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Millionen von Menschen suchen mithilfe von Singlebörsen im Internet den optimalen Partner. Bildung, Haarfarbe, Kontostand – alles muss stimmen. Ist die Liebe berechenbar geworden? von Ursula März

Etwa sieben Millionen Deutsche vertrauen ihre Partnerwünsche mittlerweile dem Internet an.

Etwa sieben Millionen Deutsche vertrauen ihre Partnerwünsche mittlerweile dem Internet an.  |  © Reuters/Thomas Peter

Es war sieben Minuten nach Mitternacht. Lilly Goodsmith* sperrte die Wohnungstür von innen ab, lauschte kurz in den Hausflur und ging, als wäre der Spuk noch nicht ganz vorbei, auf Zehenspitzen in die Küche, um Wasser aufzusetzen. Ihre Hände zitterten. Sie merkte es an der Pendelbewegung des Teebeutels, den sie über die Tasse hielt. Als sie ein paar Schlucke getrunken hatte, fiel ihr die Geschichte von den Flugzeugpiloten ein, die nach einem Absturz sofort wieder starten müssen, weil die Angst sie sonst für immer lähmt. Sie traf eine Sekundenentscheidung: Sie öffnete ihr Notebook und loggte sich in die Partnerschaftsbörse ein, bei der sie seit drei Monaten Mitglied war. Sie wollte auf der Stelle mit jemandem Kontakt aufnehmen. Anders gesagt: Sie vertraute auf die statistische Wahrscheinlichkeit, dass einer Bruchlandung so schnell keine zweite folgt.

Von allen Fehlern, die Online-Dater machen können, hatte Lilly Goodsmith im Oktober 2008 den katastrophalsten gemacht. Sie hatte einen Mann, mit dem sie zwei Wochen lang hin- und hergemailt und zweimal telefoniert hatte, zu sich nach Hause eingeladen. Spätabends. Gegen 22 Uhr stand ein Mensch in ihrer Münchner Wohnung, dessen reale Erscheinung mit seiner Selbstbeschreibung im Internet so viel zu tun hatte wie der begrünte Mittelstreifen einer Autobahn mit den Gartenanlagen von Schloss Sanssouci. Er war nicht »männlich schlank«, sondern ein aufgequollenes Ungetüm. Nicht »leger gekleidet«, sondern verwahrlost und augenscheinlich nicht ganz richtig im Kopf. Die nächsten zwei Stunden fühlte Lilly Goodsmith sich, als wäre sie eine Tierpflegerin aus dem Kaninchengehege, die versehentlich bei den Braunbären gelandet ist und nun ihr Bestes gibt, um die Ungeheuer in Schach zu halten.

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Am selben Abend saß Sebastian Schnitthelm in Stuttgart vor seinem Computer und stieß in der Partnerschaftsbörse auf das Profil von Lilly Goodsmith: Galeristin, 34 Jahre alt, 184 Zentimeter groß. Sein Blick blieb am Beruf hängen. Er hatte keinen Kontakt zu Leuten aus der Kulturszene, nicht weil sie ihn nicht interessierten, sondern weil er fürchtete, dass durch ihre Lässigkeit seine eigene Bürgerlichkeit betont würde. Als Zweites machte ihn die Größe der unbekannten Frau neugierig. Mit 184 Zentimetern war sie wirklich sehr groß, etwas Besonderes. Wie ging so eine Frau durch die Welt? Als Amazone oder auf den flachsten aller flachen Schuhe? Um 23.10 Uhr öffnete Sebastian Schnitthelm mit dem Cursor das kleine Briefumschlags-Icon, überlegte kurz und schrieb in das leere Textfeld: »Du könntest einen Zentimeter zu groß für mich sein.« Er schaute den Satz noch einmal an und drückte auf »Absenden«. Um 0.27 Uhr las Lilly Goodsmith diese Nachricht. Sie überflog die Personenangaben des Absenders: Internist, 38 Jahre alt, 183 Zentimeter groß. Etwas sagte ihr, dass sie sicher landen würde, und sie schrieb sofort zurück, einen noch kürzeren, nur aus vier Wörtern bestehenden Satz. Kein Algorithmus hätte das Wunder seiner Wirkung berechnen können. Um 0.29 Uhr las Sebastian Schnitthelm auf dem Bildschirm: »Ich bin auch großzügig.« Übersetzt man diesen Minitext in ein Bild, ist ein Mensch zu sehen, der mit ausgebreiteten Armen einem anderen Menschen gegenübersteht und signalisiert: Du bist völlig in Ordnung, hier geht’s doch nicht um äußere, sondern um innere Werte.

Eigentlich hatte Sebastian Schnitthelm vorgehabt, mithilfe des Internets ein bisschen Abwechslung und Abenteuer in sein bis dahin eher braves Liebesleben zu bringen. Der Satz von Lilly Goodsmith traf eine tiefer gelagerte Sehnsucht, deren Erfüllung nicht ganz zu diesem Plan passte. Lilly Goodsmith wiederum, überdrüssig des Alleinseins wie der halben Affären, wollte etwas Solides. Im ersten Jahr der jungen Liebe kam es deshalb zu gelegentlichen Spannungen auf jener Grenzlinie, die eine lockere von einer entschiedenen Wochenendbeziehung trennt. Im dritten Jahr zog die Münchner Galeristin schließlich zu dem Internisten nach Stuttgart.

Sport, Musik, Architekturgeschmack – alles will das Computerprogramm wissen

An einem Sonntagnachmittag im Mai 2012 sitzen sie am Esstisch ihrer Wohnung, und es ist spürbar, dass sie sich für die Erzählung ihrer Online-Begegnung auch deshalb viel Zeit genommen haben, weil das Erstaunliche daran sie noch immer beschäftigt. Offline hätten sie sich vermutlich nie kennengelernt. Er hätte sich kaum einer Frau genähert, von deren Hüften beidseits Hosenträger herunterbaumeln. Sie hätte von einem Mann, der im hellgrauen Anzug aus einem Mercedes steigt, wohl keine Notiz genommen. Sie waren für ihr erstes Date in einem Café am Englischen Garten in München verabredet. Sie saß schon drinnen am Tisch, beobachtete durch die Fensterscheibe, wie er den Wagen abschloss, den Gehsteig überquerte und durch die Tür trat. Sie war auf seinen Blick gespannt, auf das Begrüßungslächeln, den Ausdruck des Gesichts, das sie nur als digitales Foto kannte. Der Anzug störte sie nicht.

Ja, so allmählich denken sie an gemeinsame Kinder und Familie. »In zwei Jahren vielleicht«, sagt Lilly Goodsmith. »Oder in einem«, sagt Sebastian Schnitthelm. Wenn man an der Art, wie ein Paar im Duett über sich spricht, den Grad seiner Harmonie ablesen kann, dann geht es den beiden wirklich gut. Wenn man versucht, von ihrer Geschichte aus das Massenphänomen Internetliebe zu beurteilen, muss man die Braunbären-Episode einbeziehen. Denn diese Geschichte scheint zweierlei zu bestätigen: den Vorbehalt gegen eine anonyme Verkupplungsmaschinerie, die Gefahren hervorbringen, Neurosen stimulieren kann. Und die Fähigkeit virtueller Begegnungen, höchst reales Glück zu erzeugen und einer Vereinsamungsgesellschaft aus der Not zu helfen.

Vierzig Prozent aller Bundesbürger leben in Einpersonenhaushalten, nicht alle als Singles, ein Teil der Zahl entfällt auf getrennt wohnende Paare. Und nicht jeder Single ist auf der Suche. Aber etwa sieben Millionen Deutsche, die Hälfte aller tatsächlich Suchenden, vertrauen ihre Wünsche, welche auch immer es sind, mittlerweile dem Internet an. Neben Ausbildung, Arbeitsplatz und Freizeitaktivität ist es einer der wichtigsten Liebes- und Heiratsmärkte der Gegenwart. Längst entbehrt Online-Dating jeden Beigeschmacks des Anrüchigen, es wird in weiten Teilen der Gesellschaft als effizientes Verfahren geschätzt und genutzt. Lilly Goodsmith begab sich auch deshalb so arglos auf Männersuche, weil sie das Beispiel ihres Vaters vor Augen hatte, der seit sechs Jahren mit einer Frau verheiratet ist, die er bei ElitePartner.de kennenlernte.

Nur ist die Praxis einer Gesellschaft etwas anderes als ihr Unterbewusstsein. Und dieses fremdelt insgeheim mit dem neuen Markt, mit der Preisgabe der Intimität an ein technisches Medium. Mögen es sieben oder acht oder neun Millionen User sein – die Frage, ob sich das Internet auf unsere Liebeskultur unheilvoll auswirkt oder ihr eine utopische Perspektive eröffnet, ist wohl noch unbeantwortet. Es ist die Frage, welche der Erfahrungen, die Lilly Goodsmith machte, für die Internetliebe verallgemeinerbar ist: die Bruchlandung zwischen 22 und 24 Uhr oder der schriftliche coup de foudre zwischen 0.27 und 0.29 Uhr.

Ein ruhiger Sonntagnachmittag – der richtige Moment, einen kleinen Selbstversuch zu beginnen. Wäre ich einer der weiblichen Singles, die auf diesem Weg einen Mann suchen – was würde ich erleben? Würde ich den perfekten Partner finden? Parship.de also. Parship ist seit 2001 im Netz, deutscher Marktführer im Besitz der Holtzbrinck-Gruppe, zu der auch die ZEIT gehört, und wurde von der Stiftung Warentest als seriös benotet. Ich muss mir zunächst ein Passwort ausdenken und dann den »wissenschaftlichen Parship-Persönlichkeitstest« ausfüllen. Er besteht aus rund vier Dutzend Fragen, die im Multiple-Choice-Verfahren zu beantworten sind. Die Frage nach »Interessen/Hobbys« bietet 17 Kategorien, maximal sechs sind wählbar. Das lässt sich leicht erledigen, ebenso wie Fragen nach aktiven Sportarten, bevorzugten Musikstilen, Architekturgeschmack et cetera. Komplizierter sind all jene Fragen, die ins Herz der Selbstvorstellung und der persönlichen Liebeswünsche dringen. Beispielsweise: »Welche Aussage sollte auf Ihren Wunschpartner zutreffen?

A: Man kann sich mit ihm sehen lassen.

B: Wir haben die gleichen Interessen.

C: Er besitzt für mich eine starke Anziehungskraft.«

A ist egal. Aber B und C? Damit ist ja wohl die Entscheidung zwischen Vernunft und Leidenschaft gemeint, zwischen einem Mann, neben dem man sich im Kino darauf freut, was er später über den Film sagt, und einem Mann, mit dem man das Kino noch während der Werbung verlässt. In diese Alternative passte das Leben aber nie hinein. Oder doch? Hatte die Art, wie ein Mann seine Interessen behandelt und berührt, nicht immer etwas ausgesprochen Erotisches? Also B.

Online müssen Buchstaben bewirken, was offline Mimik und Gestik erledigen

Nächste Frage: »Was, glauben Sie, könnten Menschen, die Sie gut kennen, am ehesten über Sie denken?« Hier wird’s ein wenig delikat, hier setzen Anhänger der Warentheorie wie die israelische Soziologin Eva Illouz den Hebel ihrer Kritik am »Ausverkauf des privaten psychologischen Selbst« an. Beim Online-Dating werde dieses Selbst zu einem Produkt, zu einer Art Aktie, deren Börsenwert steigt, je einzigartiger, spektakulärer und damit auch fiktionaler sich ein Mensch präsentiert. Es fragt sich allerdings, ob nicht auch jeder Offline-Flirt, jedes Anbandeln in der Supermarktschlange, im Aufzug oder im Nachtklub, den Reflex auslöst, sich erst mal von der Schokoladenseite zu zeigen, die bekanntlich nicht die ganze Person abbildet. Hans-Peter Blossfeld zuckt mit den Achseln. »Ich sehe da überhaupt keinen Unterschied zwischen virtuell und nicht virtuell.«

Er ist Lehrstuhlinhaber für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bamberg. Vor ein paar Jahren startete er mit einer Gruppe junger Kollegen ein Forschungsprojekt zur Flirtkultur im Internet. Sie untersuchten – unter strengen Diskretionsauflagen – Daten einer regionalen Partnerbörse. In Blossfelds Büro, am idyllischen Ufer des Main-Donau-Kanals gelegen, berichten sie, dass Frauen tatsächlich dazu neigen, sich im Internet ein paar Jahre jünger zu machen, Männer wiederum dazu, sich um ein paar Körperzentimeter in die Höhe zu schrauben. Nur, sagen die Bamberger, gebe es keinen empirisch verlässlichen Anhaltspunkt, diese kleinen Tricks anders zu bewerten als die Techniken situativer Selbstaufwertung, die im realen Alltag üblich sind. »Ich habe mir doch heute früh auch extra ein Jackett angezogen«, sagt Blossfeld und zupft kurz am Revers, »weil ich wusste, dass Besuch von der Zeitung kommt.« Hat man bei philosophischen Kulturkritikern den Eindruck, dass sie die Partnersuche im Internet ein wenig dämonisieren, so hat man im Gespräch mit den Positivisten den Eindruck einer gewissen Verharmlosung.

Die Auswertung meines Persönlichkeitstests dauert ein paar Minuten, die ich nutze, um mein Profil zu erstellen, meinen Steckbrief. Er dürfte ausschlaggebend sein für meine Chancen bei Parship. Ein paar Daten – Beruf, Alter, Größe – müssen das sortierende Männerauge festhalten, ein paar Sätze in der Rubrik »Ich über mich« müssen die Interessenten in Spannung versetzen. ElitePartner, die zweitgrößte deutsche Partnerschaftsbörse, erstellte nach einer Umfrage unter 3000 Mitgliedern eine Hitliste der langweiligsten, unbedingt zu vermeidenden Selbstdarstellungssätze, altbackene Allgemeinplätze wie »Für mich ist das Glas nicht halb leer, sondern halb voll«, »Mache sowohl in Jeans wie im Smoking eine gute Figur«. Ganz schlimm: »Mit mir kann man Pferde stehlen.«

Den größten Erfolg hatte Kristina Endolf mit dem Satz: »Ich reagiere allergisch auf nasse Lappen im Spülbecken.« Wer ihn liest, hat sofort ein fieses Gefühl in den Fingern und einen modrigen Geruch in der Nase, und darauf, auf den kleinen Moment, in dem sich Emotion vermittelt, kommt es an. Online müssen Buchstaben bewirken, was offline Blicke, Gesten, körperliche Zeichen vermögen. Fast jeder Mann, der ihr schrieb, bezog sich als Erstes auf den Spüllappen-Satz, auch der, mit dem Kristina Endolf drei Jahre glücklich und dann ein Jahr unglücklich zusammen war. Seitdem sie sich im vergangenen Herbst von ihm trennte, wird in ihrer Hamburger Maisonettewohnung offensichtlich wenig gekocht und wenig gespült. Der Ceranherd in der offenen Küchenzeile wirkt, als sei er kürzlich geliefert worden, die Abzugshaube darüber ist blitzblank. Kristina Endolf arbeitet als Managerin für »Human Resources« bei einem Großunternehmen. Sie ist 34, ein Alter, in dem die Stufen der Karriereleiter eng beieinanderliegen und das Leben mit leiser Stimme anfragt, ob es weiterhin aus Zehnstundentagen und Meetings am Wochenende bestehen soll.

Es ist Samstagmittag, sie muss auch heute noch ins Büro und sorgt sich ein wenig um die Zeiteinteilung des Gesprächs. »Wir wollen doch über Partnerschaftsbörsen reden, und ich erzähle nur von dieser alten Lovestory.« Er war Ethnologe und erheblich älter als sie. Schon in der zweiten Mail schrieb er ihr seine Telefonnummer, und eine Woche lang telefonierten sie die Nächte durch: seine Kindheit, ihre Kindheit, seine Lieblingsbücher, ihre Lieblingsorte, alles. Als sie sich am Ende der Woche zum ersten Mal trafen und er in den Alsterarkaden auf sie zukam, war sie »ein bisschen verärgert«. Er hätte ihr sagen können, dass er nur einen Arm hatte. Nicht die Behinderung enttäuschte sie, sondern – so kam es ihr vor – sein Spiel mit verdeckten Karten. Eine Sekunde später war die Enttäuschung verschwunden. Sie vergaß sie ganz einfach, weil sie so überrollt wurde vom Vulkanausbruch der Verliebtheit, dass sie deren technischen Vorlauf vergaß, als hätte es Partnerschaftsbörse, Mails, Telefon nie gegeben. Nichts, sagt sie, wäre anders gewesen, wenn sie diesen Mann zufällig an der Ampel kennengelernt hätte oder in einem Seminar. Nach vier Jahren ertrug sie seine Dominanz nicht mehr, die er bei allem und jedem mit seiner Behinderung rechtfertigte, wie sie sagt.

Vor ein paar Wochen hat sich Kristina Endolf zum zweiten Mal bei der Partnerschaftsbörse angemeldet. Aber etwas stimmt nicht, der Wiederholungsversuch hat einen schalen Beigeschmack. »Sie können ruhig mitlesen«, sagt sie und rückt das Notebook zurecht, damit man einen guten Blick auf den Bildschirm hat. »Ach, der geschiedene Forstwissenschaftler, der schreibt immer so wahnsinnig lange Mails, was erzählt er denn jetzt wieder?« Er berichtet von einem Radrennen in der Eifel, das er mit seinem Sohn besucht hat. »Fänden Sie das als Frau prickelnd?« Es springt einfach bei keinem Mann ein Funke über, und keiner fängt so recht Feuer, was auch daran liegen könnte, dass Kristina Endolf beim zweiten Anlauf ihren Spüllappen-Satz wegließ. Er ist mit dem Glück verbunden, das er ihr beim ersten Anlauf brachte.

Parship offeriert für die Rubrik »Ich über mich« einen Katalog von Halbsätzen, die ich mit eigenen Aussagen vervollständigen muss, was an ein beliebtes Gesellschaftsspiel erinnert und deshalb Spaß macht. Ein Halbsatz lautet: »Eine schräge Angewohnheit von mir ist...« Hier ließen sich diverse blöde Marotten auflisten, aber blöd will ich als Parship-Bewerberin ja nun nicht rüberkommen, sondern lässig und ein bisschen originell, weshalb ich als schräge Angewohnheit angebe: »Ich sitze zum Arbeiten und Schreiben mit dem Notebook auf der Couch. Immer. Ich habe keinen Schreibtisch und keine Rückenprobleme.« Außerdem entspricht es der Wahrheit. Männliche Interessenten können sich schon mal darauf einstellen, beim Nachhausekommen eine herumlümmelnde Frau vorzufinden, die ihre Berufsausübung und somit ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit dieser Schonhaltung verdankt. Zum Profil gehören außerdem ein Foto, das für andere Börsenmitglieder nur dann sichtbar wird, wenn man es selbst freigibt, und natürlich die Basisdaten zur Person: Wohnort Berlin, 178 Zentimeter, Haare rotbraun, Beruf Journalistin, 54 Jahre.

Der Parship-Computer errechnet sofort »134 Partnervorschläge«

Nach Erkenntnis der Experten ist der Marktwert dieser Kombination schlichtweg miserabel. Es gibt zwei Gruppen, die in der Verkupplungsmaschinerie schleppend vorankommen: jüngere Männer mit eher niedrigem Bildungsniveau und Frauen im fortgeschrittenen Alter mit hohem Bildungsniveau. Der Krankenpfleger Mitte dreißig also und die Stationsärztin Mitte fünfzig. Täten die beiden Gruppen sich zusammen, sähe es in der deutschen Paarstatistik schlagartig besser aus. Dass sie es nicht tun, liegt vor allem an den Frauen. Jan Skopek, einer der Bamberger Soziologen, kommt zum gleichen Ergebnis wie die Ethnologin Julia Dombrowski, die für ihre Studie Die Suche nach der Liebe im Netz Partnerbörsianer beobachtete: Frauen haben es, je älter sie sind, umso schwerer in der Liebe, aber auch mit sich. Schnell mit Sexismusvorwürfen zur Hand, weil gleichaltrige Männer sie durch faltenfreie Kopien ersetzen, ignorieren sie die Verengung des eigenen Blicks aufs andere Geschlecht. Die Stationsärztin ist nämlich kaum bereit, mit einem Pfleger eine Beziehung einzugehen, die länger als eine Woche, also sieben Nächte dauert. Ihr Wunschobjekt ist der Chefarzt oder wenigstens ein gleichrangiger Kollege. Mögen Männer überfixiert sein auf das körperliche Kapital jugendlicher Schönheit, so sind Frauen etwas überfixiert auf das symbolische Kapital von Bildung und Status. Das Internet bringt folglich keine neuen Tendenzen der Partnerwahl hervor, verdeutlicht allerdings bestehende.

