Es gibt über Ostfriesen den Witz: Warum haben die Ostfriesen einen Zaun um ihre Badewanne? Antwort: Damit sie nicht zu weit rausschwimmen.

Nun sind die Wangerländer keine Ostfriesen, sondern schlicht Friesen. Entsprechend haben sie keinen Zaun am Badewannenrand gezogen. Sie haben ihn entlang der Küste aufgestellt. Von Harlesiel, das im Nordwesten an die ostfriesische Gemeinde Wittmund grenzt, bis Hooksiel, das im Südosten auf Wilhelmshaven trifft. Rund 30 Küstenkilometer ist er lang und soll verhindern – dass die Wangerländer und ihre Feriengäste zu weit rausschwimmen? Nicht ganz. Er soll verhindern, dass jemand schwimmt, ohne bezahlt zu haben. Wie in Niedersachsen üblich, haben die Wangerländer eine Art Freizeitpark aus ihrem Stück Nordsee gemacht. Doch nirgendwo ist die Absperrung so flächendeckend wie hier, am nordöstlichen Zipfel Frieslands. Wer ans Wasser will, muss eine Gebühr entrichten. Drei Euro die Erwachsenen, 1,30 Euro Kinder von 6 bis 18 Jahren. Seit 40 Jahren gibt es diese Zaunanlage und seit neuestem Ärger.

Ein erster Erfolg des Protests: Der Stacheldraht wurde abmontiert

Janto Just dirigiert den Wagen durch die flache grüne Landschaft. Der viele Regen dieses Sommers lässt die Wiesen und Bäume in satten Grüntönen leuchten. In den kleinen Orten auf der Strecke haben die Menschen ihre Häuser mit Fliesen verkleidet und die Auffahrten gepflastert. Ihre Beete sind akkurat abgesteckt, man mag es übersichtlich. Tagetes wachsen in Kunststoffkübeln, die aussehen sollen, als wären sie aus Holz. Auch die Bauernhöfe sind zweckmäßig ausgelegt. Für den Charme der Reetdächer und der geschnitzten Türen wie in Schleswig-Holstein hat man hier nicht viel übrig.

Janto Just ist Mitglied der Piratenpartei, Kreistagsabgeordneter und vorderster Kämpfer einer Bürgerinitiative gegen Zaun und Gebühren im Wangerland, die sich im Frühjahr gegründet hat. Er lebt nicht im Wangerland, sondern ein Stück landeinwärts zwischen Jever und Wilhelmshaven. Dennoch kennt der 63-Jährige sich bestens aus. Kennt jede Straße, jeden Feldweg, jede Abzweigung zu den Strandabschnitten, an denen er sich getreu seinem Motto »Freie Strände für freie Bürger« am überzeugendsten aufregen kann.

Eine seiner Lieblingskulissen: der letzte Strandabschnitt von Hooksiel, einem hübschen Ort, dessen Attraktionen ein winziges Muschelmuseum und das alte Rathaus mit seinem hölzernen Zwiebelturm sind. Hier nämlich endet der wangerländische Strand. Deshalb verläuft das abgrenzende Maschengeflecht nicht nur am Deich entlang, sondern auch ins Meer hinein. Steht man außerhalb, wirken die Badegäste wie in einem Käfig. Steht man innen, vermitteln die Zaungäste den Eindruck, sie könnten sich den Eintritt nicht leisten. Für sie hat man Münzferngläser aufgestellt, um dem Meer näher kommen zu können.

In Hooksiel konnte die Bürgerinitiative jetzt einen Erfolg verbuchen: Der Stacheldraht, der an mancher Stelle in drei Reihen gespannt war, wurde abmontiert. Aber noch immer drängt sich der Vergleich mit DDR-Grenzanlagen auf. Man muss nicht lange hier stehen, um Urlauber schimpfen zu hören: »So was findet man an der Ostsee nicht! Das ist ja wirklich abschreckend!« Für Janto Just ist das sein Stichwort. Sofort geht er auf die Touristen zu und berichtet von seiner Mission. Zitiert das Bundesnaturschutzgesetz, das Länder und Kommunen verpflichtet, ihre Erholungsflächen »in angemessenem Umfang« frei zugänglich zu machen.

In Wilhelmshaven hat der Ausbau des Jade-Weser-Ports den gesamten Strand verschlungen. Hooksiel ist jetzt die nächste Anlaufstelle für Wilhelmshavener wie Detlef Lübben. Mit 51 Jahren ist er krankheitsbedingt Frührentner geworden, die Kurlandschaft Nordsee ist genau das, was er für seine Gesundheit braucht. »Aber jeden Tag drei Euro, um ein-, zweimal an den Strand zu gehen? Da wird man arm!«, sagt der ehemalige Computerspezialist, der die Bürgerinitiative mitbegründete. Anderswo in Niedersachsen erginge es Lübben kaum besser. Er ist mit seinen Mitstreitern die Küste abgefahren. Nach ihren Ermittlungen herrscht an 26 von 35 Stränden, an 95 Prozent der gesamten Strecke Bezahlpflicht. Warum, fragen sie, wird hier so viel umfassender eingehegt und abkassiert als in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern?