Die Spiele haben noch gar nicht begonnen, aber der härteste Wettkampf läuft schon: Doper gegen Fahnder. Seit Eröffnung des olympischen Dorfes am 16. Juli wird kontrolliert, insgesamt soll es 5.200 Tests geben, mehr als je zuvor. Der Pharmariese GlaxoSmithKline darf sich »Sponsor der Spiele« nennen und stellt dafür das 20 Millionen Euro teure Analyselabor bereit – »so groß wie sieben Tennisplätze«, schreibt das IOC stolz. 150 Wissenschaftler suchen hier rund um die Uhr nach 240 verbotenen Substanzen.

Auch Mario Thevis vom Zentrum für präventive Dopingforschung in Köln ist dabei. Illusionen macht er sich keine: »Die Tests sind empfindlicher geworden, aber selbstverständlich gibt es Wege, sie zu umgehen.« Das gilt schon für den Klassiker, den Blutverdicker Erythropoetin, kurz Epo. Mehr als 100 Varianten sind auf dem Markt. Thevis sagt zwar: »Uns ist noch keine untergekommen, die wir nicht nachweisen können.« Und schränkt ein: »wenn es denn in detektierbaren Mengen verabreicht wurde.« Mikrodosierungen sind längst üblich. Das heißt: Zittern muss nicht jeder Betrüger, sondern nur, wer zu dumm ist, richtig zu betrügen.

Patrick Diel, ein Kölner Kollege von Thevis, kennt »konkrete Gerüchte aus Kontrollkreisen«, die auf Gendoping hinweisen, etwa auf einen Blocker für Myostatin, eine Substanz, die das Muskelwachstum unterdrückt. Wird sie per Pille ausgeschaltet, legt der Athlet enorm an Muskelmasse zu. Einen Test darauf gibt es nicht. Gezielt gesucht wird aber wohl erstmals nach der Wunderdroge Hematide, die ähnlich wie Epo die Ausdauer steigert. Sie kursiert angeblich seit einigen Jahren – als Medikament zugelassen wurde das Präparat erst Ende März. Kommen soll auch der Test auf Wachstumshormon-Releaser. Sie steigern die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Somatropin auf das Zehnfache und waren bisher nicht nachweisbar.

Genaues weiß man aber nicht, denn die World Anti-Doping Agency (Wada) setzt auf den Überraschungseffekt und kündigt nicht mehr an, welche Tests sie zugelassen oder verfeinert hat. Bei einigen der üblichen Verdächtigen zeigt das bereits Wirkung: In den Wochen vor Olympia zogen so viele Nationen wie noch nie ihre Sünder aus dem Verkehr. Ein halbes Dutzend prominenter Doper darf allerdings antreten, darunter der 400-Meter-Olympiasieger von Peking, LaShawn Merritt. Der US-Amerikaner, der 2010 mit Testosteron angeblich nur seinen Penis verlängern wollte, erreichte vor dem Weltsportgerichtshof CAS die Aufhebung der sogenannten Osaka-Regel. Sie sah vor, überführten Dopern auch nach Ablauf ihrer Sperre das Startrecht für Olympia zu verweigern. Die Richter am CAS sahen darin jedoch eine unzulässige Doppelbestrafung und einen Verstoß gegen den Wada-Code.

So bleibt dem IOC vorerst neben den vielen Kontrollen nur seine neue no needle- Politik. Sie verbietet es, Spritzenbesteck auf olympischem Gelände mitzuführen. Als Fahnder wurde eine besondere Truppe entsprechend geschult: das Putzpersonal. Klingt skurril – aber nebenberufliche Ermittler mit Schrubber gaben schon bei den Winterspielen 2002 entscheidende Hinweise aufs österreichische Blutdoping. Viel verspricht sich das IOC auch von nachträglichen Tests. Bis zum Jahr 2020 dürfen die Londoner Proben durchs Raster verfeinerter Analytik geschleust werden. So lange steht der Medaillenspiegel unter Vorbehalt. Aber der harte Kurs erstreckt sich eben nur auf die Wettkämpfe, nicht auf die Trainingsphasen. 2011 stellte die Wada fest, dass in mehr als 40 Ländern gegen den weltweit verbindlichen Antidoping-Code verstoßen wird – zumeist, weil es kaum Trainingskontrollen gibt. Richard Pound, Wada-Gründungspräsident und IOC-Mitglied, erinnerte an die Sanktionsmöglichkeiten nach der Olympischen Charta. Danach können ganze Nationen wegen unzureichender Kontrollen von den Spielen ausgeschlossen werden. »Für London muss gehandelt werden«, forderte Pound; daran werde man erkennen, »wie ernst der Kampf gegen Doping gemeint ist. Wenn das IOC nichts tut, wird jeder lachen.« Doch die Olympier schwiegen – und die Betrüger lachen sich ins Fäustchen.