Montagmorgen. Achtzehn Nachrichten von Parship, eine überraschend gute Ernte. Ein Dutzend Mitglieder »waren als Besucher auf Ihrem Profil«, unter anderem ein Controller aus Schwaben, ein Lehrer aus Hamburg und ein Berater aus Berlin. Sechs haben »eine Anfrage geschickt«, diese aber ohne jeden Text, was so dubios wirkt wie ihre Berufsbezeichnungen, »Worker«, »Construction Engineer«, »Investment«, »Civil Engineer«. Es könnte sich um Angehörige einer Trickbetrügermafia handeln, die Gerüchten zufolge in Singlebörsen weniger Jagd auf Frauen als vielmehr auf deren ec-Karten macht. Tatsächlich: Beim Versuch, die Profile der verdächtigen Kandidaten anzuklicken, stellt sich heraus, dass Parship sie aus Sicherheitsgründen gesperrt hat. Das geht ja gut los. Noch kein toller Mann in Sicht, aber ein halbes Dutzend Gangster. Ist das ein Beweis für das Unheilvolle des Internetmarkts? Oder nur ein Beweis, dass es in ihm nicht viel anders zugeht als in der Realität, die schließlich auf eine lange Tradition der Heiratsschwindelei zurückblickt? Das Urteilsvermögen hinkt, und zwar einfach mangels kultureller Erfahrung. Der Boom des Online-Datings wurde um die Jahrtausendwende aus den USA nach Europa importiert. Das ist eine recht kurze Zeit.

An der öffentlichen Darstellung, an Filmen, Romanen, Zeitungsartikeln fällt indes eine ressentimenthaltige Tonlage auf (WirtschaftsWoche: »Bunga-Bunga-Business«, stern: »Sex und hopp«) sowie die Tendenz, nicht genau zu unterscheiden zwischen kostenpflichtigen, die Partnervermittlung steuernden Börsen wie Parship und ElitePartner, ungesteuerten Singlebörsen wie Finya.de und einschlägigen Sexbörsen namens poppen.de oder mydirtyhobby.com. Als wären Vereinshaus und Bordell auch in der Realität dasselbe. Das Bild der rund 150 Dating-Portale, die allein in Deutschland existieren, ist so vielfältig und gemischt wie das Bild der offenen Gesellschaft selbst. Es gibt Spezialportale für Pferdeliebhaber, Katholiken, Senioren, Behinderte, Schwule, Landwirte, Fesselerotiker, Vegetarier und vieles mehr. Im Virtuellen wirkt dieses Kunterbunte jedoch unheimlicher und alarmierender, weil es gesichtslos ist. Für den französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann ist Online-Dating nichts anderes als das Basislager eines neuen »sexuellen Nomadentums«. Das gab es in der Geschichte des Abendlandes immer mal wieder. Die Römer waren auch nicht ohne, bloß ohne Internet.

Das Gescheiteste dürfte sein, nicht zu warten, was sich an der Parship-Front tut, sondern selbst tätig zu werden. Für mich kommen Männer infrage, die zwischen 42 und 62 Jahre alt sind, mindestens 175 Zentimeter groß und in Berlin wohnen. Durch die halbe Republik zu reisen, um mit einem Fremden eine Tasse Kaffee zu trinken, wirkt irgendwie übertrieben und überanstrengt. Berlin ist schließlich kein Dorf. Nach diesen Kriterien hat der Parship-Algorithmus, eine Geheimformel aus Mathematik und Psychologie, »134 Partnervorschläge« errechnet, durchweg Akademiker zwischen fünfzig und sechzig Jahren. Der Algorithmus scheint recht konventionell zu denken. Die Partnervorschläge sind nach »Matching-Punkten« gestaffelt. Je mehr Punkte, umso passender der Kandidat. Das Durchforsten dieser 134 Profile könnte an einem Abend zu schaffen sein, es entspricht der Menge einer großen Party. Nur käme man bei einer Party nicht auf die Idee, 134 Männer einzeln und systematisch unter die Lupe zu nehmen. Man stellt oder setzt sich hin, schaut herum und überlässt es dem Zufall, wer in den Blick gerät.

Auf dem Bildschirm fällt er plötzlich auf einen Physiker. Er ist 56 Jahre alt und geschieden, er wandert gern, raucht, er formuliert entspannt, aber nicht nachlässig und besitzt offensichtlich Ironie. Seine »schräge Angewohnheit« lautet: »Ich setze mich zum Schuheputzen auf den Teppich vor den Fernseher.« Ein Mann mit diesem Spleen hätte keinen Grund, sich über eine Frau zu beschweren, die sich beim Arbeiten auf der Couch fläzt. Im Idealfall könnten sich beide Spleens sogar zu einer nett verschrobenen Idylle ergänzen. Der Physiker erhält nun eine Nachricht. »Sehr geehrter Unbekannter, ich gehe nicht besonders gern wandern, aber beim Schuheputzen vor dem Fernseher wäre ich sofort dabei. Beste Grüße und vielleicht bis bald, Ursula«.

In den Wochen vor Weihnachten traf sich Brigitte Warmuth mit zwei Männern, von deren orthografisch tadellosen Zuschriften sie sich viel versprach. Sie ist bei Finya.de angemeldet und bezeichnet sich dort als »arm, aber sexy«. Ihr Leben lang war sie Schalterbeamtin bei der Berliner Post. Als sie in Rente ging, zog sie in eine Souterrainwohnung am westlichen Berliner Stadtrand, deren verschattendes Dämmerlicht die Wohnqualität mindert, aber die Miete niedrig hält. Selbst jetzt im Frühsommer macht sich in ihrer Küche eine leichte Fußkälte bemerkbar. Brigitte Warmuth ist 64 und seit zwei Jahrzehnten – »na ja, ab und zu gab es so kürzere Geschichten« – allein. Die härteste Strecke des Jahres, hart durch die Abfolge heikler Daten, sind die Monate Dezember und Januar. Denn Heiligabend, Silvester und ihren Geburtstag verbringt sie mit sich und einem Piccolo, was ihr immer noch lieber sei, als sich aus Not mit einem Kreuzworträtsellöser zusammenzusetzen. »Kompromisse gehen bei mir nicht.« Sie spricht oft in solchen Sentenzen, die häufigste lautet: »Ich habe eben Ansprüche an einen Mann.« Wünschenswert wäre, wenn er wie sie die Grünen wählt, SPD ginge zur Not, CDU auf keinen Fall. Es fällt ihr schwer, beim Gespräch sitzen zu bleiben, ihr Rede- und Gestendrang drückt sie immer wieder vom Stuhl hoch, »so jemand kommt mir hier nicht rein«, wettert sie im Stehen zur Küchentür hin, als stünde direkt dahinter die Bewerberschlange der Merkel-Wähler.

