Aids-ForschungEine Generation ohne AIDS

HIV ist vielleicht bald besiegbar – ein politischer Erfolg der Schwulenbewegung. von 

© JEWEL SAMAD/AFP/Getty Images

Der Satz klingt kühn, ja größenwahnsinnig: Aids ist besiegbar, das Ende der Epidemie rückt näher. Das ist die Botschaft der 19. Welt-Aids-Konferenz in Washington.

In Zeiten von Megakrisen gute Nachrichten zu verbreiten zieht den Verdacht ungebührlicher Naivität nach sich – zumal dann, wenn diese Nachrichten aus Amerika kommen und im selben Satz sowohl George W. Bush als auch die Schwulen- und Lesbenbewegung erwähnen. Doch wenn es etwas zu feiern gibt, dann die Wende im Kampf gegen Aids, wie sie dieser Tage in Washington ausgerufen wird. Eine Wende von der Defensive in die Offensive, von der Entschlossenheit, Schlimmeres zu verhindern, zur Perspektive einer aidsfreien Generation von Menschen. Frei von Aids, das heißt: Infektionsrate null. Dass dieses Ziel jetzt erreichbar erscheint, ist ein Verdienst der Schwulenbewegung, allen voran der amerikanischen. Und ein bisschen ist es auch das Verdienst von George W. Bush.

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Es ist gut dreißig Jahre her, dass in Amerika erstmals bei schwulen Männern das acquired immune deficiency syndrom e diagnostiziert wurde. In der Reagan-Ära sah man darin kein Signal für gesundheitspolitischen Handlungsbedarf, sondern eine Strafe Gottes für abartiges Sexualverhalten. Mit dem Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung ist diese Politik noch milde beschrieben, aber im Nachhinein haben die Konservativen von damals das provoziert, was sie nie und nimmer wollten: eine Mobilisierung der Schwulen- und Lesbenbewegung, die sich schließlich als big player auf die politische Bühne katapultierte.

Diese Minderheit hat innerhalb weniger Jahre so ziemlich alle Spielregeln des politischen Aktivismus auf den Kopf gestellt: Sie hat mit oft schrillen, aber nur selten militanten Aktionen gegen die Stigmatisierung angekämpft zu einer Zeit, als ein Händedruck mit einem Aids-Kranken schon als ansteckend galt. Sie hat Forschung, Industrie und Politik gezwungen, sich mit dem Virus zu befassen. Sie hat der eigenen Schwulenszene Safer Sex eingebläut. Den größten Erfolg aber erzielte sie eher unwillentlich bei der religiösen Rechten. Die meisten Schwulen in New York oder San Francisco liefen nicht mit der Bibel unterm Arm herum, als sie in den 80er und 90er Jahren in einer ziemlich einmaligen landesweiten sozialen Initiative die Hauspflege ihrer kranken Freunde und Bekannten organisierten. Doch die konservativen Evangelikalen waren plötzlich mit einem Bild von Homosexuellen konfrontiert, das so gar nicht in das Klischee von Sodom und Gomorrha passte: das der Nächstenliebe bis zum Tod.

Die christliche Rechte sah sich trotz ihres anhaltenden homophoben Furors herausgefordert. Fighting Aids wurde auch ihr zu einem Anliegen – natürlich unter konservativen Vorzeichen. An George W. Bushs Notfallplan zur Aids-Bekämpfung (PEPFAR) gibt es vieles auszusetzen, nicht zuletzt die darin verpackte ideologische Ablehnung von Kondomen. Aber sein Entschluss 2003, über fünf Jahre lang 15 Milliarden Dollar zur Aids-Bekämpfung in Afrika zu investieren, hat der globalisierten Antwort auf eine globale Epidemie einen massiven Schub gegeben. In Sub-Sahara-Afrika erhalten heute über sechs Millionen Menschen antiretrovirale Medikamente. Vor zehn Jahren waren es ein paar Hunderttausend.

Natürlich stecken in dieser Erfolgsgeschichte Rückschläge und bittere Kapitel. Allein die Zahlen – 35 Millionen Aids-Tote weltweit und derzeit 34 Millionen HIV-Infizierte, die Hälfte davon bereits erkrankt – sind ungeheuerlich. Bis 2015 sollen, so die Zielmarke der UN, alle Aids-Kranken mit den entsprechenden Medikamenten versorgt, die Rate der Neuinfektionen halbiert und die der infizierten Neugeborenen auf null gesenkt sein.

Ob der politische Wille jetzt dazu ausreicht, ist bei allem Optimismus auf der Washingtoner Konferenz keineswegs sicher. Aids-Bekämpfung ist globale Gesundheitspolitik, sie bedarf der permanenten globalen Kommunikation und der ständigen Anpassung an neue Probleme. Das funktioniert ungleich besser als beim Klimawandel, aber es gibt eben auch Ausfallkandidaten. Russland zum Beispiel zeigt sich unfähig, seine Aids-Patienten kontinuierlich mit den teuren Medikamenten zu behandeln, was zur Entwicklung von Resistenzen führen kann. Und auch die große Mehrheit der willigen Nationen wird mit Verweis auf die Finanzkrise die Hand fester auf dem Geld halten. Barack Obama plant Kürzungen des PEPFAR-Programms. Sollen in den kommenden zwei Jahren tatsächlich weltweit alle Aids-Kranken versorgt werden, kostet das zusätzliche sieben Milliarden Dollar im Jahr. In diesen Zeiten weiß man nicht mehr, ob das viel oder wenig ist. Die Rettung einer Bank ist jedenfalls um ein Vielfaches teurer.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die eine Verschwörung nahelegen. Danke, die Redaktion/jp

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