Christopher Lauer, Fraktionschef der Piraten im Berliner Abgeordnetenhau © Adam Berry/Getty Images

Ich bin also auf dieser Podiumsdiskussion, das Thema lautet »Die Politik der 30-Jährigen«. Mit mir auf dem Podium sitzt auch Nina Pauer, eine Journalistin der ZEIT, die ich, als ich sie sehe, in der Wikipedia nachschlage. Ich denke mir, du nimmst diese Podiumsdiskussionen nicht ernst genug, du müsstest dich vorbereiten. Stattdessen setzt du dich erst eine Stunde vorher damit auseinander, mit wem du da sitzt. Das merkt aber keiner, weil an mir ja »Fraktionsvorsitzender« und »Pirat« dransteht und Christopher Lauer mittlerweile eine eigene Kategorie sein könnte, in die man Menschen einordnet.

Einige Tage später wird Pauer einen Artikel über unsere Begegnung schreiben. Sie wird den Piraten vorwerfen, dass sie kein Manifest haben.

In der Podiumsdiskussion, in der es ja eigentlich um eine Generation und deren Politik gehen sollte, geht es am Ende nur um den Teil der Generation, der als Piraten Politik macht.

Ich versuche zu erklären, warum ich Pirat geworden bin und was das für eine Politik sein könnte, die Piraten machen. Ich spreche von gesellschaftlicher Teilhabe aller, aktivem Einmischen in Politik statt passivem Ertragen, Utopien denken und sie umsetzen.

Nach der Diskussion stehe ich mit Nina Pauer beim Bier. Wir unterhalten uns darüber, wie es ist, für die ZEIT zu arbeiten, und darüber, Politiker einer jungen, aufstrebenden Partei zu sein. Ein Berliner Pirat gestellt sich zu uns. Er sagt, dass er sich gerne mehr einbringen würde, aber nicht wisse, wie. Es entspinnt sich eine Diskussion. Plötzlich fragt Pauer mich, warum sie uns nicht wählt und was passieren müsste, damit sie uns wählt. Mit uns sympathisieren würde sie ja schon. Irgendwie zumindest. Sie will ein Manifest. Ich sag ihr, ja, so ein Manifest wäre mit Sicherheit nicht schlecht, ich hab aber keine Zeit, es zu schreiben, schreib du es doch. Das macht sie wütend. Ich bin doch der Politiker, denkt sie wahrscheinlich. Und ich denke, meine Güte, kannst du dir vorstellen, mit was für banalem, bürokratischem Zeug ich mich beschäftigen muss? Kranzniederlegungen, einen Ersatz für eine in Elternzeit gehende Mitarbeiterin finden, Rechnungen unterschreiben. Stellen Sie sich einen Möbelpacker auf dem Weg in den vierten Stock ohne Aufzug vor, der zwei Umzugskisten trägt und auf dem Rücken ein Klavier balanciert. Das bin ich.

Wenn ich Nina Pauer sage, sie soll den Piraten das Manifest schreiben, was dazu führen würde, dass sie dann auch Piraten wählt, dann tue ich das nicht mit Häme, sondern in dem Wissen, dass sie wahrscheinlich intelligent und engagiert genug ist, um ein solches Manifest zu schreiben. Sie müsste es halt nur tun. Das ist eben Politik: Man muss Dinge tun. Die Piraten haben sich gegründet, um die Gesellschaft zu verändern. Das machen sie gerade. Die Gesellschaft verändert sich nicht dadurch, dass ich zu Hause sitze und denke, Angela Merkel müsste ein Manifest schreiben um mich abzuholen. Die Gesellschaft verändert sich dadurch, dass Menschen Dinge tun. Eine Partei ist Abbild der Gesellschaft. Institutionalisierung und die damit einhergehenden Probleme sind nicht geplant. Sie passieren. Auch bei den Piraten. Das heißt, wenn man etwas bei den Piraten verändern möchte, genau wie in der Gesellschaft, muss man halt Dinge tun. Und zwar in der Partei. Die tut man aber nicht dadurch, dass man mir beim Bier »Man müsste mal« sagt. Ich kann in solchen Situationen nämlich auch nur noch nicken und sagen: Klar, hast du recht, aber ich habe gerade keine Zeit dafür.

Mein Leben besteht seit dem 18. September 2011 aus einem Trilemma: Ich muss ständig entscheiden, ob ich mich auf meine Arbeit als Abgeordneter konzentriere, ob ich Parteiarbeit mache oder versuche, die Reste meines Privatlebens aufrechtzuerhalten – in dem Wissen, dass Gespräche beim Bier danach in der ZEIT erscheinen können und ich in der Öffentlichkeit nur noch persönlich, aber nie wieder privat sein kann. Es gibt viele Dinge, die ich zusätzlich machen könnte, aber mir fehlt schlichtweg die Arbeitskraft dazu. Das heißt, entweder besuche ich viele Parteistammtische und mache viele öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen, um »die Leute abzuholen«, oder ich konzentriere mich auf meinen Job als Abgeordneter, weil das nun mal das ist, wofür die Piraten und ich gewählt worden sind. Dinge tun. Im Parlament. Das Privatleben verliert ja eh gegenüber Pflicht und Verantwortung.