Der eine Mann, den sie bei Finya.de kennengelernt hatte, war ein pensionierter Arzt. Zunächst sah alles gut aus. Sie saßen am Spätnachmittag im Café, er fragte, ob sie Lust habe, mit ihm noch essen zu gehen, er half ihr an der Garderobe in den Mantel, und als sie auf der Straße liefen und sie sich vorstellte, wie sie als Passanten nebeneinander auf einem Foto aussähen, fand sie auch das passend. So ging es ihm wohl auch. Sonst wäre er nicht plötzlich mit dieser Idee herausgerückt. »Wissen Sie was«, sagte er, »ich habe zwei Karten für die Oper, nächste Woche. Wollen Sie mit? Ich gehe sonst mit meinem Sohn, aber der schafft das nicht vor Weihnachten.« Zwei Sekunden lang, sagt Brigitte Warmuth, habe sie an das schwarze Kleid gedacht, das für solche Anlässe im Schrank hängt. Und dann dachte sie nur noch daran, wie nobel jemand leben muss, der mit Opernkarten um sich wirft und einen Doktortitel vor dem Namen hat. Sie erfand eine Ausrede, verabschiedete sich mitten auf der Straße, rannte nach Hause, löschte bei Finya.de den Arzt aus ihren Kontakten. »Der war mir einfach zu hoch. Der wusste ja nicht mal, dass ich nur Realschule habe.«

Ein paar Tage später traf Brigitte Warmuth einen Rentner von Finya.de, drei Jahre älter als sie, die menschliche Wellenlänge stimmte auf Anhieb, auch die wirtschaftliche, er schaute auf der Speisekarte nach den Preisen und bestellte nur ein Mineralwasser. Sie beschlossen, noch zum Weihnachtsmarkt am Charlottenburger Schloss zu fahren, »auf einen schönen Glühwein«. Das Getümmel am Glühweinstand schob sie eng aneinander. In der Menschenmenge stellte sich die Vertraulichkeit des Zuzweitseins ein, und er erzählte, dass er dreimal die Woche noch etwas dazuverdiene. Sie wurde fast wehmütig, als sie merkte, wie ihre Stimmung kippte, in Abwehr und Alarm. Aber es war nichts mehr zu retten.

Warum? Was wäre so schlimm an einem Mann, der ab und zu die Herrentoilette am U-Bahnhof Wannsee bewacht? Sie weiß es selbst nicht genau. Sie legt den Kopf in den Nacken, lehnt sich mit erhobenen Armen nach hinten, als müsse sie sich von Gerüchen entfernen, die von den Bodenfliesen ihrer Küche aufsteigen. Mit einem Ruck sitzt sie wieder gerade. »Jetzt denken Sie bestimmt, auf was für einen Prinzen wartet diese Frau Warmuth eigentlich. Das denken Sie doch, oder?« Sie springt auf, um die Deckenlampe anzumachen. Auf dem Weg zum Schalter dreht sie sich um, fuchtelt wieder ein bisschen zu viel, lacht eine Spur zu laut. »Na ja, ich warte eben auf George Clooney. Aber der wartet ja nicht auf mich.« Rund um den Globus wird dieser Witz vermutlich einmal pro Stunde gemacht. In einer klammen Souterrainwohnung, in die sonst niemals ein Mensch zu Besuch kommt, verbreitet er eine unendliche Traurigkeit und Vergeblichkeit.

Schon heute beginnt etwa jede dritte neue Beziehung im Internet

Wie viele Menschen in Kuppelbörsen ihr Glück finden, lässt sich mit seriösen Zahlen nicht belegen. Nach Schätzungen, die aber auf Angaben der Unternehmen zurückgehen, nimmt in Deutschland ein Drittel aller Beziehungen seinen Anfang im Internet. Das könnte schon zu hoch gegriffen sein. Manches Börsenmitglied kapituliert nach einer Weile vor der Nüchternheit des Prozederes, empfindet das Sichselbstfeilbieten auf Dauer als demütigend. Die technische Rationalität des Vorgangs scheint alles zu durchkreuzen, was wir mit romantischer Liebe verbinden – Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Zauber der Intuition. In modernen, säkularisierten Gesellschaften besitzt die romantische Liebe jedoch einen einzigartigen Rang. Sie gilt als letzter Funkenflug der Transzendenz. Nur haben moderne Gesellschaften außerdem ein Problem: Die Freiheit der Partner- und Liebeswahl kippt um in Ratlosigkeit, wer denn nun der oder die Richtige fürs Leben sein soll. Noch im 19. Jahrhundert heiratete der Bauernsohn die Bauerntochter, weil die Felder der Familien günstig nebeneinanderlagen, und der städtische Bürger benötigte eine Frau aus seinen Kreisen, die in erster Linie einen bürgerlichen Haushalt zu führen verstand. Wir hingegen sind darauf angewiesen, einen Menschen zu finden, der unseren höchst subjektiven Fantasien und Normen entspricht. Die Gesellschaft hat sich verabschiedet aus der »Lenkung der Gefühle«, wie die Wissenschaft die Funktionsweise formaler Heiratsmärkte nennt. Online-Dating führt sie wieder ein und füllt damit ein Vakuum. »Das stimmt«, meint der Soziologe Ulrich Beck, »man kann solche Börsen als Rekonstruktion traditioneller Heiratsmärkte betrachten. Aber es gibt einen Unterschied: Heiratsmärkte sind überschaubar, das Prinzip des Internets aber ist die Unendlichkeit.«

Als Sven Schütte in der Tür seiner Dachwohnung in Prenzlauer Berg steht, ist der Gedanke, was so jemand bei den Internetsingles zu suchen hat, unvermeidlich. »Reinspaziert in die Junggesellenbude!«, ruft er und lässt den Arm schwungvoll nach hinten kreisen. »Schuhe können Sie anlassen, ich muss sowieso morgen durchputzen.« Sven Schütte ist schön wie der junge Alain Delon, nur herzlicher und sympathischer, 34 Jahre alt, erfolgreicher Werber. Ein Mann, der eigentlich nur um den Block spazieren müsste, um zehn Frauen zu finden, von denen zwei am Tag darauf mit dem Möbelwagen kämen. Seine Wohnung ist schick, aber nicht steril, »also Platz wäre da für Frau und Kind, sehn Sie ja«. Aber es hapert. Es hapert seit vier Jahren mit der Besetzung der weiblichen Hauptrolle in Sven Schüttes Leben.

