Parship offeriert für die Rubrik »Ich über mich« einen Katalog von Halbsätzen, die ich mit eigenen Aussagen vervollständigen muss, was an ein beliebtes Gesellschaftsspiel erinnert und deshalb Spaß macht. Ein Halbsatz lautet: »Eine schräge Angewohnheit von mir ist...« Hier ließen sich diverse blöde Marotten auflisten, aber blöd will ich als Parship-Bewerberin ja nun nicht rüberkommen, sondern lässig und ein bisschen originell, weshalb ich als schräge Angewohnheit angebe: »Ich sitze zum Arbeiten und Schreiben mit dem Notebook auf der Couch. Immer. Ich habe keinen Schreibtisch und keine Rückenprobleme.« Außerdem entspricht es der Wahrheit. Männliche Interessenten können sich schon mal darauf einstellen, beim Nachhausekommen eine herumlümmelnde Frau vorzufinden, die ihre Berufsausübung und somit ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit dieser Schonhaltung verdankt. Zum Profil gehören außerdem ein Foto, das für andere Börsenmitglieder nur dann sichtbar wird, wenn man es selbst freigibt, und natürlich die Basisdaten zur Person: Wohnort Berlin, 178 Zentimeter, Haare rotbraun, Beruf Journalistin, 54 Jahre.

Der Parship-Computer errechnet sofort »134 Partnervorschläge«

Nach Erkenntnis der Experten ist der Marktwert dieser Kombination schlichtweg miserabel. Es gibt zwei Gruppen, die in der Verkupplungsmaschinerie schleppend vorankommen: jüngere Männer mit eher niedrigem Bildungsniveau und Frauen im fortgeschrittenen Alter mit hohem Bildungsniveau. Der Krankenpfleger Mitte dreißig also und die Stationsärztin Mitte fünfzig. Täten die beiden Gruppen sich zusammen, sähe es in der deutschen Paarstatistik schlagartig besser aus. Dass sie es nicht tun, liegt vor allem an den Frauen. Jan Skopek, einer der Bamberger Soziologen, kommt zum gleichen Ergebnis wie die Ethnologin Julia Dombrowski, die für ihre Studie Die Suche nach der Liebe im Netz Partnerbörsianer beobachtete: Frauen haben es, je älter sie sind, umso schwerer in der Liebe, aber auch mit sich. Schnell mit Sexismusvorwürfen zur Hand, weil gleichaltrige Männer sie durch faltenfreie Kopien ersetzen, ignorieren sie die Verengung des eigenen Blicks aufs andere Geschlecht. Die Stationsärztin ist nämlich kaum bereit, mit einem Pfleger eine Beziehung einzugehen, die länger als eine Woche, also sieben Nächte dauert. Ihr Wunschobjekt ist der Chefarzt oder wenigstens ein gleichrangiger Kollege. Mögen Männer überfixiert sein auf das körperliche Kapital jugendlicher Schönheit, so sind Frauen etwas überfixiert auf das symbolische Kapital von Bildung und Status. Das Internet bringt folglich keine neuen Tendenzen der Partnerwahl hervor, verdeutlicht allerdings bestehende.

Montagmorgen. Achtzehn Nachrichten von Parship, eine überraschend gute Ernte. Ein Dutzend Mitglieder »waren als Besucher auf Ihrem Profil«, unter anderem ein Controller aus Schwaben, ein Lehrer aus Hamburg und ein Berater aus Berlin. Sechs haben »eine Anfrage geschickt«, diese aber ohne jeden Text, was so dubios wirkt wie ihre Berufsbezeichnungen, »Worker«, »Construction Engineer«, »Investment«, »Civil Engineer«. Es könnte sich um Angehörige einer Trickbetrügermafia handeln, die Gerüchten zufolge in Singlebörsen weniger Jagd auf Frauen als vielmehr auf deren ec-Karten macht. Tatsächlich: Beim Versuch, die Profile der verdächtigen Kandidaten anzuklicken, stellt sich heraus, dass Parship sie aus Sicherheitsgründen gesperrt hat. Das geht ja gut los. Noch kein toller Mann in Sicht, aber ein halbes Dutzend Gangster. Ist das ein Beweis für das Unheilvolle des Internetmarkts? Oder nur ein Beweis, dass es in ihm nicht viel anders zugeht als in der Realität, die schließlich auf eine lange Tradition der Heiratsschwindelei zurückblickt? Das Urteilsvermögen hinkt, und zwar einfach mangels kultureller Erfahrung. Der Boom des Online-Datings wurde um die Jahrtausendwende aus den USA nach Europa importiert. Das ist eine recht kurze Zeit.

