DIE ZEIT: Schauen wir einmal voraus: London, 2. August, 20.31 Uhr, olympisches Finale über 100 Meter Freistil. Was sehen Sie?

Britta Steffen: Das Datum ist ganz speziell, weil ich am 2. August 2006 Weltrekord geschwommen bin. Da schließt sich ein Kreis. Aber ich weiß auch, dass es schon nach dem Vorlauf vorbei sein kann, wenn man nicht fit ist. Oder nach dem Halbfinale, wenn man zu sehr pokert und sich als Neunte aus dem Finale schwimmt. Also lieber die Füße auf dem Boden behalten, alles Schritt für Schritt planen und ganz sicher ins Finale kommen. Dann ist alles möglich.

ZEIT: London werden Ihre vierten Olympischen Spiele sein. Was bedeutet das für Sie?

Steffen: Die Spiele setzen immer wieder einen Meilenstein in meinem sportlichen Leben. In Sydney, als Küken mit 16 Jahren, habe ich natürlich alles ganz anders wahrgenommen als jetzt mit 28. Ich profitiere sehr von den damaligen Erfahrungen – diese Spiele werden die ersten sein, die ich zu 100 Prozent bewusst wahrnehme. Die Eröffnungsfeier werde ich zwar wieder nur vor dem Fernseher verfolgen können, weil unsere Wettkämpfe gleich am nächsten Tag beginnen. Aber diesmal ist Paul an meiner Seite...

ZEIT: ...Paul Biedermann, der Weltrekordhalter über 200 und 400 Meter Freistil...

Steffen: ...und das wird etwas Besonderes sein, weil ich noch nie bei Olympischen Spielen war mit Unterstützung des Freundes. Außerdem bleibe ich diesmal bis zum Ende. Sonst bin ich immer nach meinen Wettkämpfen abgereist, weil der Stress einfach so unglaublich ist. Diesmal habe ich mir aber vorgenommen, auch die Abschlussfeier zu erleben.

ZEIT: Keine Angst vor dem Rummel im olympischen Dorf?

Steffen: Ich kann verstehen, dass ein Superstar lieber ins Hotel geht. Ich weiß noch, dass Rafael Nadal bei den Spielen in Peking mal in der Mensa beim Essen war und sich sofort eine Riesenmenschentraube um ihn gebildet hat. Er ist dann aus dem Dorf ausgezogen. Als Schwimmer kann man da – außer man ist Michael Phelps – ziemlich unbehelligt herumlaufen, weil dort so viele Olympiasieger unterwegs sind und man nichts Besonderes ist. Deshalb genieße ich das.

ZEIT: Kein Neid auf andere Sportarten, wo es ganz andere Formen von Ruhm gibt?

Steffen: Nein, überhaupt nicht! Je nachdem wie hoch man ist, so tief kann es auch runtergehen! Deshalb bin ich sehr zufrieden mit dem Status, den ich habe.

ZEIT: Sie sind gelassener geworden.

Steffen: Auf jeden Fall. Ich bin nicht mehr so verbohrt, habe sportlich alles erreicht, was ich mir je gewünscht habe. Ich freue mich einfach, dass ich noch mal die Gelegenheit habe, mich als Titelverteidigerin zu stellen. Auch in dem Wissen, dass es sehr überraschend sein wird, wie diese Spiele für mich ausgehen.

ZEIT: Haben Sie keine konkreten Ziele?

Steffen: Doch, aber die sind nicht von außen bestimmt in dem Sinne: Du musst jetzt die und die Medaille holen. Sie kommen eher von innen. Ich hatte schwere Jahre, 2010 war voller Krankheiten, es war wahnsinnig schwer, zurückzukommen. Aber ich mach mir selbst den größten Druck, ich will meine beste Leistung zeigen – wir werden sehen, wozu sie gut ist.