New YorkDie Übervernetzten
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Ein Smartphone ist ein Büro in der Tasche

Die größte Angst haben Kulturkritiker, Psychologen und Neurologen. Sie warnen vor einer emotionaler Verkümmerung des Individuums und der Leere zwischenmenschlicher Beziehungen durch die frenetische Kommunikation. Alone Together nannte die MIT-Professorin Sherry Turkle ihr kürzlich erschienenes Buch über die Aushöhlung der Identität durch chronischen Mitteilungsdrang und die Unfähigkeit, allein zu sein. »Ich teile mich mit, also bin ich«, sei das Motto des modernen, ichschwachen, kontrollsüchtigen Menschen.

Wissenschaftler an der Missouri University of Science and Technology behaupten, dass depressive Menschen sehr viel mehr Zeit mit E-Mail und Internetsurfen verbringen, ja dass extrem hoher E-Mail-Verkehr auf eine negative Gemütsverfassung deute. Ihre Therapie macht die Geräte aber noch unentbehrlicher. Die Forscher wollen eine Software für Computer und Smartphones entwickeln, die bei exzessiver Kommunikation Alarm schlägt – und einen Besuch beim Psychotherapeuten nahelegt. Elaine Fox, Neurologin an der britischen Universität Oxford, will den Pessimisten mit einem Klick trübselige Gedanken austreiben.

Es mangelt auch nicht an konventionellen Ratschlägen für die Übervernetzten, deren Dopaminrezeptoren ebenso dringend auf neue E-Nachrichten lauern wie das Gehirn eines Junkies auf Kokain. Wie wäre es mit behutsamer Abnabelung – erst Frühstück, dann E-Mail, gefolgt von weiteren e-freien Intervallen.

Das Reiseressort der New York Times erklärte seinen Lesern kürzlich, dass ein Smartphone nichts anderes sei als ein Büro in der Tasche, und warnte: Nicht mit in den Urlaub nehmen! Aus Langeweile und Faulheit entspringe Kreativität. Eine bittere Medizin in einer Stadt der Workaholics.

Ausgerechnet Steve Jobs wusste, wie wichtig physische Nähe ist: Als er das Pixar-Hauptquartier plante, legte er alle Büros um ein Atrium, damit sich die künstlerischen und wissenschaftlichen Talente dauernd über den Weg laufen mussten. Eine Harvard-Studie, die 35.000 Forschungsberichte aus verschiedenen Disziplinen untersuchte, gibt ihm recht: Die mit Abstand besten Studien wurden von jenen Co-Autoren geliefert, die nicht mehr als zehn Meter voneinander entfernt saßen.

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