Es gehört wohl dazu, dass die Bewohner von Olympiastädten dem Spektakel nur mosernd entgegensehen können. Auch die Londoner haben reichlich gejammert. Doch am Ende wird jede berechtigte Empörung in der allgemeinen Euphorie untergehen. Denn sich selbst zu feiern ist in den letzten Jahren zu einer Art Übersprunghandlung der Briten geworden, mit der sie sich durch die schwerste Krise ihrer jüngeren Geschichte zu manövrieren versuchen.

Vor allem der Finanzcrash von 2008 hallt nach. Im Mediengetöse um die Spiele geht beinahe unter, dass Premierminister David Cameron gerade erst erklärte, der Schuldenabbau sei keinesfalls vor 2020 abgeschlossen. Das soziale Gefälle, ohnehin größer als in den meisten anderen Ländern des Westens, wird weiter zunehmen. Das politische Establishment diskutiert nur noch kleinmütig über den Haushalt. Eine große Idee, wie eine zerrüttete Gesellschaft sich neu ordnet, fehlt.

Weil die Zukunft so ungewiss erscheint, wird sehnsüchtig zurückgeblickt auf eine vermeintlich glücksbeladene Vergangenheit. Ein Poster, das 1942 im Falle einer Invasion durch die Nazis ausgeteilt werden sollte, erlebt eine Renaissance. Die Parole Keep calm and carry on – »Nicht die Nerven verlieren und weitermachen« – erinnert an die stiff upper lip, mit der die Briten im Krieg dem drohenden Untergang standhielten. Heute werden Kaffeebecher, Topflappen und Blumenkübel mit dem Spruch darauf verkauft.

Zu ihrem Thronjubiläum glitt die Queen die Themse hinab in einem Spektakel, das nach der Vorlage eines Canaletto-Gemäldes von 1748 choreografiert war. Bei der Eröffnungsfeier schließlich wird das Olympiastadion zu Beginn in eine ländliche Idylle verwandelt, in der Ackergäule den Pflug ziehen und der Schäfer über seine Herde wacht. Es ist eine Szene, wie John Constable sie vor 200 Jahren malte, als er vor der Zerstörung Englands durch die industrielle Revolution warnen wollte. Der Marsch durch die Geschichte ist Teil jeder Eröffnungszeremonie, aber den selbstbewussten Blick nach vorne, der die Hightech-Show der Spiele von Peking bestimmte, wird es in London nicht geben. Stattdessen verkleiden sich die Hilfskräfte auf dem Olympiagelände als walisische Bergarbeiter und als englische Milchmägde. In London 2012 ist das Gestern das neue Morgen.

Für das globale Fest von Sport und Frieden wird London zur Festung. Denn einen Tag nachdem die britische Hauptstadt vor sieben Jahren den Zuschlag erhielt für die Austragung der Sommerspiele 2012, zündeten Selbstmordattentäter vier Bomben und töteten 52 Menschen. Über Nacht wurde die Sicherheit rund um die Spiele so wichtig wie die Wettkämpfe selbst und ist bis heute das dominierende Thema. 17.000 Soldaten werden im Einsatz sein, 3.500 mehr als geplant, da die private Sicherheitsfirma G4S, die mehr als 10.000 Leute für die Spiele in Dienst stellen sollte, nicht genügend Personal rekrutieren konnte. Nun werden noch mehr Gefreite, die gerade aus der Kriegshölle in Afghanistan zurückgekehrt sind, die Taschen der Stadionbesucher kontrollieren. Andere Kameraden ziehen schwer bewaffnet durch die Stadt, richten Straßensperren, Sicherheitszonen und Checkpoints ein und haben den Befehl, im Notfall zu schießen.

800 Millionen Euro werden für die Sicherheitsvorkehrungen ausgegeben. Durch die 18 Kilometer Stacheldraht rund um den Olympiapark brummen 5.000 Volt, auf der Themse ist der Stolz der königlichen Marine, der Flugzeugträger HMS Ocean, vor Anker gegangen. Er ist Helikopterbasis, schwimmende Kaserne und Kommandozentrale für die unbemannten Drohnen, die den Luftraum über dem Stadion bewachen. Und für den Ernstfall wurden, ein paar Kilometer von Stratford entfernt, mobile Raketenabschussrampen auf den Dächern von Wohnhäusern installiert, was prompt zu einem Aufstand der Mieter führte.

Doch die Verantwortlichen fürchten nicht nur internationale Terrorzellen, sondern auch Londoner aus der direkten Nachbarschaft: In Stratford und im benachbarten Walthamstow leben besonders viele radikalisierte britische Muslime, von denen nach Meinung der Geheimdienste »eine potenzielle Terrorgefahr ausgeht«. Nicht zuletzt um sie zu befrieden wurde Stratford als Austragungsort gewählt – was von Olympia bleibt, soll dem einst vergammelten Osten mit seiner sozialen Verwahrlosung und dem komplizierten ethnischen Mix zum Aufstieg verhelfen. Irgendwann muss die Armee ja auch wieder abziehen aus der Festung London.