins digitale Netz verstrickten Bürger Banktransaktionen mit dem Bluetooth-Handy am Ohr, streifen somnambul durch Geschäfte und probieren Kleider an, ohne ihre Konversation zu unterbrechen, um sich dann mit einem knappen Lächeln an der Kasse zu entschuldigen, wenn sie mit Telefon zwischen Schulter und Ohr bezahlen. Schließlich wollen sie doch nur Zeit sparen.

Immer neue Apps sollen ihnen dabei helfen. Autofahrer, verzweifelt auf der Suche nach einem Parkplatz, werden blitzschnell mit Informationen über die nächste Lücke versorgt. Jede Woche stellt die New York Times unter der Rubrik »App City« Neues vor, etwa die Funktion »Ich werde verhaftet« während der Occupy-Wall-Street-Proteste im letzten Herbst: Sie trommelte Mitstreiter zusammen, die die Polizeiaktion dann mit ihren Smartphones filmten.

Zuviel gemailt? Eine Software empfiehlt den Besuch beim Psychotherapeuten

Mindestens so erfolgreich ist die »Eisbrecher«-App. Sie verrät, ob und wo sich, wenn nicht Freunde, so doch Freunde von Freunden aufhalten. Die Antwort auf jede erdenkliche Frage ist nur ein paar Sekunden entfernt. Keine Chance, sich irgendwo auf dieser Welt zu verlaufen. Kurze Begegnungen mit Passanten, die man um Auskunft bittet – vorbei. Und die New Yorker Doormen klagen, dass die Hausbewohner keinen Klatsch mehr von ihnen hören wollen – sie eilen grußlos vorbei und starren auf ihr heißes Gerät. Schüler schmuggeln Smartphones ins Examen und stellen mit ihren gegoogelten Antworten die Bedeutung von Wissen und Gedächtnis infrage.

New York war noch nie eine Stadt der Flaneure, sondern immer eine Metropole der hastigen Fußgänger. Doch auch der schnelle, zielstrebige Schritt ist jetzt Zeitverschwendung, wenn er nicht mit einem Informationsaustausch verbunden ist.

Dass Milliarden banaler Details durch den Äther schwirren, ist gar nicht das Schlimmste – der amerikanische Dichter Henry David Thoreau hatte schon im 19. Jahrhundert befürchtet, die telegrafische Verbindung von Maine nach Texas werde mit größter Eile errichtet, ohne dass Maine und Texas einander Bedeutsames mitzuteilen hätten. Schockierende 1,3 Millionen Anfragen von Strafverfolgern und Regierung gingen im letzten Jahr bei den Mobilfunknetzbetreibern ein. Obendrein ist jeder Smartphone-Besitzer ein potenzieller Paparazzo, der heimlich Videos von seinen Mitmenschen macht und Gespräche am Nebentisch aufzeichnet. Längst ist ein Wettrüsten im Gange, das die gefährdete Privatsphäre schützen soll, etwa mit Infrarotsensoren in Halskette oder Uhr – Schutzschild vor digitalen Übergriffen.