An seinem dreißigsten Geburtstag schloss er beim Champagnertrinken mit den Agenturkollegen eine Wette ab, dass er den nächsten Geburtstag mit einem Ring am Finger feiern werde. Die Sportlichkeit dieser Zielsetzung war vielleicht ein Fehler. Die Phantombeschreibung der Frau hingegen, die er sich vorstellt, dürfte eine echte Falle sein. Denn es handelt sich um die perfekte Mischung aus Hollywood und Harvard. Sven Schüttes Idealfrau soll: Auslandserfahrung und Anmut, einen nicht zu wuchtigen Busen und einen sehr scharfen Verstand besitzen, sie soll schlank, naturblond, langmähnig, kultiviert und dabei kumpelhaft sein. Sven Schütte kann seinen Perfektionswahn wunderbar selbst parodieren. »Also«, sagt er und deutet wie ein alter Oberlehrer mit dem Zeigefinger auf einen Punkt an der Wand, »was die Körpergröße betrifft, sollte sich der Mund meiner Frau genau auf dieser Höhe befinden. Ich will mich ja nicht verrenken beim Küssen.« Auf der Rückseite der Selbstironie zeichnet sich der Schatten einer seltsamen, schwer verständlichen Resignation ab. Denn je intensiver er sucht – und er sucht gleichzeitig bei zwei Börsen –, desto geringer wird die Zuversicht, sich mal wieder volle Kanne verlieben zu können. Manchmal, erzählt er, überfalle ihn schon auf dem Weg zu einem Date die Vorahnung der Enttäuschung, noch bevor er die Frau überhaupt gesehen, bevor er sie begrüßt hat. »Das ist total verrückt, aber es ist so.«

Er prüfte Bewerberinnen so gründlich wie möglich, im Sitzen wie im Liegen

In den vergangenen vier Jahren hat Sven Schütte rund tausend Profile von Frauen durchgemustert, pro Monat mindestens zwei getroffen und »mit ziemlich vielen geschlafen«, was »auch nicht so die Hitidee war«. Denn oft bestand die Idee ganz einfach darin, eine Bewerberin so gründlich wie möglich, das heißt im Sitzen wie im Liegen zu prüfen. Es kam vor, dass er morgens, während eine One-Night-Stand-Dame unter der Dusche stand, die »ganz okay«, aber eben unvollkommen war, schnell nachschaute, ob es weibliche Neuanmeldungen in seinen Börsen gab. Eigentlich passt diese Zwanghaftigkeit gar nicht zu ihm. Nichts in seiner Wohnung lässt auf Pedanterie, nichts an seinem Verhalten auf Verbissenheit schließen. Für den Besuch hat er Kaffee gekocht und zehn Kuchenstücke eingekauft. Als er sie auspackt, wirft er das Papierknäuel wie ein tänzelnder Basketballspieler quer durch den Raum zum Mülleimer, neben dem es liegen bleibt. Er ist nicht nur der Prototyp des jungen, netzaffinen Online-Daters. Er ist auch der Prototyp des modernen Ratlosen, der befürchtet, bei einer so gewichtigen Sache wie der Partnerwahl etwas falsch zu machen, und der Verlockung der Systematik erliegt.

Dienstag. Als Erstes fische ich die Rechnung von Parship aus dem Briefkasten, drei Monate Mitgliedschaft kosten 187,30 Euro. Die Gangster sind endgültig verschwunden, dafür scheinen sich jetzt die Verrückten zu melden. Ein IT-Berater schreibt: »Hi. Ich sende dir kosmische Kraft. Manfred aus Brandenburg«. Ein Selbstständiger schickt eine etwa vier Manuskriptseiten lange Nachricht in spanischer Sprache. Soweit verstehbar, handelt es um einen Hassausbruch gegen rassistische Frauen im Allgemeinen und deutsche Rassistinnen im Speziellen. Auch Beate Zschäpe aus der Zwickauer Terrorzelle kommt vor. Aber glücklicherweise ist Post vom Physiker da. »Liebe Unbekannte, damit Sie kein falsches Bild von mir bekommen, möchte ich erwähnen, dass ich natürlich Zeitungspapier ausbreite, bevor ich mich zum Schuheputzen auf den Teppich setze. Es kommt übrigens höchstens viermal im Jahr vor. Verglichen mit Ihnen finde ich mich geradezu zivilisiert. Wahrscheinlich sitzen Sie in Schlabberklamotten zum Schreiben auf der Couch. Was und worüber schreiben Sie eigentlich? Sie sind ein bisschen sparsam mit Ihren Mitteilungen, ich würde mich freuen, mehr von Ihnen zu erfahren. Beste Grüße«.

Starker sächsischer Dialekt aus dem Mund eines Mannes ist ein Problem

Donnerstag. Der Physiker antwortet: »So ist das also. Sie suchen hier gar keinen Mann, sondern nur ein bisschen Material für einen Zeitungsartikel. Ich finde, wenn Sie mich schon als Versuchskaninchen benutzen, könnten Sie mich als Gegenleistung wenigstens auf einen Kaffee einladen. Wie wäre es mit dem übernächsten Wochenende? Vielleicht um 17 Uhr? Ort überlasse ich gern Ihnen, und wenn Sie gar nicht mögen, verstehe ich das natürlich. Mit lieben Grüßen«. Das Foto, das er freigeschaltet hat, zeigt ein gut geschnittenes Gesicht mit Dreitagebart. Den Physiker und mich verbinden 109 Matching-Punkte, was ausgesprochen viel ist. Das Höchstmögliche sind 140, das Niedrigste 60 Punkte.

Die Frage, welche Kleidungsstücke einem solchen Treffen entsprechen, bedarf strategischer Überlegungen. Weder aufgedonnert noch graumäusig – so viel ist klar. Besser Hose als Rock. Aus dem einfachen Grund, weil Hosen eine Beinstellung erlauben, die es aller Erfahrung nach leichter macht, ein verkrampftes Gespräch durchzustehen. Keine Bluse. Hose und Bluse sieht sofort nach typischem Business-Look aus. Schwarz sollte nicht dabei sein, es ist die klassische Verlegenheitsfarbe, aber etwas Gemustertes. Aus der Summe dieser Kriterien ergibt sich die Alltagskombination beige Hose, gestreiftes T-Shirt und eine Jacke, für den Fall, dass es kühl wird. Denn der beste Ort dürfte ein Café mit Terrasse sein. Im Freien ließe sich eine eventuell notwendige Flucht unauffälliger einleiten.