An der öffentlichen Darstellung, an Filmen, Romanen, Zeitungsartikeln fällt indes eine ressentimenthaltige Tonlage auf (WirtschaftsWoche: »Bunga-Bunga-Business«, stern: »Sex und hopp«) sowie die Tendenz, nicht genau zu unterscheiden zwischen kostenpflichtigen, die Partnervermittlung steuernden Börsen wie Parship und ElitePartner, ungesteuerten Singlebörsen wie Finya.de und einschlägigen Sexbörsen namens poppen.de oder mydirtyhobby.com. Als wären Vereinshaus und Bordell auch in der Realität dasselbe. Das Bild der rund 150 Dating-Portale, die allein in Deutschland existieren, ist so vielfältig und gemischt wie das Bild der offenen Gesellschaft selbst. Es gibt Spezialportale für Pferdeliebhaber, Katholiken, Senioren, Behinderte, Schwule, Landwirte, Fesselerotiker, Vegetarier und vieles mehr. Im Virtuellen wirkt dieses Kunterbunte jedoch unheimlicher und alarmierender, weil es gesichtslos ist. Für den französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann ist Online-Dating nichts anderes als das Basislager eines neuen »sexuellen Nomadentums«. Das gab es in der Geschichte des Abendlandes immer mal wieder. Die Römer waren auch nicht ohne, bloß ohne Internet.

Das Gescheiteste dürfte sein, nicht zu warten, was sich an der Parship-Front tut, sondern selbst tätig zu werden. Für mich kommen Männer infrage, die zwischen 42 und 62 Jahre alt sind, mindestens 175 Zentimeter groß und in Berlin wohnen. Durch die halbe Republik zu reisen, um mit einem Fremden eine Tasse Kaffee zu trinken, wirkt irgendwie übertrieben und überanstrengt. Berlin ist schließlich kein Dorf. Nach diesen Kriterien hat der Parship-Algorithmus, eine Geheimformel aus Mathematik und Psychologie, »134 Partnervorschläge« errechnet, durchweg Akademiker zwischen fünfzig und sechzig Jahren. Der Algorithmus scheint recht konventionell zu denken. Die Partnervorschläge sind nach »Matching-Punkten« gestaffelt. Je mehr Punkte, umso passender der Kandidat. Das Durchforsten dieser 134 Profile könnte an einem Abend zu schaffen sein, es entspricht der Menge einer großen Party. Nur käme man bei einer Party nicht auf die Idee, 134 Männer einzeln und systematisch unter die Lupe zu nehmen. Man stellt oder setzt sich hin, schaut herum und überlässt es dem Zufall, wer in den Blick gerät.

Auf dem Bildschirm fällt er plötzlich auf einen Physiker. Er ist 56 Jahre alt und geschieden, er wandert gern, raucht, er formuliert entspannt, aber nicht nachlässig und besitzt offensichtlich Ironie. Seine »schräge Angewohnheit« lautet: »Ich setze mich zum Schuheputzen auf den Teppich vor den Fernseher.« Ein Mann mit diesem Spleen hätte keinen Grund, sich über eine Frau zu beschweren, die sich beim Arbeiten auf der Couch fläzt. Im Idealfall könnten sich beide Spleens sogar zu einer nett verschrobenen Idylle ergänzen. Der Physiker erhält nun eine Nachricht. »Sehr geehrter Unbekannter, ich gehe nicht besonders gern wandern, aber beim Schuheputzen vor dem Fernseher wäre ich sofort dabei. Beste Grüße und vielleicht bis bald, Ursula«.

In den Wochen vor Weihnachten traf sich Brigitte Warmuth mit zwei Männern, von deren orthografisch tadellosen Zuschriften sie sich viel versprach. Sie ist bei Finya.de angemeldet und bezeichnet sich dort als »arm, aber sexy«. Ihr Leben lang war sie Schalterbeamtin bei der Berliner Post. Als sie in Rente ging, zog sie in eine Souterrainwohnung am westlichen Berliner Stadtrand, deren verschattendes Dämmerlicht die Wohnqualität mindert, aber die Miete niedrig hält. Selbst jetzt im Frühsommer macht sich in ihrer Küche eine leichte Fußkälte bemerkbar. Brigitte Warmuth ist 64 und seit zwei Jahrzehnten – »na ja, ab und zu gab es so kürzere Geschichten« – allein. Die härteste Strecke des Jahres, hart durch die Abfolge heikler Daten, sind die Monate Dezember und Januar. Denn Heiligabend, Silvester und ihren Geburtstag verbringt sie mit sich und einem Piccolo, was ihr immer noch lieber sei, als sich aus Not mit einem Kreuzworträtsellöser zusammenzusetzen. »Kompromisse gehen bei mir nicht.« Sie spricht oft in solchen Sentenzen, die häufigste lautet: »Ich habe eben Ansprüche an einen Mann.« Wünschenswert wäre, wenn er wie sie die Grünen wählt, SPD ginge zur Not, CDU auf keinen Fall. Es fällt ihr schwer, beim Gespräch sitzen zu bleiben, ihr Rede- und Gestendrang drückt sie immer wieder vom Stuhl hoch, »so jemand kommt mir hier nicht rein«, wettert sie im Stehen zur Küchentür hin, als stünde direkt dahinter die Bewerberschlange der Merkel-Wähler.