Der Physiker ist nach seinen Angaben im Parship-Profil 186 Zentimeter groß. Das dürfte es leicht machen, ihn zu erkennen. Der da drüben, der neben den Tischen steht und sich diskret umschaut, muss er sein. Er schaut her, reagiert aber nicht. Es ist 17.10 Uhr, und es gibt auf der Terrasse nur eine einzige Frau, die allein an einem Tisch sitzt. Auf ein zaghaftes Winken hin nähert sich der Diskrete dem Tisch, stellt sich vor, setzt sich auf den Platz gegenüber und sagt, dass er selten im Berliner Tiergarten ist, den Ort aber sehr schön findet.

Auch wenn das Treffen mehr als ein Selbstversuch wäre: Starker sächsischer Dialekt aus dem Mund eines Mannes ist und bleibt ein Problem für das Ohr. Über manche instinktive Abneigungen kann man sich beim besten Willen nicht hinweglügen. Auf der Seite des Physikers scheint es aber auch eine kleine Irritation zu geben. Nach zehn Minuten höflicher Konversation sagt er wie nebenbei und merklich um den Ton neutraler Feststellung bemüht: »Ich dachte, Sie wären blond.« Blond? Wieso denn blond? Hatte ich in meinem Profil nicht unmissverständlich als Haarfarbe rotbraun angegeben? Das Missverständnis hat sein Gutes: Auf der Ebene der kleinen, unüberwindlichen Aversionen herrscht nun Gleichstand, und ich habe nicht das geringste Problem, mich nach einer Stunde freundlich zu verabschieden. Es wäre beim Zufallskontakt in der Supermarktschlange, im Aufzug oder am Strand von Mallorca nicht anders gewesen. Keine Bruchlandung, kein coup de foudre, nur ganz normales, durchschnittliches Leben. Vermutlich ist es so, dass die technische Rationalität des Internet-Datings die Romantik der Liebe nicht zerstört, sondern sie im Gegenteil betont. Denn wenn sie fehlt, geht eben nichts. Und wenn sie erscheint, lässt sie sich in Wahrheit nicht berechnen. Lilly Goodsmith und Sebastian Schnitthelm hatten 62 Matching-Punkte. Das liegt an der Unterkante erwartbarer Übereinstimmung.

*Alle Namen von der Redaktion geändert

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Leserkommentare
    • reineke
    • 03. August 2012 15:27 Uhr

    bloß keine Abenteuer
    hier spiegelt sich eine Gesellschaft wider ,die meint jeden Furz mit Perfektion betreiben zu müssen
    ein vom Computer berechnetes Bauchgefühl
    alles muß stimmen ,bei vielen vor allem der Kontostand
    dann klappts mitunter auch mit einem aufgequollenen Ungetüm
    aber jedem das seine ,perfekte Enttäuschung inclusive

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    Sie haben recht. Man sollte nur nach Äußerlichkeiten gehen.

  1. Gerade gestern teilte mir ein Psychotherapeut den allgemeinen Eindruck aus der Arbeit mit seinen Klienten mit, dass in Zeiten von „facebook“ und unzähligen Partnerbörsen das „Beziehungsgeschäft“ immer schnelllebiger und flacher wird, und die Partner ohne Zögern ausgetauscht werden, wenn eine andere, „bessere“ Bedürfnisbefriedigung winkt.

    Es geht meiner Ansicht nach bei der Liebe ums Geben ohne Erwartung einer Gegenleistung, nicht zuerst darum, dass ich das Erwünschte erhalte. Jemand zu beurteilen, zu bewerten im Ausmaß der Merkmale, die zur eigenen Bedürfnisbefriedigung geeignet erscheint, das ist das Gegenteil von Liebe. Und „perfekte“ Partner gibt es auch nicht, weil Menschen nicht perfekt sind.

    Der Versuch, Liebesbeziehungen zu etwas Berechenbarem, nach einem „effizienten Verfahren“ per Mausklick Planbarem zu machen, ist meiner Ansicht nach ein Symptom unserer Zeit, in der viele Menschen die echte Hinwendung zum Anderen fürchten. Diesen Markt bedienen die beworbenen Online-Partnerbörsen.

    Eine Leserempfehlung
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    Auch wenn ich bei erstem Punkt voll zustimme, so glaube ich nicht, dass dies so wirklich am online-dating und interet liegt.

    Vielmehr sind es doch die Medien, Firmen, Politik, blah, die uns eintrichtern von klein auf, dass wir alles sein können (solange wir angepasst sind) und ganz schnell "nur für uns" erfolgreich sein müssen, damit wir uns all das tolle leisten können, das jeden Monat so neu rauskommt. Wer da nicht mit macht ist eben Aussenseiter und Spaßverderber und Verlierer sowieso..
    Dann ist es natürlich auch kein Wunder, dass die Leute das auf die zwischenmenschlichen Beziehungen übertragen wenn das restliche Leben auch nur noch dazu da ist um schnelle Befriedigung und inhaltsleeren Spaß zu haben. Online dating-sites und internet communities sind da wirklich nur ein Mittel, das einfach passt um es auf die Spitze zu treiben.

    Und auch wenn Sie recht haben, dass Liebe bedeuted den anderen glücklich sehen zu wollen, geht es in einer guten Beziehung doch sehr wohl um das Erfüllen von Wünschen und Bedürfnissen. Das hat auch nichts mit perfekt zu tun sondern einfach damit, dass man sich bewusst macht was man persönlich braucht (Romantik oder Leidenschaft oder viel Sex oder intelligente Gespräche oder zusammen sich mit Marmelade vollschmieren).
    Und da helfen online-profile einfach sehr um gleich von vornherein zu sehen wer passen KÖNNTE. Sich treffen und kennenlernen muss man ja trotzdem noch immer.

    Die unendliche Auswahl an potentiellen Partnern in den großen Singlebörsen verführt offenbar zu einer gewissen Shopping-Einstellung.
    Wenn der jetzige Kontakt nicht mängelfrei ist, dann muß es doch auf diesem gewaltigen Markt einen besseren geben.

    Unter der Prämisse, daß es den perfekten Partner gibt, ist es dann nur folgerichtig, wenn der Suchende keine Kompromisse einzugehen bereit ist, Fehler gnadenlos bemängelt und jedes Geben und Nehmen aufrechnet.

    k.

  2. Sie haben recht. Man sollte nur nach Äußerlichkeiten gehen.

    Antwort auf "alles muß stimmen "
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    • drbtmde
    • 06. August 2012 17:42 Uhr

    Es soll ja Leute geben, die ohne dieses Zaubermedium niemals in den Genuss der Liebe kämen - weil sie sich außerhalb des Netzes nicht verkaufen können. Insofern ist die online-Partnerbörse eine große soziale Bereicherung.

  3. wie immer.
    Ich denke, dass die Kriterien, nach denen jemand im Internet nach einem Partner sucht, die gleichen sind, nach denen er außerhalb des Netzes suchen würde.
    Insofern ist eine online-Partnervermittlung nur die logische Konsequnez und bringt keine neue Qualität in die Kunst der Aufnahme menschlicher Beziehung, davon abgesehen, dass das Ganze direkter geworden ist, was auch nicht per se schlecht ist.

    Ob ich nun in einer Kneipe mit jemandem rede und nach einiger Zeit feststelle, dass ich aber auch gar nichts mit demjenigen gemein habe, oder auf ein Profil schauen kann, macht die Sache vielleicht effizienter, ändert aber wieder qualitativ nichts.

    Andererseits bietet Dating-Portale die Möglichkeit, außerhalb der eigenen Komfortzone zu suchen, was sehr gut sein kann.

    Außerdem ist es sicher nicht schlecht, wenn man ehrlich so ein komplexes Profil anlegt, denn man ist gezwungen, über sich selber und seine Wünsche, Träume und Ziele nachzudenken.

    Nachteile gibt es bestimmt auch, da wäre zum Beispiel eine "nächste/r!"-Mentalität, bei der mit geringerer Hemmschwelle ein potentieller Kontakt abgelehnt wird.
    Aber, wie auch die Beispiele zeigen: Oberflächliche Menschen sind im wie außerhalb des Netzes oberflächlich. Das hat nichts mit dem Internet zu tun.

    Es ist wie immer: Jedes neue Medium bietet Chancen aber auch Gefahren.

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    Danke für einen absolut vernünftigen Beitrag. Ich habe meinen aktuellen Partner über eine kostenlose, allerdings englisch-sprachige Dating-Seite kennengelernt(www.okcupid.com) Wir haben gemailt, ge-smst, uns getroffen - und BÄNG! Ich hatte mich vorher bereits mit vielen getroffen - und früh gelernt, keinerlei Erwartungen zu haben. Virtuell und real sind zwei vollkommen getrennte Welten und nichts, aber auch gar nichts, muss übereinstimmen. Wenn es das tut, ist das toll. Dann hat frau mindestens einen schönen Abend gehabt. Wenn nicht, Pech. Aber Erwartungen sind das größte Risiko überhaupt.

    P.S. Muss man es echt sagen? Kein erstes Treffen im eigenen Haus? Hallo, gesunder Menschenverstand, wo bist Du?

  4. Auch wenn ich bei erstem Punkt voll zustimme, so glaube ich nicht, dass dies so wirklich am online-dating und interet liegt.

    Vielmehr sind es doch die Medien, Firmen, Politik, blah, die uns eintrichtern von klein auf, dass wir alles sein können (solange wir angepasst sind) und ganz schnell "nur für uns" erfolgreich sein müssen, damit wir uns all das tolle leisten können, das jeden Monat so neu rauskommt. Wer da nicht mit macht ist eben Aussenseiter und Spaßverderber und Verlierer sowieso..
    Dann ist es natürlich auch kein Wunder, dass die Leute das auf die zwischenmenschlichen Beziehungen übertragen wenn das restliche Leben auch nur noch dazu da ist um schnelle Befriedigung und inhaltsleeren Spaß zu haben. Online dating-sites und internet communities sind da wirklich nur ein Mittel, das einfach passt um es auf die Spitze zu treiben.

    Und auch wenn Sie recht haben, dass Liebe bedeuted den anderen glücklich sehen zu wollen, geht es in einer guten Beziehung doch sehr wohl um das Erfüllen von Wünschen und Bedürfnissen. Das hat auch nichts mit perfekt zu tun sondern einfach damit, dass man sich bewusst macht was man persönlich braucht (Romantik oder Leidenschaft oder viel Sex oder intelligente Gespräche oder zusammen sich mit Marmelade vollschmieren).
    Und da helfen online-profile einfach sehr um gleich von vornherein zu sehen wer passen KÖNNTE. Sich treffen und kennenlernen muss man ja trotzdem noch immer.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    „... dass Liebe bedeuted den anderen glücklich sehen zu wollen, geht es in einer guten Beziehung doch sehr wohl um das Erfüllen von Wünschen und Bedürfnissen.“

    Ja sicher, ich schreibe auch nicht davon, dass es gut wäre, selber bedürfnislos zu sein. Aber die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ist in meiner Sicht auf die Liebe nicht das, worum es zuerst geht.

  5. Ich bin traurig - auch die ZEIT ist jetzt endgültig unter die Verramscher wie BILD, Focus etc. eingereiht. Der Hinweis darauf, daß die ZEIT Mitinhaber von Parship ist reicht nicht!!! Warum nicht ganz offen sagen, daß hier eine Promotion veröffentlicht wird - und dann damit eine scheinhafte Seriosität vortäuscht...schauen Sie mal auf die vielen Links unter dem Thema "Partnerschaft"!

    Nur mal zur Info:
    Mittlerweile tauschen alle Verlage wie Springer, Spiegel, Burda, ZEIT etc. die Adressen der Abo-Stornierer - die sind ja die besten Adressen für die Neugewinnung des größten Wettbewerbers - unglaublich! Aber darüber werden Sie nirgendwo einen Artikel finden.

    Es reicht jetzt mit dieser Verarschung!!!

    Eine Leserempfehlung
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    • abtz
    • 04. August 2012 12:44 Uhr

    dem Anklicken. Und bei der einzig wichtigen Frage wird geschummelt, was das Zeug hält: Es gäbe keine seriösen Angaben, wieviele Beziehungen im Internet starten. Glaube ich schon. Man muss sich nur trauen, die zu veröffentlichen. Und wenn ein Drittel der Beziehungen dort beginnt, heisst das ja noch nicht, dass da ein Vermittler dabei war.
    Der Anteil der Vermittler wird wahrscheinlich bei 1% liegen.

    Das Ganze kommt mir vor, wie die Geschichte mit dem e-book. Wird unheimlich viel unlautere Werbung für viel heisse Luft gemacht. Weil sich mit heisser Luft eben viel verdienen läßt.

  6. „... dass Liebe bedeuted den anderen glücklich sehen zu wollen, geht es in einer guten Beziehung doch sehr wohl um das Erfüllen von Wünschen und Bedürfnissen.“

    Ja sicher, ich schreibe auch nicht davon, dass es gut wäre, selber bedürfnislos zu sein. Aber die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ist in meiner Sicht auf die Liebe nicht das, worum es zuerst geht.

  7. können wir jetzt ein Date vereinbaren : Gut geschrieben, anregend und informativ! Kleine Warnung: ein 2.tes Lob gibt es nicht, auch nicht für (gähnend) originelle Schuhputzstories o.ä ! Also wann und wo?!

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